[WestG] [AKT] LWL zeichnet Herforder Villa als Denkmal des Monats August aus

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mi Aug 26 10:44:44 CEST 2009


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 25.08.2009, 14:17


AKTUELL

Investor rettete ehemalige Musikschule vor Verfall 
LWL zeichnet Herforder Villa als Denkmal des Monats August aus

Jahrelang stand die zuletzt als Musikschule genutzte Villa am 
Lübbertorwall 77 in Herford leer. Die Villa, 1893 vom 
Zigarrenfabrikant Richard Böckelmann erbaut, drohte zu 
verkommen. Im vergangenen Jahr fand sich endlich ein privater 
Investor, der das Baudenkmal als Wohnhaus mit Büroräumen nutzen 
wollte. Deshalb zeichnet der Landschaftsverband Westfalen-Lippe 
(LWL) die Villa jetzt als Denkmal des Monats August aus.

"Der neue Eigentümer war ein Glücksfall für das Denkmal. Denn 
er hat sich auf die Fahnen geschrieben, die denkmalwerten Türen,
 Fenster, Stuckelemente, Böden und Ausstattung zu erhalten und 
behutsam herzurichten. Nachdem er unsensible Einbauten der 
1980er Jahre entfernt hatte, traten einige 'Schmuckstücke' zu 
Tage, die die reiche Ausstattung der Erbauungszeit 
eindrucksvoll belegen", freut sich LWL-Denkmalpflegerin Sybille 
Haseley. So blieben unter der Dispersionsfarbe der Fassade 
zweifarbige Ornamentbänder aus durchgefärbtem roten und grauen 
Putz bewahrt, die an ein "Beschlagwerk" der Renaissance 
erinnern. Innen fanden sich Fliesen des 19. Jahrhunderts, eine 
Fliesenimitationsmalerei an Wänden und Decke des ursprünglichen 
Wintergartens sowie Reste einer sogenannten Linkrusta-Tapete 
mit Jugendstilmotiven. Diese Prägetapete aus einem 
linoleumähnlichen Material wurde in gehobenen Interieurs um 
1900 gern verwendet. Dieser erhaltenswerte Wandschmuck wurde 
gesichert und im Fall der Prägetapete im gesamten Raum ergänzt. 
Auch zwei Fenster mit farbiger Bleiverglasung der 
Jugendstilzeit blieben erhalten und wurden lediglich innen mit 
einer Isolierverglasung verstärkt.

"Zur Überraschung aller Beteiligten waren auch Fragmente des 
Wintergartens der 1910er Jahre erhalten. In den 1980er Jahren 
hatte man rigide in die Substanz eingegriffen und den alten 
Wintergarten nahezu vollständig durch einen massiven Anbau 
ersetzt. Wie sich nun herausstellte, waren die Oberlichter des 
Wintergartens, eine Bleiverglasung mit romantischer Bemalung 
aus Rosenranken, nicht entfernt worden. Wie mit diesem Befund 
umgegangen wird, ist noch nicht vollends geklärt. Es ist aber 
damit zu rechnen, dass auch hier, wie im gesamten Haus, eine 
Lösung gefunden wird", so Haseley.

Hintergrund:
Die repräsentative Villa liegt am Rande der 
Herforder Neustadt, eingebettet in die Grünanlagen des 
Lübbertorwalls. Die Gegend gehörte schon zur Erbauungszeit zu 
einer der attraktivsten Wohnlagen Herfords. Nach dem die 
mittelalterlichen Stadtbefestigung im 18. Jahrhundert 
zurückgebaut worden war, wurden die abgeräumten Flächen der 
Wallanlagen zunächst als Weideland genutzt. Im ausgehenden 19. 
Jahrhundert wurden sie in Baugrundstücke umgewandelt. In dieser 
Zeit entstanden entlang eines Promenadenwegs prachtvolle 
Villenbauten mit großzügigen Gärten.

Der Zigarrenfabrikant Richard Böckelmann ließ die Villa im 
Jahre 1893 für sich und seine Familie bauen. Zusammen mit 
seinem Bruder Wilhelm betrieb er bis 1954 eine der 
bedeutendsten Firmen der Herforder Tabakbranche, die sein Vater 
Conrad Heinrich Wilhelm Böckelmann 1842 gegründet hatte. Mit 
der Planung der Villa betraute Böckelmann den Architekten 
Wilhelm Köster (geb. 1860). Dieser hatte sich 1892 als 
selbständiger Architekt in Herford niedergelassen. Als 
Spezialist für den Bau von Tabakfabriken errichtete er Betriebe 
im In- und Ausland. Darüber hinaus realisierte er zahlreiche 
Villen in Herford und anderen Orten. Nachdem Böckelmann in den 
1910er Jahren einen Wintergartens anbaute und die 
Terrassenanlage erweiterte, ließ er 1929 das Innere der Villa 
umgestalten. Die Entwürfe dazu lieferte der Architekt Karl 
Krause.

Die Villa ging schließlich in den Besitz der Stadt über, die 
hier in den 1980er Jahren eine Musikschule einrichtete. Nach 
deren Schließung stand das Gebäude jahrelang leer, die 
Bausubstanz drohte zu verkommen bis sich im vergangenen Jahr 
ein privater Investor fand, der die Villa als Wohnhaus mit 
Büroräumen nutzen wollte.


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