[WestG] [AKT] Geschichte und Kultur der Polen in Deutschland: LWL baut als Traeger Dokumentationsstelle in Bochum auf

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mo Sep 17 11:32:45 CEST 2012


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 13.09.2012, 12:27


AKTUELL

Geschichte und Kultur der Polen in Deutschland
LWL baut als Träger Dokumentationsstelle in Bochum auf

In Form eines Internetportals will der Landschaftsverband 
Westfalen-Lippe (LWL) als Träger einer künftigen 
Dokumentationsstelle Dokumente, Fotos und Filme zur Geschichte 
und Kultur der Polen in Deutschland allgemein zugänglich 
machen. LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Thale 
stellte das Konzept, das der LWL nach einer Machbarkeitsstudie 
und einem Workshop mit Wissenschaftlern und Vertretern 
polnischer Vereinigungen erarbeitet hat, am Mittwoch (12.09.) 
im LWL-Kulturausschuss in Corvey vor.

Kernstück und "Eingangsbereich" des künftigen Internetportals 
soll ein elektronischer Atlas der Erinnerungsorte sein. "Der 
Atlas soll ausgehend von der NS-Zeit und den Orten der 
NS-Verbrechen an Polen alle für die Geschichte und Kultur der 
Polen in Deutschland wichtigen Erinnerungsorte enthalten und 
dauernd erweitert werden. Er soll mit einer modernen Datenbank 
verbunden werden, die nicht nur eigene Einträge enthält, 
sondern auch mit anderen relevanten Datenbanken verbunden ist", 
so Rüschoff-Thale. An der technischen Umsetzung habe das 
Fraunhofer-Institut großes Interesse bekundet und Unterstützung 
angekündigt, so die LWL-Kulturdezernentin weiter.

Der Aufbau der Dokumentationsstelle und der laufende Betrieb 
sollen durch eine Förderung des Beauftragten der 
Bundesregierung für Kultur und Medien, der bereits die 
Machbarkeitsstudie gezahlt hat, finanziert werden. Die 
Dokumentationsstelle soll eng mit dem LWL-Industriemuseum Zeche 
Hannover in Bochum zusammenarbeiten, da das LWL-Museum schon 
zahlreiche Ausstellungen und Projekte zur Geschichte und 
Gegenwart von Migrationsbewegungen durchgeführt hat und der LWL 
plant, seinen Museumsstandort langfristig zu einem Forum für 
Migration und Interkultur auszubauen.

Zunächst soll die Dokumentationsstelle auch in das LWL-Museum 
einziehen. Später soll sie im "polnischen Haus" Am Kortländer 
in Bochum untergebracht werden, das zunächst noch saniert 
werden muss. Die Machbarkeitsstudie hat Bochum als Standort der 
Dokumentationsstelle empfohlen, da die westfälische 
Ruhrgebietsstadt lange das Zentrum des polnischen Kulturlebens 
in Deutschland bildete. Allein an der Klosterstraße, die heute 
zum Teil Am Kortländer heißt, hatten vor rund 100 Jahren rund 
30 polnische Organisationen und Institutionen ihren Sitz.

Da der Bundesbeauftragte signalisiert hat, dass er die 
Dokumentationsstelle fördern wird, will der LWL kurzfristig 
einen Förderantrag stellen. 2013 soll die Dokumentationsstelle 
dann im LWL-Industriemuseum Zeche Hannover eingerichtet werden.

Hintergrund
In Deutschland leben heute mehr als zwei Millionen Menschen mit 
polnischer Muttersprache und polnischer Identität. Beide Völker 
können auf eine lange und wechselvolle Geschichte zurück 
blicken. Sie ist geprägt von Phasen des Kriegs, der Verfolgung 
und des Leids, aber vor allem auch vom friedlichen 
Zusammenleben, guter Nachbarschaft sowie vielfältigen 
kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen.

Die Polen in Deutschland haben wesentlich zur kulturellen und 
wirtschaftlichen Entwicklung des Landes beigetragen. Neben 
gegenseitigen Beeinflussungen in Musik, Literatur und Politik 
vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert ist vor allem der 
Beitrag der polnischen Zuwanderer zu erwähnen, die Ende des 19. 
Jahrhundert als Landarbeiter und Industriearbeiter nach 
Deutschland kamen. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs lebte mehr 
als eine halbe Millionen Menschen polnischer Herkunft und 
polnischer Muttersprache im Ruhrgebiet. Sie arbeiteten dort 
nicht nur in Zechen, Eisenhütten und Stahlwerken und trugen 
damit zum Aufbau und Wohlstand des Landes bei, sondern 
etablierten in Bochum, im Herzen des aufstrebenden Ruhrgebiets, 
ein Zentrum der polnischen Verbände, Banken, Verlage und 
Vereine, das ins gesamte Deutsche Reich ausstrahlte.

Trotz des Wegzugs von zwei Dritteln der so genannten Ruhr-Polen 
aus dem Revier nach Wiedererstehen des polnischen Staates 
konnte Bochum als Zentrum der Polen bis 1939 seine Bedeutung 
erhalten.

Mit dem Überfall auf Polen, der Verschleppung und Vernichtung 
wurden in vielen Teilen Deutschlands die Wurzeln des 
gedeihlichen Zusammenlebens, des kulturellen und 
wirtschaftlichen Austauschs zerschlagen. Die polnischen und 
deutschen Grenzverschiebungen und die Einbindung in 
unterschiedliche politische und militärische Bündnissysteme 
nach dem Zweiten Weltkrieg haben lange Zeit die Annäherung und 
Versöhnung der beiden Völker erschwert. Mit dem Aufbruch zur 
Demokratisierung der Ostblockstaaten, der Anfang der 1980er 
Jahre von Polen ausging, der endgültigen Bekräftigung der 
Grenzen und dem Vertrag zur guten Nachbarschaft und 
freundschaftlichen Zusammenarbeit haben beide Staaten 1991 die 
Weichen für die gemeinsame Zukunft in einem zusammenwachsenden 
Europa gestellt.

In der Phase des politischen Umbruchs sind hunderttausende 
Menschen aus Polen nach Deutschland gekommen. Im Gegensatz zu 
anderen Gemeinschaften von Zuwanderern tritt die Präsenz der 
Polen in Deutschland jedoch oft nur zurückhaltend in 
Erscheinung. Ihr weitreichender Beitrag zu einem gemeinsamen 
kulturellen Erbe, ihre Bedeutung für die Entwicklung und 
kulturelle Vielfalt in Deutschland ist daher vielen nicht 
bewusst.

Die Orte der wechselvollen Geschichte und vielfältigen Kultur 
der Polen in Deutschland sichtbar zu machen und ein Forum für 
den Austausch über Erinnerung, Geschichte, Identität und Kultur 
herzustellen ist, das Ziel der geplanten Dokumentationsstelle 
zur Geschichte und Kultur der Polen in Deutschland. Um den 
deutsch-polnischen Vertrag über gute Nachbarschaft und 
freundschaftliche Zusammenarbeit vom 17. Juni 1991 zu erfüllen 
hat der Bundestag am 10. Juni 2011 beschlossen, eine 
Dokumentationsstelle zur Geschichte und Kultur der Polen in 
Deutschland einzurichten.


Mehr Informationen über die Mailingliste Westfaelische-Geschichte