[WestG] [LIT] Borggraefe, Henning: Schuetzenvereine im Nationalsozialismus

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Di Jun 29 09:05:51 CEST 2010


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 28.06.2010, 13:58


LITERATUR

LWL-Veröffentlichung 
"Schützenvereine im Nationalsozialismus": Gleichschaltung und 
"Ertüchtigung der Jugend" mündeten in Ausbildung für den Krieg

Schützenvereine haben als Orte, in denen die lokale 
Gemeinschaft praktiziert wird, nach wie vor hohe Attraktivität. 
Doch trotz eines äußerst ausgeprägten Traditionsbewusstseins 
klaffen mit Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus große 
Lücken im eigenen Geschichtsbild. Diese Lücke will der 
Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) jetzt schließen: Unter 
dem Titel "Schützenvereine im Nationalsozialismus. Pflege der 
"Volksgemeinschaft" und Vorbereitung auf den Krieg (1933-1945)" 
hat er jetzt eine Studie des Historikers Henning Borggräfe 
herausgegeben.

Wichtigstes Ergebnis: Die "Gleichschaltung" wurde zwar 
eindeutig von der NS-Führung eingeleitet und vorangetrieben, 
bei den Schützen gab es aber auch erhebliche Elemente der 
Selbstmobilisierung.

Viele Vereine klammern die Jahre nach 1933 weiträumig aus oder 
beanspruchen eine Opferrolle für sich. Dabei berührten die auch 
in der historischen Forschung bisher kaum untersuchten 
Schützenvereine mit der Gemeinschaftspflege und dem Schießen 
zwei Kernziele des Regimes: die Realisierung der 
"Volksgemeinschaft" und die Vorbereitung auf den Krieg.

"Borggräfe leistet mit seiner Untersuchung einen Beitrag zur 
Beantwortung der Frage nach den konkreten Handlungsspielräumen 
der Menschen im Nationalsozialismus. Sie fragt nach der 
Bedeutung des Handelns 'normaler Deutscher' im NS-Staat und 
nach der Wirkungsmacht der 'Volksgemeinschaft'", so Thomas 
Küster vom LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte.

Borggräfe schildert, wie sich die Schützenvereine 
organisatorisch in die reichsweiten Verbandsstrukturen 
einfügten und mit dem Nationalsozialismus arrangierten. Er 
beschreibt, wie sie sich nationalsozialistische Ziele 
aneigneten und gleichzeitig ihre eigenen Bestrebungen 
verfolgten. Dieser sich wechselseitig beeinflussende Vorgang 
trug nach Borggräfes Urteil dazu bei, die NS-Herrschaft zu 
stabilisieren. Als Beispiele für die Entwicklung in Westfalen 
dienen ihm ausgewählte Schützenvereine aus Lünen, Hattingen und 
Lippstadt.

So versperrte beispielsweise der Westfälische Schützenbund 
bereits im Frühjahr 1933 jüdischen Bürgern den Beitritt in den 
Verband und die Übernahme von Vorstandspositionen. Zur 
Jahreswende 1933/34 schlossen dann viele Vereine ihre jüdischen 
Mitglieder ganz aus. Für die Vereine selbst blieb mit Ausnahme 
der Umstellung auf das "Führerprinzip" und der Eingliederung in 
einen neuen Verband strukturell zunächst einmal vieles beim 
Alten.

Auf personeller Ebene belegt die Studie, dass die Schützen 
zunehmend mit der NSDAP kooperierten, denn die 
Vereinsmitglieder sahen mit dem neuen Regime die Möglichkeit 
gekommen, die alte Konkurrenz zwischen jenen, die den 
Schwerpunkt der Vereinsaktivitäten auf die Wehrhaftmachung 
legten, und jenen, die ihre Aufgabe in der Gemeinschaftspflege 
vor Ort sahen, nun jeweils für sich zu entscheiden.

Borggräfe untersucht vor allem die Ausrichtung der 
Schützenfeste und internen Vereinsveranstaltungen. Er 
dokumentiert, dass die symbolische Herstellung der 
"Volksgemeinschaft" und das gemeinsame Bekenntnis zum "Führer" 
in den ersten Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft 
feste Bestandteile jedes Schützenfestes waren.

Das gilt insbesondere für die traditionsorientierten Vereine, 
die der von den Schießsportlern dominierten Verbandsentwicklung 
skeptisch gegenüberstanden. Allerdings wehrten sich viele 
Vereine erfolgreich gegen die von der Verbandsführung verlangte 
Anpassung ihrer Vereinskultur an nationalsozialistische Muster, 
etwa in der umstrittenen Frage der Einführung neuer 
Einheitsuniformen.

Hintergrund
Bereits in der Spätphase der Weimarer Republik verstanden die 
Schützen ihren Sport aber auch als Dienst für das Vaterland, 
indem sie etwa eigene Jugendabteilungen einrichteten, deren 
Wehrsportprogramme die im Versailler Vertrag festgeschriebene 
Begrenzung der Armeestärke unterlaufen sollten. Nach der 
Machtübernahme nutzte die Hitlerjugend diese Vorarbeiten und 
entwickelte unter Mitwirkung der Schützen ein flächendeckendes 
Ausbildungsprogramm zur Wehrertüchtigung der Jugend.

Die schießsportlich orientierten Schützen setzten sich für die 
am Militärgewehr orientierte Vereinheitlichung der Waffen, den 
Schießstandausbau und die Annäherung der Schießpraxis an den 
Kriegseinsatz ein. Seit Kriegsbeginn organisierte die SA dann 
gemeinsam mit den Schützen ein Massenausbildungsprogramm, in 
dem alle Männer vor der Einberufung zur Wehrmacht in 
dreimonatigen Wehrertüchtigungskursen kriegsfähig gemacht 
werden sollten. Bis zum Frühjahr 1942 hatten SA und 
Schützenvereine auf diese Weise über zwei Millionen Männer 
ausgebildet.

Unter den Bedingungen des Krieges stellten viele Vereine ihre 
Arbeit 1941/42 ein, einige waren aber nachweislich noch bis 
Ende 1944 aktiv. Das offizielle Ende ereilte den Deutschen 
Schützenverband und die Schützenvereine erst nach der 
Kapitulation. Infolge des Alliierten Kontrollratsgesetzes Nr. 2 
vom 10. Oktober 1945 zur Auflösung der NSDAP und aller ihr 
angeschlossenen Organisationen wurden sie verboten.

Der Autor:
Henning Borggräfe studierte Geschichte und 
Politikwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. Das 
vorliegende Buch basiert auf seiner Master-Arbeit. Derzeit 
untersucht er am Lehrstuhl für Zeitgeschichte der 
Ruhr-Universität Bochum im Rahmen seiner Dissertation die 
Funktion historischer Expertise und die Bedeutung der 
Interessenvertretung von Betroffenen in der Auseinandersetzung 
um die Entschädigung von NS-Verfolgten seit den 1980er Jahren.


INFO

Henning Borggräfe
Schützenvereine im Nationalsozialismus.
Pflege der "Volksgemeinschaft" und Vorbereitung auf den 
Krieg (1933-1945)
Forum Regionalgeschichte, Bd. 16
Ardey-Verlag, Münster 2010, ISBN 978-3-87023-110-1
128 S., brosch., 12,90 Euro


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