[WestG] [AKT] Umbenennung des Hindenburgplatzes in Schlossplatz / Rede des OB

Marcus Weidner Marcus.Weidner at lwl.org
Fr Mär 23 12:31:28 CET 2012


Von: "Marcus Weidner" <marcus.weidner at lwl.org>
Datum: 23.03.2012, 12:03


AKTUELL

In der Vergangenheit haben wir mehrfach Mails über die
Umbenennungsdiskussion des Hindenburgplatzes in Münster verschickt. Am
21.3.2012 hat der Rat der Stadt Münster in geheimer Abstimmung mit
Mehrheit (53 zu 23) die Umbenennung des Hindenburgplatzes in
Schlossplatz beschlossen. Bereits wenige Stunden später konstituierte
sich eine Bürgerinitiative, die auf dem Wege eines Bürgerbegehrens den
Ratsbeschluss wieder kippen möchte.

Auf der Internetseite der Stadt Münster finden Sie Informationen zum
Diskussionsprozess (http://www.muenster.de/stadt/strassennamen/), u. a.
die Ergebnisse der Bürgerumfrage und die Ratsvorlage. 

Im Folgenden dokumentieren wir den vom Presseamt herausgegebenen
Redetext des OB Markus Lewe vor dem Rat der Stadt Münster zur
Entscheidung einer möglichen Umbenennung des Hindenburgplatzes
(21.3.2012, es gilt das gesprochene Wort).


"Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen.

Mit der Umbenennung des Hindenburgplatzes in Schlossplatz treffen wir
heute nach langer Debatte über viele Jahre und Jahrzehnte eine
Entscheidung. Es ist eine wichtige Entscheidung, weil sie prägende
Wirkung hat für das geistig-moralische Klima der Stadt.

Der Rat der Stadt hat nicht darüber zu befinden, ob es wichtigere
Fragen gibt oder wann Debatten beginnen oder enden. Er muss sich ihnen
aber stellen und er hat Entscheidungen mit Urteils- und Entschlusskraft
zu treffen. Wenn der Rat das in voller Verantwortung tun will, braucht
er Maßstäbe.

Diese Entscheidungshilfen zu finden, war Aufgabe jener Kommission, die
der vorige Rat und mein Amtsvorgänger berufen haben. Sie hat uns mit
meiner und fast allen anderen Stimmen eine sehr klare Empfehlung
gegeben, der wir nicht ausweichen können, wenn wir die eigene Arbeit und
unseren Auftrag an die Kommission ernst nehmen wollen.

Ich danke der Kommission und allen, die sich mit Herz und Verstand in
den ver-gangenen Wochen und Monaten an der Debatte beteiligt haben.
Besonders er-wähnen darf ich die Herrenn Professor Hans-Ulrich Thamer
und Professor Alfons Kenkmann. Wir können in Münster stolz darauf sein,
diese in Deutschland und international hoch renommierten Historiker in
unserer Stadt zu haben. 
Ich habe das Votum der Kommission aus voller Überzeugung mitgetragen
und meine Unterschrift mit derselben Entschlossenheit unter die
Verwaltungsvorlage gesetzt, die heute hier zur Abstimmung darüber
ansteht, den gesamten Platz vor dem Schloss in Schlossplatz
umzubenennen.

Das bisherige Namenspatronat Hindenburgs ist nach Auffassung der vom
Rat ein-gesetzten Kommission angesichts jüngerer wissenschaftlicher
Erkenntnisse und eines dadurch veränderten Geschichtsbildes nicht mehr
haltbar. Hindenburg wollte hinter die Demokratie von Weimar zurück und
die freiheitliche Ordnung bewusst in eine autoritär-obrigkeitliche
umwandeln. Das hat er geschafft, und das Verhängnis nahm seinen Lauf bis
zum völligen Kultur- und Zivilisationsbruch. Deshalb verdient Hindenburg
in unserer Stadt nicht mehr die Ehre eines Straßennamens.
Bildersturm, Besserwisserei und Widerstand gegen die Barbarei aus der
kommoden Lage des in Frieden, Freiheit und Wohlstand Nachgeborenen sind
mir prinzipiell verdächtig. Aber zur Verantwortung vor unserer
Geschichte müssen wir uns bekennen und versuchen, aus ihr Lehren zu
ziehen. Die Umbenennung eines Platzes ist im Vergleich zu den Millionen
Menschen, die gelitten haben, ein unsag-bar bescheidener Beitrag.

Ich schlage Ihnen die Umbenennung auch im Einklang mit meiner
konservativen Überzeugung vor, die mich neben anderen politischen
Grundlinien persönlich ge-prägt hat. Wir müssen Vieles begreifen und
manches bewahren, was von weit her kommt, aber wir müssen nichts
mitschleppen, was haltlos geworden ist.

Deshalb bin ich überzeugt davon, dass das Verständnis derer, denen die
Um-benennung heute aus unterschiedlichen und teilweise verständlichen
Gründen noch schwer fällt, weiter wachsen wird. Wir haben in den
jüngsten Wochen einen anhaltenden Wandel im Meinungsklima unserer
Stadt erlebt. Die Argumente führen dazu, diesen Wandel zu befördern und
einen der größten Freiplätze in einer europäischen Stadt mitten in
Münster vor der Universität in Schlossplatz umzu-benennen.

Ein sehr alter und sehr lebenskluger Mitbürger hat mir kurz nach meinem
Amtsantritt Münster als Stadt der Metamorphosen beschrieben. Sei der
Zauber eines neuen Anfangs nicht gleich erkennbar, so weiche mancher
Protest bald einer Nachdenklichkeit, die am Ende in Zustimmung und nicht
selten sogar in Begeisterung umschlage.

Das nenne ich gelebte Toleranz durch fortgesetzten Dialog.

So gesehen, bewegen wir uns mit der Umbenennung  zum Schlossplatz nicht
nur im neueren Erkenntnisrahmen geschichtlicher Wissenschaft, sondern
auch ganz auf der Höhe moderner münsterscher Stadtentwicklung.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!"




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