[WestG] [AKT] LWL-Volkskundler erinnern an die Zeit als die Herbstferien noch "Kartoffelferien" waren

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mo Okt 24 11:09:02 CEST 2011


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 21.10.2011, 11:36


AKTUELL

"Outgohn ton Trüffel klaggen"
LWL-Volkskundler erinnern an die Zeit als die Herbstferien noch 
"Kartoffelferien" waren

Am Montag (24.10.) beginnen in Nordrhein-Westfalen die 
Herbstferien. Für die Schulkinder heißt es nun: ausschlafen und 
die freie Zeit genießen. Dass dies vor wenigen Generationen 
ganz anders aussah, daran erinnern die Alltagskulturforscher 
der Volkskundlichen Kommission für Westfalen beim 
Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL).

"Noch bis in die 1960er Jahre hinein dienten die Herbstferien 
der Hilfe bei der Kartoffelernte, daher auch der Name 
'Kartoffelferien‘. Dann hieß es für die Kinder 'Outgohn ton 
Trüffel klaggen‘", erklärt Evelyn Hammes, LWL-Volkskundlerin. 
"Zumindest in den ländlichen Gebieten boten die Herbstferien 
den Kindern keine Verschnaufpause. Im Gegenteil - jetzt wurde 
erst recht 'geackert‘. Denn für die im September und Oktober 
stattfindende Ernte der Spätkartoffeln wurden viele helfende 
Hände benötigt. Die Bauern gingen in die Schulen und warben 
zusätzliche Helfer an, so dass sich auch Kinder, die nicht aus 
Bauernfamilien stammten, auf diese Weise ein kleines 
Taschengeld verdienen konnten", erläutert Hammes.

Hintergrund
Das Aufsammeln der Kartoffeln war eine mühselige Angelegenheit, 
da durch das ständige Knien und Bücken der Rücken stark 
belastet wurde. Aus den Manuskripten des Archivs der 
Volkskundl¬ichen Kommission geht jedoch hervor, dass die 
Erntezeit von den Helfern durchaus positiv wahrgenommen wurde. 
Es wurde viel gesungen und erzählt, mitunter gab man der Arbeit 
einen spielerschen Anreiz, wie folgender Archivfund beweist: 
"Es ging fröhlich zu auf dem Acker. Jeder wetteiferte mit dem 
andern, zuerst mit seinem Paat fertig zu sein. Nicht immer 
waren die früh Fertigen die besten Kartoffelsucher. Wer's 
ehrlich meinte, den Boden sorgfältig durchsuchte, war immer 
einer der Letzten."

Nicht zuletzt sorgte die Aussicht auf eine schmackhafte 
Mahlzeit für eine gute Stimmung, wie eine Gewährsperson aus 
Sundern, im damaligen Kreis Arnsberg (heute Hochsauerlandkreis) 
im Jahr 1963 zu berichten wusste: "Außerdem macht den meisten 
auch diese Arbeit einen großen Spaß. Gibt es doch am Abend 
meist immer recht gute und auch leckere Sachen, die die Bäuerin 
eigens für die kleinen Helfer zubereitet. Selbst Pfannkuchen, 
'Erdappelschiewen‘ [=Kartoffelscheiben] und 'Rieweplätzkes‘ 
[=Reibeplätzchen] schmecken bei solch einer Gelegenheit doppelt 
so gut, als wenn sie von der Mutter aufgetischt worden wären." 
Gegen Ende der Erntezeit sah man abends die Kartoffelfeuer 
leuchten, in deren Glut man die letzten Kartoffeln röstete.

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, mancherorts sogar noch bis 
in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein, wurden die Erdäpfel 
per Hand mit Hilfe einer Forke aus der Erde gehoben. Alternativ 
gab es bereits früh die Möglichkeit mit einem Kartoffelpflug zu 
arbeiten. Dass diese Erntetechnik auch Nachteile barg, ist 
folgendem Archivfund zu entnehmen: "Es hieß nun, es genau mit 
dem Pflug zu treffen. Zu flach, dann wurden viele Kartoffeln 
beschädigt. Zu tief, dann blieben beim Suchen viele Kartoffeln 
in der Erde stecken. Die Sucher knieten zwischen zwei Reihen 
und kratzten mit den Händen die Kartoffeln heraus."

Der um 1850 entwickelte Kartoffelroder löste allmählich den 
Pflug und die reine Handarbeit als Erntetechniken ab. Mit Hilfe 
einer sich drehenden Spindel schleuderte der Kartoffelroder die 
unterir-disch wachsenden Knollen seitlich aus dem Boden. "Diese 
Neuerung stellte zwar eine große Entlastung dar, doch auch hier 
blieb das Auflesen noch Handarbeit", so Hammes. Erst die in den 
1950er Jahren entwickelten modernen Kartoffelvollernter 
erledigen zudem das Auflesen gleich mit.


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