[WestG] [AUS] LWL-Industriemuseum zeigt Ausstellung über Leitbilder im Revier nach 1945, Bochum, 16.07.-10.10.2010

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Do Jul 15 11:45:34 CEST 2010


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 15.07.2010, 11:30


AUSSTELLUNG

Kumpel Anton, St. Barbara und die Beatles
LWL-Industriemuseum zeigt Ausstellung über Leitbilder im Revier 
nach 1945

Kumpel Anton, St. Barbara und die Beatles haben auf den ersten 
Blick wenig gemeinsam. Was die drei verbindet, zeigt eine neue 
Ausstellung im LWL-Industriemuseum Zeche Hannover in Bochum: 
Sie alle waren Leitbilder im Ruhrgebiet zwischen Nachkriegszeit 
und Strukturkrise. Vom 16. Juli bis 10. Oktober 2010 lässt der 
Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) in seinem Bochumer 
Museum eine heute weitgehend vergessene Kulturgeschichte des 
Reviers wieder lebendig werden - eine Geschichte, die sich 
zwischen Traditionspflege und moderner Kunst, 
Bergarbeiterkultur und Pop bewegt. Das Themenspektrum der Schau 
reicht von A wie Antibabypille bis Z wie Malzirkel Zwickau. Zu 
sehen sind über 250 Exponate, darunter Gemälde und Skulpturen 
von Laienkünstlern und Mitgliedern des "jungen Westen", Werke 
der Dortmunder Gruppe 61, Plakate der Ruhrfestspiele, alte 
Filmzeitschriften, historische Fotos, Schallplatten und Filme.

"Wandel durch Kultur - Kultur durch Wandel. Das Motto der 
Kulturhauptstadt Europas Ruhr.2010 hätte auch damals gut 
gepasst", erläuterte Ausstellungsleiterin Dr. Dagmar Kift vom 
LWL-Industriemuseum am Donnerstag (15.07.) bei der Vorstellung 
der Schau in Bochum. Gerade die Laienmaler, Hobbymusiker und 
Arbeiterdichter des Ruhrgebiets, die im Mittelpunkt der Schau 
stehen, hätten viel bewegt und Außerordentliches geleistet. 
Kift: "Sie gaben dem Industrierevier nach 1945 gemeinsam mit 
Kulturpolitikern aus dem Bergbau, den Gewerkschaften und 
einzelnen Kultureinrichtungen erstmals eine kulturelle 
Identität. Dabei war es ihnen wichtig, die Menschen an der 
Kultur teilhaben oder als Laienkünstler teilnehmen zu lassen. 
Parallel zur Montanmitbestimmung ging es in den 1950er und 60er 
Jahren auch um kulturelle Partizipation."

Hintergrund 
Die Entstehung der Ruhrfestspiele, die Gründung der 
"Vereinigung der Freunde von Kunst und Kultur im Bergbau e.V." 
in Bochum und der Künstlergruppe "junger westen" in 
Recklinghausen, die Einstellung von Kulturreferenten durch die 
großen Zechengesellschaften oder des Arbeiterdichters Willy 
Bartock als Leiter der kulturellen Betreuung der Zeche Walsum - 
Ereignisse wie diese markieren zwischen 1946 und 1949 den 
Beginn eines breiten kulturellen Aufschwungs im Ruhrgebiet.

Zwar war die Region auch damals keineswegs kulturlos. Ihre 
Städte verfügten auch über überregional bedeutende Museen und 
Theater wie das Essener Folkwang Museum und das Bochumer 
Schauspielhaus. Allerdings seien diese Institute nicht von der 
besonderen Lebensform an der Ruhr geprägt und könnten nicht als 
spezifischer Ausdruck einer Ruhrkultur angesehen werden, 
urteilte Franz Große Perdekamp, Leiter der Kunsthalle in 
Recklinghausen, 1947.

20 Jahre später sah dies anders aus. Dagmar Kift: "Als der 
Bergbau nach dem Zweiten Weltkrieg neu geordnet wurde, erfolgte 
auch eine kulturelle Neubesinnung. Als es nach der 
Währungsreform wieder aufwärts ging, entwickelte sich rund um 
die Leuchttürme der bürgerlichen Hochkultur eine 
revierumspannende 'Kultur von unten'. Die Laienkünstler aus dem 
Bergbau stellten ihre Werke in den Betrieben und den 
Begleitausstellungen der Ruhrfestspiele aus. Die Konzerte der 
Bergarbeiterchöre und Werksorchester waren im Radio zu hören. 
Die Kunsthalle Recklinghausen entwickelte sich zu einem Zentrum 
der Moderne. Und die Schriftsteller der Dortmunder Gruppe 61 
entdeckten die Arbeitswelt für die Literatur."

Fühlten sich dadurch vor allem die Erwachsenen angesprochen, 
wandten sich die Jugendlichen den Helden und Idolen der 
anglo-amerikanischen Kino- und Musikindustrie zu. Sie machten 
Dortmund in den 1950er Jahren zu einer Metropole des Jazz und 
Recklinghausen in den 1960er Jahren zum Mekka der Beatbewegung. 
Dass 1966, im Jahr der Strukturkrise, die Beatles selbst in 
Essen auftraten, mag Zufall gewesen sein, markiert aber einen 
erneuten Wandel in der Kultur: Der Bergbau fuhr seine 
Kulturförderung zurück, die Popkultur entwickelte sich von der 
Nischen- zur Massenkultur.

Die Bochumer Präsentation ist ein Begleitprojekt zur 
Kulturhaupthauptstadt-Ausstellung "Helden. Von der Sehnsucht 
nach dem Besonderen", die der LWL bis 31. Oktober in seinem 
Industriemuseum Henrichshütte Hattingen zeigt.

Der gleichnamige Katalog zur Ausstellung (75 Seiten, reich 
bebildert, Klartext Verlag, Essen 2010, ISBN 978-3-8375-0415-6) 
kostet 5,95 Euro.


INFO

Kumpel Anton, St. Barbara und die Beatles
"Helden" und andere Leitbilder im Ruhrrevier nach 1945
16. Juli bis 10. Oktober 2010, Eröffnung: Do, 15.7.2010, 19 Uhr
LWL-Industriemuseum Zeche Hannover
Günnigfelder Straße 251, 44793 Bochum
Geöffnet Mi-Sa 14-18 Uhr, So 11-18 Uhr


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