[WestG] [AKT] Westfaelischer Archivtag in Gronau: Kommunalarchive in Zeiten digitaler Medienvielfalt

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mi Mär 14 10:18:54 CET 2012


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 13.03.2012, 14:26


AKTUELL

Westfälischer Archivtag in Gronau
Kommunalarchive in Zeiten digitaler Medienvielfalt

Experten halten eine Digitalisierung kompletter Archive im 
Internet für unrealistisch. "Man muss bedenken, dass jedes 
Stück im Archivmagazin statistisch betrachtet nur alle dreißig 
Jahre einmal genutzt wird", so Dr. Marcus Stumpf, Leiter des 
Archivamtes beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). 
Stattdessen müsse der Zugang zu Archiven mit 
Beständeübersichten und Findbüchern online über Portale wie 
archive.nrw.de erleichtert werden, sagte Stumpf am Dienstag 
(13.3.) in Gronau zu Beginn einer zweitägigen Fachtagung vor 
200 Archivaren aus Westfalen-Lippe und benachbarten 
Bundesländern.

Kommunalarchive verwahrten einzigartige Quellen zur 
Stadtgeschichte, hieß es weiter. Sie seien lebendige 
Geschichtsorte, die von Menschen unterschiedlichen Alters und 
mit ganz unterschiedlichen Interessen besucht werden. Es gelte, 
die alltäglichen Herausforderungen zu meistern und 
zielgruppenbezogene Angebote in der Zukunft zu verbessern.

"Die Kommunalarchive können nur dann Angebote sinnvoll 
zuschneiden, wenn sie die Bedürfnisse und Wünsche ihrer Nutzer 
kennen. Doch gibt es 'die‘ Archivbenutzerin überhaupt?" fragte 
Stumpf. "Eine angemessene Kundenorientierung zählt mit zu den 
größten Herausforderungen, die unser Stadtarchiv zu leisten 
hat. Die archiverfahrene Wissenschaftlerin muss das Archiv 
genauso zufrieden verlassen wie der Heimatforscher, der sich 
nach seiner Pensionierung erstmals entschließt, die Geschichte 
seines Ortes zu erforschen", betonte der 2. stellv. 
Bürgermeister der Stadt Gronau, Klaus Lüttikhuis. Der Austausch 
von Erwartungen an die Archivarbeit durch drei Nutzergruppen 
(Heimatforschung, Verwaltung, Schule) bildete den 
Themenschwerpunkt des ersten Veranstaltungstages.

Am zweiten Tag bestimmten Fragen der Benutzung in Zeiten 
digitaler Medienvielfalt die Tagungsdiskussion. "Nicht selten 
fragen mich jüngere Nutzer erstaunt, warum nicht alle Quellen 
des Stadtarchivs im Internet zu "googlen" seien. Der 
unmittelbare, komfortable Zugriff auf Archivgut vom heimischen 
Rechner aus erspare ihnen schließlich viel Zeit", berichtete 
der Stadtarchivar von Gronau, Gerhard Lippert.

Auch rechtliche Fragen im Zusammengang mit der Nutzung von 
Archivgut wurden im Rahmen der Fachtagung behandelt. 
"Kundenorientierung und geltendes Recht stehen dabei immer 
wieder in einem Spannungsverhältnis. Viele Nutzerinnen eines 
Stadtarchivs wären dankbar, wenn sie beispielsweise die 
stadtgeschichtliche Fotosammlung im Internet recherchieren 
könnten. Wenn jedoch das Archiv nicht alle Urheber der Fotos 
kennt bzw. entsprechende nutzungsrechtliche Absprachen nicht 
vorliegen, lässt das geltende Urheberrecht bis zum Ablauf von 
70 Jahren nach Tod des Urhebers eine Präsentation der Fotos im 
Internet nicht zu", warnte Dr. Kai Zwicker, Landrat des Kreises 
Borken.

Archiv ohne Lesesaal? Dieses Szenario konnte sich keiner der 
Teilnehmer vorstellen. Einigkeit herrschte jedoch unter den 
Archivexperten darüber, dass die digitale Medienvielfalt 
besondere Herausforderungen an die Archive stellt. 
Tätigkeitsverschiebungen sind wahrscheinlich, neue Aufgaben 
kommen hinzu und die Aneignung neuer Kompetenzen sei 
unverzichtbar. "Wir sind froh, dass wir mit unserem 
LWL-Archivamt für Westfalen eine Beratungseinrichtung haben, 
die die Kommunalarchive bei den neuen Herausforderungen 
fachlich engagiert unterstützen kann. Viele Bundesländer 
beneiden uns um diese Einrichtung", führte LWL-Kulturreferent 
Reinhard Klotz aus.


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