[WestG] [AKT] Widerstand gegen das NS-Regime: Die katholische Kirche spricht im Sommer drei ehemalige Studenten der WWU selig
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Do Feb 17 11:18:08 CET 2011
Von: "Pressestelle der WWU Münster" <pressestelle at uni-muenster.de>
Datum: 17.02.2011, 10:00
AKTUELL
Widerstand gegen das NS-Regime
Die katholische Kirche spricht im Sommer drei ehemalige
Studenten der WWU selig
Mehr als sechs Jahrzehnte nach ihrem Tod spricht die
katholische Kirche in diesem Sommer drei ehemalige Studenten
der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) selig: die
Kapläne Hermann Lange, Eduard Müller und Johannes Prassek. Sie
gehörten zur Gruppe der "Lübecker Märtyrer", vier Geistliche im
Alter von 31 bis 49 Jahren, die sich gegen das
nationalsozialistische Terrorregime stellten und dafür mit dem
Leben bezahlten.
Der Westfale Eduard Müller war als jüngstes von sieben Kindern
in armen Verhältnissen in Neumünster aufgewachsen. Nach einer
Tischlerlehre ermöglichten ihm Mitglieder seiner Heimatgemeinde
das Studium der katholischen Theologie an der Universität
Münster. Johannes Prassek stammte aus einer Hamburger
Arbeiterfamilie und studierte ebenfalls Theologie in Münster.
Als Kaplan wagte er es, die Gegensätze zwischen dem
katholischen Glauben und der Nazi-Ideologie offen zur Sprache
zu bringen. Um Zwangsarbeiter seelsorglich betreuen zu können,
lernte er sogar Polnisch. Im Gegensatz zu Müller und Prassek
wuchs der in Leer geborene Hermann Lange in gutbürgerlichen
Verhältnissen auf, sein Vater war Lehrer, sein Onkel Domdechant
in Osnabrück. Als Gymnasiast schloss er sich dem katholischen
"Bund Neudeutschland" und damit der Geisteswelt der kirchlichen
Reformbewegung an.
Münster spielte für Leben und Wirken der drei jungen
Geistlichen eine herausragende Rolle: Während ihres Studiums
von 1933 bis 1939 lernten sie dort die Protestschriften von
Kardinal Clemens August von Galen gegen die Ermordung von
Behinderten und Kranken kennen. Unter großer Gefahr und
Geheimhaltung tippten sie seine Predigten ab, um sie
anschließend zu vervielfältigen und zu verteilen.
Nach der Priesterweihe waren Lange, Müller und Prassek als
Vikare an der Herz-Jesu-Kirche in Lübeck tätig. Die weitgehende
Zerstörung der Lübecker Altstadt in der Nacht vor dem
Palmsonntag 1942 durch britische Bomben wurde zur
Initialzündung für den offenen Protest der jungen Männer gegen
die NS-Herrschaft. Bei den Beerdigungen der Opfer lernten die
drei Kapläne den in Münster geborenen evangelisch-lutherischen
Pfarrer Karl Friedrich Stellbrink kennen. Aus Wut und Ohnmacht
entwickelte sich der tätige Widerstand der vier Geistlichen.
Sie protestierten von ihren Kanzeln und in Flugschriften gegen
die Nazis. Gläubige beider Konfessionen schlossen sich der
Regimekritik an.
Das blieb nicht ohne Folgen: Die evangelische Kirche bestrafte
Stellbrink mit einem Amtsenthebungsverfahren. Bald darauf
erfuhr auch die Gestapo vom Lübecker Christenwiderstand. Nach
einer Hausdurchsuchung nahm sie Stellbrink im April 1942 fest.
Es fand sich bei ihm ausreichend Beweismaterial, um auch die
drei Kapläne sowie 18 weitere Gläubige zu verhaften. Die Laien
waren jedoch in den Augen der Richter nur von den Geistlichen
Verführte, denen man die Hauptschuld zusprach.
In den Lübecker Prozess schaltete sich Adolf Hitler persönlich
ein: Aus Angst vor einem Aufstand beider Konfessionen wollte
der Diktator in Absprache mit dem Reichskirchenminister ein
Exempel an den Lübecker Geistlichen statuieren. Aus der
Anklageschrift ließ er daher sämtliche Stellen entfernen, die
den Namen von Galens enthielten, da er um dessen Macht und
Einfluss wusste. Das Urteil des Volksgerichtshofs nannte am 5.
April 1943 folgende Vergehen: Zersetzung der Wehrkraft,
Feindbegünstigung, Rundfunkverbrechen. Die Häftlinge saßen mehr
als ein Jahr im berüchtigten Hamburger Untersuchungsgefängnis
am Holstenglacis, bevor sie am Abend des 10. November 1943
durch das Fallbeil hingerichtet wurden.
Der Lübecker Historiker Peter Voswinckel hat 2004 die verloren
geglaubten Gerichtsakten und Abschiedsbriefe der vier Märtyrer
im Berliner Bundesarchiv entdeckt: "Der Fund vervollständigt
unser historisches Wissen um diese Vorgänge", berichtet der
Wissenschaftler. Im Seligsprechungsprozess haben die Dokumente
eine wichtige Rolle gespielt, denn für diese Würdigung der
katholischen Kirche ist nachzuweisen, dass die Personen "als
Blutzeugen für den Glauben" gestorben sind. Eine ökumenische
Besonderheit der Seligsprechung, die am 25. Juni feierlich vor
der Propsteikirche in Lübeck begangen wird: Die Christen werden
auch des vierten Märtyrers, des evangelischen Pastors
Stellbrink, gedenken. Nach kanonischem Recht kann er als
Protestant nicht seliggesprochen werden.
Unter den wiederentdeckten Schriftstücken fanden sich auch zwei
Briefe Johannes Prasseks an seine Eltern und eine
Ordensschwester, die seinen tiefen Glauben bezeugen: "Gott ist
so gut, dass er mich noch einige Jahre als Priester hat
arbeiten lassen und dieses Ende - so mit vollem Bewusstsein und
in ruhiger Vorbereitung darauf sterben dürfen ist das Schönste
von allem."
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