[WestG] [LIT] Goschler, Constantin (Hg.): Die Entschaedigung von NS-Zwangsarbeit am Anfang des 21.Jahrhunderts
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Di Sep 4 11:43:58 CEST 2012
Von: "Josef König" <josef.koenig at presse.ruhr-uni-bochum.de>
Datum: 03.09.2012, 13:09
LITERATUR
Entschädigung für NS-Zwangsarbeit: Von internationalen
Verhandlungen zu lokalen Praktiken
Über die Wirkung materieller und symbolischer
Wiedergutmachung nach über 60 Jahren
RUB-Historiker: Vier Bände über die Stiftung "Erinnerung,
Verantwortung und Zukunft"
Mehr als rund 4,4 Milliarden € hat Deutschland zwischen
2001 und 2007 an 1,66 Millionen ehemalige NS-Zwangsarbeiter
in 98 Ländern ausbezahlt. Erwartete man anfangs, die Opfer
würden das Geld eher als symbolische Anerkennung empfinden,
so stellte sich nachträglich heraus, dass sie die
Entschädigung unterschiedlich bewertet haben - je nach
ökonomischer Lage und persönlicher Erinnerung an die
Zwangsarbeit. Das ist eines der zentralen Ergebnisse der
wissenschaftlichen Aufarbeitung der Stiftung "Erinnerung,
Verantwortung und Zukunft". Das von der Stiftung EVZ
finanziell geförderte groß angelegte Projekt unter der
Leitung von Prof. Dr. Constantin Goschler (Zeitgeschichte,
Ruhr-Universität Bochum) ist im Frühsommer 2012
abgeschlossen worden. Morgen, am 4. September, erscheinen
die vier Bände "Die Entschädigung von NS-Zwangsarbeit am
Anfang des 21. Jahrhunderts. Die Stiftung 'Erinnerung,
Verantwortung und Zukunft' und ihre Partnerorganisationen"
im Göttinger Wallstein-Verlag.
Vor allem Opfer im Osten entschädigt
Nach langwierigen internationalen Verhandlungen, die in der
deutschen und internationalen Presse auf große
Aufmerksamkeit stießen, wurde im Sommer 2000 in Berlin die
Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" gegründet.
Mit etwa 5,1 Milliarden €. DM ausgestattet und jeweils zur
Hälfte vom Bund und der deutschen Wirtschaft finanziert,
sollte die Stiftung fast 60 Jahre nach Ende des Zweiten
Weltkriegs ehemaligen NS-Zwangsarbeitern und anderen Opfern
des NS-Regimes eine materielle und symbolische
Entschädigung zahlen. In einem komplexen
Auszahlungsverfahren entschädigte die Stiftung zusammen mit
sieben internationalen Partnerorganisationen neben
jüdischen Sklavenarbeitern vor allem ehemalige
Zwangsarbeiter in Ost- und Ostmitteleuropa, die bis dahin
kaum Wiedergutmachung erhalten hatten.
Umfangreiche Archivrecherche und Interviews von Zeitzeugen
Unmittelbar nach dem Abschluss der Zahlungen begann ein
internationales Team von 20 Wissenschaftlern unter der
Leitung von Prof. Constantin Goschler an der
Ruhr-Universität Bochum die Umsetzung und die Folgen des
Auszahlungsverfahrens zu erforschen. Sie durchsuchten
umfangreiche Archivbestände beteiligter Organisationen in
acht Ländern und führten zahlreiche Zeitzeugeninterviews.
Die Resultate ihrer vierjährigen Forschungen zeigen, wie
politische Verteilungskämpfe und bürokratische
Organisationen mit komplexen Verfolgungserfahrungen und
konkurrierenden Gerechtigkeitsansprüchen umgegangen sind,
wie die Empfänger finanzielle Leistungen bewertet haben und
wie sie zugleich die europäische Erinnerungslandschaft
umformten.
Bände thematisch breit angelegt
Die Bände widmen sich dem Umgang mit der Zwangsarbeit in
Deutschland und der Arbeit der Stiftung "Erinnerung,
Verantwortung und Zukunft" (Band 1), der Praxis der
weltweit tätigen Jewish Claims Conference und der
International Organization for Migration (Band 2), den
Auszahlungen und ihren Folgen in Polen und Tschechien (Band
3), sowie der Zwangsarbeiterentschädigung und
Erinnerungskultur in den postsowjetischen Gesellschaften
(Band 4).
Vermeintliche "Verräter" endlich entschädigt
Die mit der Auszahlung befassten Organisationen kämpften
mit einem komplexen Gefüge bürokratischer Traditionen,
unterschiedlicher Erwartungen und Erinnerungskulturen und
divergierender Systeme der Opferversorgung. Die Stiftung
EVZ stand in einem schwierigen Spannungsfeld: Sie sollte
ein möglichst einfaches Verfahren für die betagten
Antragsteller durchführen und dennoch dem Ziel der
Bundesregierung gerecht werden, die Wiedergutmachung
endgültig abzuschließen und der deutschen Wirtschaft
Rechtssicherheit vor weiteren Klagen zu verschaffen. In
Russland und anderen postsowjetischen Staaten mussten die
beteiligten Partnerorganisationen damit umzugehen lernen,
die international vereinbarten Entschädigungskategorien und
Opferhierarchien im eigenen Land umzusetzen, obwohl sie in
Teilen der nationalen und individuellen Erinnerung sowie
bisherigen Praktiken widersprachen. So waren z.B. in der
Sowjetunion die nach 1945 aus Deutschland zurückgekehrten
Zwangsarbeiter als Verräter abgestempelt worden. Dass sie
nun mit deutschem Geld für ihr Opfer entschädigt werden
sollten, widersprach der sowjetischen Erinnerungskultur an
den Zweiten Weltkrieg, die bis in die 2000er Jahre gültig
war. So öffnet dieses Projekt gerade die Augen für die
nicht-intendierten Nebenwirkungen eines transnationalen
Entschädigungsprozesses.
Persönliche Erfahrung und Erinnerung wichtig
Eines der zentralen Ergebnisse des Bochumer
Forschungsprojekts betrifft die Bedeutung der Auszahlungen
aus Sicht der einzelnen Antragsteller. Ohne dass diese
Frage bisher eingehend erforscht worden wäre, verwies man
in der Diskussion zur materiellen Bewältigung historischen
Unrechts vor allem darauf, dass die Bedeutung der
Entschädigung darin bestehe, dass die ehemals Verfolgten
symbolische Anerkennung erführen. Das Bochumer Projekt
kommt demgegenüber zu dem Ergebnis, dass von einer linearen
Wirkung der Zahlungen keine Rede sein kann. Auf
individueller Ebene ist die Bedeutung von Entschädigung in
hohem Maße abhängig von einer Vielzahl unterschiedlicher
Variablen wie der Verfolgungserfahrung und der sozialen
Lage der Betroffenen, ihrem politischen, ökonomischen und
erinnerungskulturellen Umfeld sowie nicht zuletzt ihren
Erfahrungen mit der deutschen Wiedergutmachung und anderen
Aufarbeitungsbemühungen.
Vorbildarbeit für künftige Entschädigungspraxis
Seit den 1990er Jahren gewinnen Entschädigungszahlungen
weltweit an Bedeutung bei der Überwindung von Diktaturen
und der Aufarbeitung historischen Unrechts. Das Bochumer
Projekt zur Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und
Zukunft" bringt die Erforschung solcher Prozesse erheblich
voran und liefert auch für künftige Entschädigungspraxen
wichtige Erkenntnisse. Erstmals wird detailliert
dargestellt, wie schwierig die Durchführung von
Entschädigungszahlungen ist und was eine Entschädigung
sowohl für die betroffenen Individuen als auch für ihre
Gesellschaften bedeuten kann.
Titelaufnahme
Die Entschädigung von NS-Zwangsarbeit am Anfang des 21.
Jahrhunderts. Die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und
Zukunft" und ihre Partnerorganisationen. Herausgegeben von
Constantin Goschler in Zusammenarbeit mit José Brunner,
Krzysztof Ruchniewicz und Philipp Ther, 4 Bände, Göttingen
(Wallstein) 2012.
Weitere Informationen
Prof. Dr. Constantin Goschler, Lehrstuhl für
Zeitgeschichte, Ruhr-Universität Bochum, Tel.
0234/32-22540, E-Mail: constantin.goschler at rub.de
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