[WestG] [AKT] Gustav-Luebcke-Museum: "Objekt des Monats"

Holtrup, Sandra Sandra.Holtrup at lwl.org
Do Mär 5 08:22:53 CET 2020


Von: "Maria Perrefort" <maria.perrefort at stadt-hamm.de>
Datum: 03.03.2020, 12:19


AKTUELL

Gustav-Lübcke-Museum: "Objekt des Monats" 

Genau 100 Jahre sind vergangen, seit Pelkum im März und April 1920 zum Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen zwischen Rechts und Links wurde. Völkische Kräfte um Wolfgang Kapp und Walther von Lüttwitz versuchten am 13. März 1920 die Republik zu stürzen. Dagegen rief die SPD-Regierung erfolgreich zum Generalstreik auf, so dass Kapp und seine Gefolgschaft schon am 17. März aufgaben. Die Arbeiterschaft aber streikte weiter und verlangte von der Regierung, ihre Versprechen auf Bestrafung der Putschisten, Sozialisierung der Montanindustrie und Demokratisierung der Arbeitswelt einzulösen. Kaum vor dem Umsturzversuch der Rechten gerettet, setzte die SPD-Regierung nun Reichswehrtruppen gegen die Arbeiterschaft ein. Ein blutiges Gemetzel fand in Pelkum bei Hamm statt, wo die Freikorpsmänner des Ritters von Epp kein Pardon kannten. 

Es gibt nur wenige Zeugnisse von der so genannten Schlacht bei Pelkum, Objekte von musealer Ästhetik erst recht nicht. Und doch birgt dieses schlichte Foto, das das Museum aus Familienbesitz erhielt, bedeutende historische Hintergründe. Es zeigt den Bergmann Paul Weniger (1888-1920) aus Altenbögge mit seiner Frau Auguste und den beiden Töchtern Gertrud und Erna.

Paul Weniger (1888-1920) gehörte in den Märztagen 1920 zu den kommunistischen Kämpfern, die die Errungenschaften der Republik gegen den rechtsradikalen Putsch von Kapp und Lüttwitz verteidigen wollten. Kommunisten und Gewerkschafter strebten nach Sozialisierung und mehr Mitspracherecht bei der Arbeit. Weniger sah aber kaum Sinn in dem bewaffneten Kampf der roten Arbeiterarmee gegen die Freikorpstruppen des Ritters Epp, die sich in den letzten Märztagen in der Hammschen Region anbahnten. Er wollte Blutvergießen vermeiden, nahm Kontakt zur Reichswehr auf und verhandelte um Waffenstillstand. Man beschied ihn, er solle zunächst dafür sorgen, dass die Kommunisten das Schießen einstellten, und dann erneut vorstellig werden. In gutem Glauben wirkte Paul Weniger auf seine Genossinnen und Genossen ein. Als er wieder zu den Reichswehrtruppen ging, nahmen sie ihn fest.

Am 1. April 1920 fand dann ein furchtbares Gemetzel statt. Freikorpsleute töteten um die 100 Personen an der Mauer von Betzlers Wirtschaft in Pelkum und auf dem dortigen Friedhof. Die Reichswehrtruppen waren den Arbeitern, die hartnäckig kämpften, deutlich überlegen. Paul Weniger wurde mit zwei Genossen am 3. April 1920 "zu Hamm, Südenwall 4a, im Hofe des Polizeigefängnisses" - der WA spricht vom Stallhof - erschossen. Auf welcher gesetzlichen Grundlage das geschah, ist nicht bekannt. 

Walter Poller, Herausgeber der sozialdemokratischen Zeitung "Der Hammer", war angesichts dieser Hinrichtung dermaßen empört, dass er "ostentativ", wie er selbst sagte, die Leichenrede vortrug, obgleich Weniger zur parteipolitischen Konkurrenz gehörte. Poller wollte ein sichtbares Zeichen setzen gegen Ungerechtigkeit. Ihm ist es auch zu verdanken, dass wir etwas über Paul Weniger und seine Bemühungen um Waffenstillstand wissen. Von den meisten Opfern, die das Massaker brachte, wissen wir kaum etwas. Selbst die Zahl der Toten ist nicht eindeutig überliefert.

1946 wurde in Bönen eine Straße nach Paul Weniger benannt.


INFO

Gustav-Lübcke-Museum
Neue Bahnhofsstraße 9
59065 Hamm


Mehr Informationen über die Mailingliste Westfaelische-Geschichte