[WestG] [AKT] 5.000 Jahre alte Großsteingraeber in Erwitte-Schmerlecke: Fuehrungen ueber die Ausgrabung am Tag des offenen Denkmals
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Mi Sep 8 10:34:00 CEST 2010
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 07.09.2010, 12:29
AKTUELL
5.000 Jahre alte Großsteingräber in Erwitte-Schmerlecke
Führungen über die Ausgrabung am Tag des offenen Denkmals
Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL)
öffnen am Tag des offenen Denkmals (Sonntag, 12.9.) zusammen
mit ihren Kooperationspartner von der Westfälischen
Wilhelms-Universität Münster und der Georg-August-Universität
Göttingen die Ausgrabung in Erwitte-Schmerlecke (Kreis Soest).
In vier Führungen um 10, 12, 14 und 16 Uhr präsentieren sie den
aktuellen Stand der Ausgrabung und erläutern die ursprüngliche
Konstruktion der Großsteingräber. Außerdem stellen sie die
Instrumente und Methoden der Grabungstechnik vor. Eine
Anthropologin informiert darüber hinaus über die Knochenfunde.
Wie alt die Menschen in der Soester Boerde vor 5000 Jahren
geworden sind, wie sie ihre Toten behandelten und was sie ihnen
mit ins Grab gaben, soll die Ausgrabung zweier Großsteingräber
der späten Jungsteinzeit zwischen Soest und Erwitte klären.
Nahe des kleinen Ortes Schmerlecke an der B 1 stehen mitten im
Feld zwei große weiße Grabungszelte. Hier liegen drei
Grabanlagen von frühen Bauern. Sie wurden von den damaligen
Bewohnern der Soester Börde aus großen Kalksteinplatten
errichtet. Die Gräber sind 20 beziehungsweise 25 Meter lang und
waren bis über vier Meter breit. In diesen Gemeinschaftsgräbern
bestatteten die Menschen ihre Toten über mehrere Jahrhunderte
hinweg - eine Sitte, die in der Jungsteinzeit in vielen Teilen
Europas verbreitet war.
Im Rahmen eines Forschungsprojekts der Deutschen
Forschungsgemeinschaft sind seit vergangenem Jahr Archäologen,
Anthropologinnen und andere Experten dabei, die Gräber von
Schmerlecke mit modernsten Methoden auszugraben. Durch die
jahrhundertelange Nutzung der Anlagen sind Bestattungen und
Beigaben häufig durcheinandergeraten und müssen aufwendig
rekonstruiert werden, außerdem sind die Grabanlagen durch
moderne Pflüge zum Teil beschädigt.
Hintergrund
Im Rahmen eines Forschungsprojekts zur Hessisch-Westfälischen
Megalithik im Schwerpunktprogramm "Frühe Monumentalität und
soziale Differenzierung" der Deutschen Forschungsgemeinschaft
(DFG) untersuchen Archäologen zur Zeit zwei von drei
Grabanlagen der späten Jungsteinzeit bei Erwitte-Schmerlecke.
Die hier entdeckten Galeriegräber sind zwischen 3500 v. Chr.
und 2800 v. Chr. errichtet und genutzt worden. Sie erreichen
Längen von 20 bis 25 Meter und waren zwischen zwei und vier
Meter breit. Das Baumaterial besteht aus ortsfremden
Kalksteinplatten und wurde zum Grabplatz transportiert.
In Gräbern dieser Art sind durchschnittlich 70 bis 150 Menschen
bestattet. Es handelt sich allerdings nicht um Massen-, sondern
um so genannte Kollektivgräber, da die Anlagen über
Generationen hinweg immer wieder für neue Bestattungen geöffnet
wurden. Durch die jahrhundertelange Nutzung sind die
Bestattungen und die wenigen Beigaben häufig durcheinander
geraten und müssen aufwändig dokumentiert und rekonstruiert
werden. Um möglichst viel über den Bau, die Bestattungs- und
Beigabensitten herauszufinden, wenden die Wissenschaftler
modernste Methoden an. Interdisziplinär arbeiten dabei
Archäologen der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, des
LWL und Anthropologen der Georg-August-Universität Göttingen
zusammen.
Die Führung informiert die Besucher zunächst über die
Entdeckungsgeschichte des Schmerlecker Fundplatzes, die bereits
1880 beginnt. Danach erläutern die Wissenschaftler exemplarisch
die Grabkonstruktion. Weiter geht es in das Kammerinnere, wo
sich vor allem menschliche Skelettreste und Beigaben finden.
Verglichen mit zeitglichen Gräbern in Norddeutschland haben die
Toten in Schmerlecke zwar wenig Beigaben. Dennoch haben die
Ausgräber hier Trachtzubehör, sowie Teile der Jagd-
beziehungsweise Arbeitsausrüstung ans Tageslicht gebracht:
durchlochte Tierzähne und Hälften von Wildtierunterkiefern, in
geringer Anzahl auch Bernsteinperlen und Kupferschmuck,
Pfeilspitzen und Feuersteinklingen, Knochengeräte wie Meißel
und Pfriemen, sowie Felsgesteingeräte wie Beile und Äxte.
Im Anschluss erfahren die Besucher mehr aus dem Grabungsalltag
der Archäologen: Die komplizierten Fundlagen in diesem
Kollektivgrab stellen hohe Anforderungen an die
Grabungstechnik. Die Ausgräber messen alle Funde
dreidimensional mit einem sogenannten Tachymeter ein. Sie legen
Plana mit Quadrantensystem an, die fotogrammetrisch erfasst
werden; dass heißt jeder Quadrant wird in seinen Begrenzungen
mittels vorher positionierter Messnägel vermessen und
fotografiert. Im Anschluss setzen sie die Einzelfotos am
Computer zusammen. Auf den tagesaktuellen Quadrantenfotos
versehen sie die im Planum sichtbaren Knochen mit Fundnummern
und zeichnen ihre Umrisse bei der Entnahme ein. Damit wird die
Lage zusätzlich zur Vermessung festgehalten, was die spätere
Rekonstruktion von einzelnen Bestatteten erleichtert.
Eine Anthropologin stellt den Teilnehmern schließlich ihre
ersten Forschungsergebnisse vor. Schon jetzt zeichnet sich eine
außergewöhnlich gute Erhaltung der menschlichen Skelettreste
vor allem in Grab II ab. Allein anhand der Schädel und
Schädelfragmente kann sie vorläufig mindestens 23 Individuen in
der ersten Grabhälfte ausmachen. DNA- und Isotopen-Analysen
sollen noch Aufschluss über die Verwandtschaftsverhältnisse und
die Herkunft sowie die Ernährung der Bestatteten geben. Die
paläopathologische Untersuchung der menschlichen Skelettreste
zeigt Krankheiten und Arbeitsbelastungen der
jungsteinzeitlichen Menschen.
Die Arbeitsstelle Forschungstransfer der
Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster hat die Ausgrabung
in Erwitte-Schmerlecke als Wissenschaftsort in die "Expedition
Münsterland" aufgenommen. Die Expedition Münsterland macht
Wissenschafts-Schauplätze erlebbar und lässt universitäre
Forschung in der Region sichtbar werden. Ein Multitouch-Tisch
lädt die Besucher in Schmerlecke ein, Wissenschaft zu erfassen
- buchstäblich mit den Händen. Weitere Informationen zur
Expedition Münsterland unter: expedition-muensterland.de
INFO
Führungen: am Sonntag, 12.9.2010 um 10, 12, 14 und 16 Uhr
Adresse: Alter Soestweg, 59597 Erwitte-Schmerlecke
Anfahrt: A 44, Abfahrt Erwitte-Anröchte, auf B 55 Richtung
Erwitte, an der Ampel nach links auf B 1 Richtung Soest.
In Schmerlecke an der Ampel rechts Richtung Horn, nach
wenigen hundert Metern erster Feldweg links. Dem geteerten
Weg folgen bis zu den Grabungszelten.
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