[WestG] [AKT] Elch, Engel und Adventskalender: LWL-Volkskundler entschluesseln alte und neue Weihnachtstrends
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Do Nov 26 10:47:48 CET 2009
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 25.11.2009, 12:00
AKTUELL
Elch, Engel und Adventskalender
LWL-Volkskundler entschlüsseln alte und neue Weihnachtstrends
Schon seit einigen Wochen stehen sie wieder in den Regalen und
warten auf den lang ersehnten Beginn der Vorweihnachtszeit:
Adventskalender, mit weihnachtlichen Bild-Motiven hinter den
Türchen, Schokolade zum Naschen oder kleinen Geschenken
gefüllt. Für die Erwachsenen ist der Adventskranz mit Äpfelchen,
roten Bändern und Kerzen verziert oder, ganz modern, aus
künstlichem Grün mit elektrischen Lichtern in bunten Farben
obligatorisch. Ohne Adventskalender und -kranz ist die
Vorweihnachtszeit kaum vorstellbar. Dabei sind beide Elemente
noch gar nicht so alt, wie Katrin Bauer,
Kulturwissenschaftlerin der Volkskundlichen Kommission für
Westfalen beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL),
berichtet: "Der Adventskalender entstand erst im 19.
Jahrhundert, als Weihnachten sich immer mehr zum familiären
Schenkfest entwickelte und langsam den Nikolaustag als bis
dahin wichtigsten Geschenktermin für Kinder ablöste."
Zu Beginn verbreitete sich der Adventskalender vor allem in
protestantischen Familien, die mit ihm auch eine erzieherische
Funktion verbanden. "In christlichen Bildmotiven sollte den
Kindern die Weihnachtsgeschichte vermittelt werden und Tugenden
wie Geduldigkeit und Beherrschung geübt werden", so Bauer. In
katholischen Familien war das Strohlegen bekannter: Wenn sie
brav waren, durften die Kinder bis Weihnachten einen Strohhalm
in die Krippe legen. Am Heiligen Abend war die Krippe dann
gefüllt und das Christkind war weich gebettet. In Kamen (Kreis
Unna) kannte man noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts den
Adventsbaum: "Er war für uns Kinder eine große Freude, wir
sangen und tanzten um den Baum", berichtet eine Gewährsperson.
Der Adventsbaum war viel kleiner als der Weihnachtsbaum und mit
Kerzen und Bibelsprüchen geschmückt. Diese Sprüche mussten
häufig von den Kindern auswendig gelernt werden.
Auch der Adventskranz kam erst im 19. Jahrhundert auf: "Diese
Erfindung von Johann Hinrich Wichern, dem Begründer des Rauhen
Hauses für verwahrloste und verwaiste Kinder in Hamburg,
breitete sich über die Bethel-Einrichtungen im
Minden-Ravensberger Land nach Westfalen aus und gehört heute in
nahezu jeder Familie zur adventlichen Grundausstattung", so
Bauer. Gleiches gilt für den Weihnachtsbaum: "Obwohl er schon
seit dem Mittelalter im kirchlichen Kontext bekannt war, setzte
er sich als geschmückter Familienbaum erst im 19. Jahrhundert
allmählich durch und wurde erst durch den Deutsch-Französischen
Krieg 1870/71 zum Symbol für Frieden, Heimat und Behaglichkeit",
erklärt die Kulturwissenschaftlerin. "Weihnachten", so Bauer
weiter, "war und ist auch immer Ausdruck des Zeitgeistes. Auch
heute noch etablieren sich neue weihnachtliche Zeichen und
Symbole. Vor allem durch Medien, Industrie und Handel werden
Kulturmuster global verbreitet, bekommen überkonfessionelle
Bedeutung, und der skandinavische Elch gehört mittlerweile auch
bei uns fast genauso zu Weihnachten wie der Tannenbaum, der
Engel oder die Krippe" meint Bauer.
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