[WestG] [AKT] Mit den Fueßen voraus... LWL-Volkskundlerin: Der Umgang mit dem Tod hat sich stark veraendert

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Di Okt 28 11:32:16 CET 2008


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 28.10.2008, 10:57


AKTUELL

Mit den Füßen voraus...
LWL-Volkskundlerin: 
Der Umgang mit dem Tod hat sich stark verändert

Am 2. November ist Allerseelen, das katholische Fest zum 
Gedächtnis an die Verstobenen. Es wurde 998 n. Chr. durch Abt 
Odilo von Cluny eingeführt und verbreitete sich rasch. "Lange 
Zeit war der Tod fest in das Leben und den Alltag integriert und 
der Umgang mit ihm, vor allem auf dem Land, durch zahlreiche 
Bräuche und Rituale reglementiert, die den Ablauf im Sterbefall 
strukturierten und so Sicherheit geben konnten" erklärt 
Christiane Cantauw von der Volkskundlichen Kommission für 
Westfalen (LWL).

"Heute ist der Tod kein alltägliches Thema mehr. Viele Menschen 
empfinden den Gedanken an Tod und Sterben als beängstigend. 
Vielfach fehlen uns heute Rituale, die den Umgang mit unserer 
Vergänglichkeit erleichtern", so Cantauw weiter. Um die Wende 
zum 20. Jahrhundert gaben Bräuche und Rituale vor, was bei einem 
Todesfall zu tun war: "Hat der Sterbende den letzten Atemzug 
getan, so hängt man den Spiegel zu, hält die Uhr an, öffnet ein 
Fenster. Alles 'Weltliche', etwa Soldatenbilder, werden verdeckt,
die Einstellung auf das Ewige, Undingliche in jeder Weise 
gestützt", ist einer Quelle aus Langenholzhausen (Gemeine 
Kalletal in Lippe) zu entnehmen. Im ausgehenden 19. Jahrhundert 
wollte man der Seele des Verstorbenen das Verlassen des 
Sterbezimmers dadurch erleichtern, dass man beispielsweise oft 
direkt nach Eintritt des Todes die Fenster öffnete. Um die 
Rückkehr der Seele zu verhindern, achtete man auch stets darauf, 
dass der Tote unter allen Umständen mit den Füssen voraus aus 
dem Haus getragen wurde. Sollte er mit dem Gesicht dem Haus 
zugewandt herausgetragen werden, würde er im Grab keine Ruhe 
finden und er würde ins Haus zurückkehren, so die verbreitete 
Annahme.

Starb ein Mensch, war es üblich, zuerst den nächsten Nachbarn zu 
verständigen. Die Nachbarschaft war für solche Fälle in so 
genannte "Not- und Tot-Nachbarn" organisiert, die alle wichtigen 
Aufgaben für die Trauerfamilie übernahmen: Sie versorgten das 
Vieh, brachten den Trauernden Essen, richteten den Verstorbenen 
her und besorgten alles, was sonst in der Zeit der Trauer von 
Nöten war. Außerdem war es ihre Aufgabe, den Tod in der 
restlichen Gemeinde "anzusagen" und als Leichenbitter 
(Liekbitter) alle Verwandten und weiteren Nachbarn zur 
Bestattung einzuladen. Erst nach 1900 kam die Sitte auf, 
gedruckte Einladungen zu verschicken.

In den meisten ländlichen Haushalten wurden unabhängig von 
etwaigen Todesfällen Sargbretter vorgehalten. Bei wohlhabenderen 
Leuten waren dies Eichen-, bei ärmeren Weiden- oder 
Tannenholzbretter, heißt es aus Apen im Kreis Soest. Ein 
Gewährsmann der Volkskundlichen Kommission aus Schöppingen 
(Kreis Borken) bemerkte dazu: "Die Bretter für den Sarg wurden 
auf dem Balken, im Torhaus oder im Schuppen aufbewahrt. Der 
Zimmermann warf sie von dort herunter". Soweit dies möglich war, 
kam der Zimmermann noch am Sterbetag auf den Hof, um den Sarg zu 
zimmern. Den offenen Sarg bahrte man im Sterbezimmer oder der 
Diele bis zum Tag der Bestattung auf. Oft versammelten sich hier 
am Abend Nachbarn und Angehörige um zu beten.

Am Morgen der Bestattung, die meist nach drei Tagen stattfand, 
trugen die Notnachbarn die Leiche hinaus zum bereitstehenden 
Leichenwagen, meist einem Acker- oder Erntewagen. Die Sargträger 
wurden ebenfalls durch die "Not- und Tot-Nachbarschaft" 
gestellt. Oft lud die Trauerfamilie in der nächsten Wirtschaft 
zum Leichenschmaus ein oder die Nachbarin hatte einen Tisch im 
Sterbehaus hergerichtet. Für engste Verwandte, den Leichenbitter 
und die Träger gab es Kaffee und "Beerdigungskuchen" 
(Streuselkuchen), der auch heute noch bekannt und üblich ist.