[WestG] [AKT] LWL-Tagung: Straßennamen als Instrument von Geschichtspolitik und Erinnerungskultur
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Mi Jul 13 10:33:23 CEST 2011
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 12.07.2011, 14:24
AKTUELL
LWL-Tagung:
Straßennamen als Instrument von Geschichtspolitik und
Erinnerungskultur
Straßennamen erinnern und ehren. Aber wer darf auf́s Schild?
Goethe, Schiller, Lessing - sie stehen außer Zweifel. Andere
Personen lösen in etlichen Städten und Gemeinden seit vielen
Jahren immer wieder heftige Kontroversen aus. Zumeist geht es
um ihre Beziehung zu und ihre Rolle im Nationalsozialismus. Der
Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) und der Westfälische
Heimatbund haben die aktuellen Kontroversen zum Anlass für die
Tagung "Fragwürdige Ehrungen" genommen. Rund 200 Vertreter
westfälischer Städte und Gemeinden, der kommunalen Museen und
Archive, der lokalen Heimatvereine, der Wissenschaft, der
Schulen und anderer Bildungseinrichtungen haben am Dienstag
(12.07) in Münster über ausgewählte "Grenzfälle" von
Namensgebern, deren Leben und Wirken diskutiert.
"Die Tagung macht deutlich, nach welchen Kriterien Ehrungen in
Form von Straßennamen erfolgten und wie nachfolgende
Generationen mit der Zeit des Nationalsozialismus umgingen und
umgehen", so LWL-Direktor Dr. Wolfgang Kirsch. "Der LWL gibt
jedoch keine Empfehlungen zu einzelnen Namen und erstellt auch
keine 'schwarze Liste‘. Entscheidungen über Umbenennungen
müssen in den einzelnen Städten und Gemeinden von den gewählten
Gremien und in enger Verbindung mit den Bürgern getroffen
werden." Der LWL wolle mit seinen organisatorischen
Möglichkeiten und mit den Experten aus seinen
Kultureinrichtungen historisches Wissen bereitstellen und
vertiefen und damit die Entscheidungen vor Ort erleichtern, so
Kirsch weiter.
Etliche Personen - wie etwa die Schriftstellerin Agnes Miegel,
der Heimatschützer Karl Wagenfeld, der Psychiater Hermann Simon
oder der Sportfunktionär Carl Diem - wurden erst nach 1945,
manche sogar erst während der 1970er Jahre auf Straßennamen
geehrt. Allein Wagenfeld kommt heute in Westfalen rund 70 Mal
auf Straßenschildern vor. "Neue, veränderte Sichtweisen auf den
Nationalsozialismus stellen diese Straßenbenennungen in Frage.
Geplante Umbenennungen werden wiederum als Eingriffe in die
Erinnerung und das kollektive Gedächtnis einer Stadt
kritisiert", so Dr. Matthias Frese vom LWL-Institut für
westfälische Regionalgeschichte.
Kirsch, der auch Vorsitzender des Westfälischen Heimatbundes
ist und in dieser Position in der Nachfolge von Wagenfeld steht,
machte am Beispiel des Heimatschützers deutlich, wie schwierig
die Einordnung von Namensgebern sein kann: "Respekt verdienen
Wagenfelds Anstrengungen um die Organisation der Heimatbewegung
in Westfalen ebenso wie sein ungeheurer Arbeitseifer. Doch wird
man sich bei aller Würdigung seiner Originalität und seiner
Leistungen von bestimmten Anschauungen und Äußerungen
distanzieren müssen. Wagenfeld hat in vielen Äußerungen in
Sprachformen seiner Zeit und im völkischen Zeitgeist
argumentiert. An vielen Stellen hat er aber die Grenzen
überschritten und eine deutliche Nähe zur
nationalsozialistischen Ideologie gezeigt. Eine fundierte
Analyse seiner Schriften und insbesondere seiner Vorträge ist
noch zu leisten."
Hintergrund
Mit dieser geschichtspolitischen Tagung hat der LWL Anregungen
und Anfragen aus den westfälischen Städten und Gemeinden
aufgegriffen. Für die Tagung kooperiert das LWL-Institut für
westfälische Regionalgeschichte mit der LWL-Literaturkommission
für Westfalen und dem Westfälischen Heimatbund. Alle
Einrichtungen haben ihre Spezialkenntnisse zu einigen der
diskutierten Personen beigetragen und haben ihre Unterlagen der
Forschung geöffnet. Der LWL verfügt mit seinen
Kultureinrichtungen über ein weit gefächertes Netz an
Kompetenzen auf dem Feld der Erinnerungskultur mit seinen
Museen, der Denkmalpflege, dem Archivwesen, dem Medienzentrum,
den wissenschaftlichen Kommissionen und dem LWL-Institut für
westfälische Regionalgeschichte.
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