[WestG] [AKT] Ein Bild erzaehlt vom Karfreitag
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Fr Apr 3 11:26:53 CEST 2009
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 03.04.2009, 11:08
AKTUELL
Ein Bild erzählt vom Karfreitag
Historische Fotografien aus dem LWL-Medienzentrum zeigen
westfälisches Osterbrauchtum
"Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus, führten ihn in
das Prätorium, das Amtsgebäude des Statthalters, und
versammelten die ganze Kohorte um ihn. Sie zogen ihn aus und
legten ihm einen purpurroten Mantel um. Dann flochten sie einen
Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf..." Diese Sätze des
Matthäus- Evangeliums erinnern Christen auf der ganzen Welt
alljährlich am Karfreitag an das Leiden und Sterben Jesu. Einen
besonders intensiven Ausdruck fand und findet diese Erinnerung
im katholischen Westfalen in Kreuzigungsprozessionen. Eine
davon zeigt ein Foto aus Menden (Märkischer Kreis), das der
Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) im Bildarchiv seines
LWL-Medienzentrums für Westfalen aufbewahrt.
Der Christusdarsteller trägt ein weißes, Toga-ähnliches Gewand,
einen roten Überwurf und den Dornenkranz, während er von einem
nahezu komplett vermummten Simon von Cyrene beim Kreuztragen
unterstützt wird. Am Wegesrand stehen festlich gekleidete
Kinder und beobachten das Geschehen.
"Aufgenommen wurde die eindrucksvolle Fotografie um 1930 im
sauerländischen Menden, wo die Kreuztracht bis heute zum festen
Osterbrauchtum gehört", so Dr. Markus Köster, Leiter des
LWL-Medienzentrums." Hier wird, so überliefert es die Tradition,
das Kreuz seit dem 17. Jahrhundert über die 14 Stationen des
Kreuzweges mit Start und Ziel an der St. Vincenzkirche entlang
Gedenksteinen und Heiligenhäuschen durch die Stadt und ein
Waldstück an der Antoniuskappelle getragen. Die vom
Gründonnerstagabend bis Karsamstagmorgen stündlich
stattfindenden Prozessionen sind dabei in besondere
Gottesdienste eingebettet.
Der volkstümliche Brauch ist weit über die Stadtgrenzen hinaus
bekannt, zumal die Mendener Kreuztracht gegenwärtig die weitaus
Größte der acht in Westfalen stattfindenden
Karfreitagsprozessionen ist. Neben Menden wird das Kreuz noch
in Pömbsen (Bad Driburg/Kreis Höxter), Gehrden (Brakel/Kreis
Höxter), Delbrück (Kreis Paderborn), Stockum
(Sundern/Hochsauerlandkreis), Wiedenbrück (Kreis Gütersloh),
Coesfeld und Bevergern (Hörstel/Kreis Steinfurt) durch die
Gemeinde getragen.
Fotografiert hat die Mendener Kreuztracht 1930 vermutlich ein
Lehrer: Heinrich Genau. Der Pädagoge, leidenschaftliche
Amateurfotograf und engagierte Heimatpfleger gründete 1910 in
Soest die erste Bildstelle Westfalens überhaupt, um Schulen und
Jugendgruppen mit Medien für die Bildungsarbeit versorgen zu
können. Mit besonderem Eifer schuf Genau heimatkundliche
Bildreihen über Städte, Kreise und Landschaften Westfalens.
Auch die Fotografie der Mendener Kreuztracht stammt aus einer
solchen Serie mit dem blumigen Titel "Von den schönen Bergen
des Sauerlandes bis zur Vereinigung der Ruhr und Lenne".
Von den 65 Bildreihen, die Genau zwischen 1912 und 1936
zusammenstellte, sind immerhin 52 noch zu mehr oder minder
großen Teilen erhalten. Sie lagern im Bildarchiv des
LWL-Medienzentrums für Westfalen in Münster, zu dessen Aufgaben
es gehört, Fotos, Filme und Tonaufnahmen zu sichern und
öffentlich zugänglich zu machen.
"Wie die Bildserien Heinrich Genaus sind hier tausende
historische und aktuelle Fotos aller westfälischen Landesteile
nach Kategorien und Schlagwörtern geordnet", erklärt Köster.
Unter der Adresse http://www.bildarchiv-westfalen.de hat der
LWL die Fotos online recherchierbar gemacht. So lassen sich
schnell weitere Aufnahmen der Mendener Karfreitagsprozession
entdecken. Sie zeigen, dass der beeindruckende Brauch über die
Jahrzehnte nahezu gleich geblieben ist, wenn auch der
Kreuzträger heute nicht mehr - wie bis in die 1930er Jahre
üblich - tatsächlich Buße tun will, sondern eher symbolisch
Sorgen und Probleme durch die Gemeinde trägt.
Hintergrund
Außer über westfälisches Osterbrauchtum erzählen die Bestände
des Bildarchivs im LWL-Medienzentrum für Westfalen auch über
zahlreiche andere Themen aus der Region. Über 300.000
landeskundliche Bilder aus der Zeit zwischen 1850 und der
Gegenwart sowie 3.000 Luftbilder veranschaulichen westfälische
Landschaften, Städte und Dörfer, Landwirtschaft, Handwerks- und
Industriekultur, Kunst, Architektur, Brauchtum und nicht
zuletzt die Menschen und ihren Alltag im Wandel der Zeit. Unter
http://www.bildarchiv-westfalen.de kann man bequem vom
heimischen Computer aus in der visuellen Schatzkammer
Westfalens stöbern.
Mehr Informationen über die Mailingliste Westfaelische-Geschichte