[WestG] [AKT] Geschichtsort Villa ten Hompel - Newsletter

Bodden, Lina lina.bodden at lwl.org
Mi Dez 15 09:57:39 CET 2021


Von: "Villa ten Hompel" <noreplyvth at stadt-muenster.de>
Datum: 10.12.2021, 09:34


AKTUELL

Geschichtsort Villa ten Hompel - Newsletter

Themen des Newsletters Dezember 2021

- 80 Jahre danach: #DeportationenSichtbarMachen
 - Nachbarn von nebenan - verschollen in Riga


Guten Tag!

Hunderte als jüdisch markierte Männer, Frauen und Kinder aus dem Münsterland wurden ab Dezember 1941 in Ghettos in den Osten Europas deportiert. Das Ziel der Täter: Die Ausgrenzung und Vernichtung von Menschen, die nicht als Teil der "deutschen Volksgemeinschaft" galten. In diese Deportationen waren auch im Münsterland viele Menschen involviert: neben Polizei auch Verwaltungen - und Nachbarn.

Zum 80. Mal jährt sich am 13. Dezember die erste Verschleppung von Jüdinnen und Juden aus dem Münsterland. In Gedenken an die Deportierten wurden zahlreiche Gedenkveranstaltungen geplant, doch Corona macht uns allen zu schaffen. Pandemiebedingt musste der für den 13. Dezember von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (CJZ) geplante "Schweigemarsch" entlang des einstigen Deportationsweges abgesagt werden. Er sollte von der Gedenkstele am "Gertrudenhof", in dem die Verfolgten festgehalten wurden, zum Güterbahnhof führen. Auch die vom Auswärtigen Amt unterstützte Wanderausstellung "Riga. Deportationen - Tatorte - Erinnerungskultur" zur Geschichte des Massenmordes in Riga wird der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. gemeinsam mit dem Regierungspräsidium Münster erst zu einem späteren Zeitpunkt eröffnen.

Trotz dieser Einschränkungen soll das Gedenken nicht "ausfallen" und die Verbrechen nicht unsichtbar bleiben. Hierzu vergegenwärtigt die Villa ten Hompel kurzzeitig die Leerstellen, die die Deportierten in unserer Gesellschaft hinterlassen haben, und ruft zum Austausch über die Frage auf, wie die Deportationen in Zukunft vergegenwärtigt werden sollen.

Mehr zur Aktion lesen Sie im Folgenden.

Ich wünsche Ihnen viele Erkenntnisse bei der Lektüre unseres Newsletters!


80 Jahre danach: #DeportationenSichtbarMachen

Jahrzehntelang wurden die Deportationen öffentlich meist ausgeblendet. Erst seit den 1990er Jahren bildeten sich verschiedene Formen der Vergegenwärtigung und des Gedenkens an die Deportierten und die begangenen Taten heraus: Stolpersteine, Gedenkstelen und Veranstaltungen weisen auf die Taten und Leerstellen hin, die die Ermordeten in unserer Gesellschaft hinterlassen haben.

Doch überzeugt die oft schon routinierte Rollenverteilung in der Erinnerungskultur? Wie wollen wir Deportationen in Zukunft vergegenwärtigen?

Mit der Initiative #DeportationenSichtbarMachen des Geschichtsortes Villa ten Hompel wird ab Freitag, 10. Dezember 2021, auf die Deportationen im Nationalsozialismus öffentlich aufmerksam gemacht. Sprühkreide-Zeichen im Stadtraum lassen historisches Geschehen für begrenzte Zeit näher rücken. Daneben sind alle aufgefordert, sich digital über Instagram und Twitter über das historische Geschehen und Formen des Gedenkens auszutauschen:

Wie wollen wir die Deportationen künftig vergegenwärtigen? Welche Stimmen fehlen bislang? Braucht es neue Formen der Vergegenwärtigung der Verfolgten? Wie konfrontieren wir uns mit den Täterinnen und Tätern, Nutznießerinnen und Nutznießern? Was genau sind die Gegenwartsbezüge?

Die Villa ten Hompel ermuntert alle Interessierten, vor Ort in der Stadtöffentlichkeit als auch mit Social Media-Beiträgen unter dem Hashtag #DeportationenSichtbarMachen eigene, auch individuelle Formen der Vergegenwärtigung zu präsentieren - in Münster und weit darüber hinaus.

Warum beginnt #DeportationenSichtbarMachen am 10. Dezember?

Vor 80 Jahren, am 10. Dezember 1941, wurden in Münsters Gastwirtschaft "Getrudenhof" an der Warendorfer Straße etwa 400 Menschen gegen ihren Willen festgehalten: Polizei konzentrierte als Juden markierte Deutsche u.a. im Tanzsaal. Erst drei Tage später, am 13. Dezember 1941, erfolgte ihre Deportation vom Güterbahnhof nach Riga, ins Ghetto, zur Zwangsarbeit, zur Massenerschießung. Weitere Deportationen nach Riga und in das Ghetto Theresienstadt folgten im Jahr 1942. Nur wenige der Verfolgten überlebten.

Was bald ein Massenmord im Osten Europas wurde, war amtlich in kleinen Schritten im Vorfeld vorbereitet worden; auch hier in Münster, dem "Schreibtisch Westfalens". Verschleppt wurden diese Bürgerinnen und Bürger helllichten Tag. Es gab viele Augenzeugen, kaum Protest. Die Juden seien "unbekannt verzogen", wurde in Akten vermerkt.

Seit 80 Jahren fehlen im Münsterland diese Menschen und Familien. Wir wollen diesen Verlust temporär sichtbar machen: Mit Hilfe von Schablonen sprühen wir am Vormittag des 10. Dezember 2021 mit Kreide viele Kreise auf Fußgänger- und Radwege im Umfeld der "Getrudenhofs". Diese symbolisieren die "Standfläche" je eines Menschen, der deportiert worden ist. Fußabdrücke zum Güterbahnhof markieren symbolisch den Deportationsweg.

Vor Ort erzählen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Villa ten Hompel vom historischen Geschehen und über das, was wir über die Deportierten biografisch heute noch wissen - und was wir (noch) nicht wissen. Auch Schweigen vor Ort wäre eine Option für Trauer und Gedenken. Jede und jeder macht am besten das, was sie oder er für richtig hält. Unsere Aktion lädt alle ein, sich -  mit gebotenem Abstand und Maske - an der Irritation im öffentlichen Raum zu beteiligten, Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen.

Es geht um Antisemitismus, Diskriminierung und Verfolgung, es geht um Geschichte in der Gegenwart, es geht um Geschichte, die nicht abschließbar ist und uns auch darum etwas angeht.

Wir sind vor Ort an der Ecke Warendorfer/Kaiser Wilhelm-Ring am

- Freitag, 10. Dezember: 12.00 bis 14.30 Uhr
- Samstag, 11. Dezember: 11.00 bis 12.00 Uhr
- Sonntag, 12. Dezember: 14.00 bis 15.00 Uhr

und freuen uns auf alle, die kommen, mitgestalten, sich austauschen über die Geschichte der Deportationen und warum sie uns auch 80 Jahre danach beschäftigen. Beiträge auf Instagram und Twitter sind unter #DeportationenSichtbarMachen sehr willkommen.


Nachbarn von nebenan - verschollen in Riga

Am 13. Dezember 1941 wurden 390 jüdische Frauen, Männer und Kinder aus Münster und dem Münsterland vom damaligen Güterbahnhof aus nach Riga in das dortige Ghetto deportiert. Von Dezember 1941 bis Oktober 1942 wurden in 25 Deportationszügen insgesamt mehr 25.000 jüdische Menschen aus zwölf Regionen des Deutsches Reiches nach Riga verschleppt. Hier - und in Minsk - begann der Massenmord an den deutschen und österreichischen Juden. In seinem illustrierten Vortrag zeigt Winfried Nachtwei ihr über fünf Jahrzehnte weitgehend unbekanntes Schicksal auf. Erst mit dem Ende der Sowjetunion und der Unabhängigkeit der baltischen Staaten öffnete sich Anfang der 1990er Jahre die Erinnerung.

Über die Riga-Deportation vor 80 Jahren spricht Winfried Nachtwei am Montag, 13. Dezember, ab 19 Uhr in einer Online-Veranstaltung der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V. Der ehemalige Geschichtslehrer und langjährige Bundestagsabgeordnete, forscht seit Sommer 1989 zu den Deportationen nach Riga. Die Erinnerungsarbeit des Deutschen Riga Komitees, zu dessen 13 Gründungsmitgliedern Münster gehört, begleitet er seit der Gründung im Jahr 2000. Das Gespräch moderiert Andreas Determann (CJZ). Die Veranstaltung der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Münster e.V. findet statt in Kooperation mit dem Geschichtsort Villa ten Hompel.

Zugang zur Veranstaltung <https://www.stadt-muenster.de/newsletter/villa-ten-hompel/sonderausgabe-2021-12?mid=2485&rid=t_82&aC=3747cc1a&jumpurl=1>

Meeting-ID: 838 4772 9247
Kenncode: Gedenken

Herzlichen Dank für Ihre Lektüre des Newsletters! Der nächste, reguläre Newsletter der Villa ten Hompel erscheint Mitte Dezember.


INFO

Informationen aus der Villa ten Hompel finden Sie auch auf unser Homepage www.stadt-muenster.de/villa-ten-hompel, auf Facebook www.facebook.com/villatenhompel, sowie auf Instagram www.instagram.com/villatenhompel. Folgen Sie uns gerne - und bleiben Sie gesund!

Kim Sommerer
Stadt Münster, Geschichtsort Villa ten Hompel
Kaiser-Wilhelm-Ring 28
48145 Münster

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