[WestG] [AKT] Auschwitz-Ueberlebende Erna de Vries trifft Fuehrungskraefte der Bezirksregierung Muenster

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mi Nov 17 11:13:17 CET 2010


Von: "Pressestelle BR Münster" <Pressestelle at bezreg-muenster.nrw.de>
Datum: 16.11.2010, 16:26


AKTUELL

"Ich wollte noch einmal die Sonne sehen" - 
Auschwitz-Überlebende Erna de Vries trifft Führungskräfte der 
Bezirksregierung Münster

Münster. Im September 1943 kniet sich die 19-jährige Erna Korn 
auf dem Innenhof des Todesblocks im Vernichtungslagers 
Auschwitz auf den Boden und betet. Ihr einziger Wunsch: Einmal 
möchte Sie noch die Sonne sehen. Währen um sie herum bereits 
Mitgefangene von SS-Aufseher auf die Lastwagen getrieben werden 
und die Sonne über den Dächern des Lagers aufgeht, wird ihre 
Nummer gerufen. Die Nummer, die seit ihrer Ankunft im Lager auf 
ihren linken Unterarm tätowiert ist. In letzter Minute wird 
Erna, heute Erna de Vries, ins Konzentrationslager Ravensbrück 
verschickt. Sie entkommt Krieg und Verfolgung.

Von ihrem außergewöhnlichen Schicksal erzählte Erna de Vries am 
Montag (15.11.) jungen Führungskräften der Bezirksregierung 
Münster. Regierungsvizepräsidentin Dorothee Feller-Elverfeld 
hatte die Zeitzeugin im Rahmen einer regelmäßigen 
Veranstaltungsreihe eingeladen, in der sich dienstjüngere 
Führungskräfte der Bezirksregierung mehrmals jährlich mit 
historischen, staatsphilosophischen und anderen kulturellen 
Themen auseinandersetzen.

Eindrücklich erzählte Erna de Vries von ihrer Jugend in 
Kaiserslautern und der zunehmenden Diskriminierung und 
Ausgrenzung. Von der Nacht vom 9. auf den 10. November 1939, 
als ihr Wohnhaus verwüstet wurde und schließlich der 
Deportation im Juli 1943.

Um nicht von ihrer Mutter getrennt zu sein, folgt sie ihr 
freiwillig ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und 
arbeitet im Außenlager Harmense. Dort zieht sie sich eine 
schwere Entzündung am Bein zu, versucht sich aber den Blicken 
der Ärzte zu entziehen: "Wer krank war und zum Arzt ging, der 
kam nicht wieder". Schließlich werden ihre Wunden bei einer 
Selektion doch noch entdeckt und Erna de Vries als "untauglich" 
eingestuft. Sie wird daraufhin in den sogenannten "Todesblock" 
von Auschwitz verlegt um dort auf ihre Ermordung zu warten, 
doch das Blatt wendete sich in letzter Minute.

Als sogenannter "Mischling", ihr Vater war Protestant, entkommt 
sie der Vergasung und muss in Ravensbrück Zwangsarbeit für die 
Rüstungsindustrie leisten. Kurz vor ihrem Transport nach 
Ravensbrück sieht sie noch einmal ihre Mutter, die zu ihr sagt: 
"Du wirst überleben und erzählen".

Im Anschluss an ihren bewegenden Bericht beantwortete Frau de 
Vries die Fragen der jungen Führungskräfte und es entwickelte 
sich ein Gespräch, das durchaus auch aktuelle Bezüge fand. 
Vertrauen in ein politisches System habe sie nicht mehr fassen 
können, beantwortete Frau de Vries die Frage eines Teilnehmers, 
"wohl aber Vertrauen in Menschen." Generell habe sie sich nach 
ihrer Befreiung nicht mit Politik, sondern vielmehr mit dem 
Erlebten beschäftigt. Also auch nicht mit der Rolle der 
Behörden im Nationalsozialismus, die ein Teilnehmer zur Sprache 
gebracht hatte.

"Wenn so ein System erst entstanden ist, ist es zu spät. Man 
muss verhindern, dass es überhaupt wieder entstehen kann", 
betonte Regierungsvizepräsidentin Feller-Elverfeld. Deshalb sei 
es auch Ziel dieser und anderer Veranstaltungen zu 
sensibilisieren und aus der Geschichte zu lernen.

Zum Dank für ihren Besuch unterstützen die jungen 
Führungskräfte der Bezirksregierung ein Projekt zur Aufforstung 
Israels, das Erna de Vries seit vielen Jahren am Herzen liegt.

Im kommenden Jahr wird sich der Kreis der jungen Führungskräfte 
mit den Weltreligionen und speziell dem Islam auseinandersetzen.


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