[WestG] [AKT] Zweiter Jakobsweg fuer Westfalen wird ueber Hellweg fuehren. Ausschilderung und Fuehrer 2010
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Di Nov 25 10:35:56 CET 2008
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 24.11.2008, 12:09
AKTUELL
Zweiter Jakobsweg für Westfalen wird über Hellweg führen
Ausschilderung und Führer 2010
In Westfalen wird es ab Frühjahr 2010 einen zweiten
durchgehenden Weg der Jakobspilger nach historischem Vorbild
geben. Nach der Strecke von Osnabrück nach Wuppertal soll nun
der alte Hellweg von Höxter über Paderborn, Soest und Dortmund
nach Bochum zunächst wissenschaftlich erforscht und dann als
rund 200 Kilometer langer Pilgerweg ausgeschildert werden, wie
der Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), Dr.
Wolfgang Kirsch, am Montag (24.11.) in Dortmund am Rande einer
Informationsveranstaltung sagte.
Kirsch kündigte außerdem für das Frühjahr 2010 einen
Wanderführer der Ost-West-Verbindung an (zirka 13 Euro, auch für
Radwanderer). Der Führer werde den historischen Weg, die über
1.000 Jahre alte Tradition der Pilgerreise nach Santiago de
Compostela (Spanien) und die Sehenswürdigkeiten entlang der
Trasse in Westfalen beschreiben.
Der Wanderweg ist das Ergebnis der Forschungen der
Altertumskommission für Westfalen, die der LWL finanziert. Die
Kosten für das Projekt Pilgerwege lägen bei rund 300.000 Euro,
so Kirsch. Weitere 300.000 Euro stünden für die nächsten
Strecken in Aussicht.
Die Trasse
Die Trasse von Höxter nach Bochum (vom Startpunkt Kloster Corvey
über Höxter, Brakel, Bad Driburg, Paderborn, Salzkotten, Geseke,
Erwitte, Soest, Werl, Unna, Dortmund) werde jetzt den Gemeinden
vor Ort vorgestellt und bis zum Frühjahr 2010 mit der
charakteristischen Jakobsmuschel (europaweit gelb auf blauem
Grund) ausgeschildert, erläuterte Projektleiterin Ulrike
Spichal. In Bochum wird der Landschaftsverband Rheinland (LVR)
die Pilgerroute über Essen, Düsseldorf und Neuss nach Aachen
weiterführen.
Der entstehende Pilgerweg ist nach Angaben von Spichal
weitgehend an historisch belegte Wegführungen angelehnt.
Spichal: "Wir haben Reste von Hohlwegen gefunden, die sich durch
die schweren Fuhrwerke ins Gelände eingegraben hatten und können
uns auf einzelne Ausgrabungsergebnisse der Hellwegtrasse stützen,
so zum Beispiel im Bereich Paderborn-Balhorn und Dortmund".
Auch die Wachtürme an den Landwehrdurchlässen zum Beispiel in
Paderborn und Erwitte (Lohner Warte) sind Zeugnisse der alten
Wegetrasse.
Dass auch tatsächlich Pilger den Hellweg benutzten zeigen
zahlreiche Verlustfunde von Pilgerzeichen, nicht nur
Jakobsmuscheln, sondern auch Zeichen anderer Wallfahrtsorte, die
z.T. auf dem Weg nach Santiago lagen. In der Probsteikirche zu
Werl fanden sich gleich drei Pilgergräber, die durch die
Jakobsmuschel erkennbar waren.
Auch Hinweise auf Unterkünfte für mittelalterliche Pilger fanden
sich in einigen Hellwegstädten: In dem noch heute bestehenden
Pilgrim-Haus in Soest zum Beispiel, das direkt am Jakobitor mit
gleichnamiger Kapelle lag, fanden Pilger bereits seit 1309
Unterkunft. Auch in Dortmund, dem Kreuzungspunkt des Hellweges
mit der Nord-Süd-Strecke, befand sich seit dem 14. Jahrhundert
ein Gasthaus, das sich der Unterbringung armer Pilger angenommen
hat.
Überregional bedeutende Kultstätten konnten die Wegewahl
mittelalterlicher Pilger durchaus beeinflussen. So werden zum
Beispiel die Reliquien des heiligen Vitus in Corvey sowie die
des heiligen Liborius in Paderborn durchaus auch Jakobspilger
angezogen haben. Ankunft in Santiago und Rückkehr nach Hause
waren bei den damaligen Verhältnissen durchaus nicht
gewährleistet, so dass es wichtig war, auf dem Weg immer wieder
für einen guten Verlauf des weiteren Weges zu beten.
Die nächsten Strecken
Zwei weitere Strecken in Westfalen - von Minden über Herford und
Bielefeld nach Lippstadt (2011/12) und von Warendorf über
Münster und Coesfeld an den Niederrhein (2013/14) - sind die
nächsten Projekte der LWL-Altertumskommission, so ihr
Vorsitzender Prof. Dr. Torsten Capelle. Das Projekt wolle die
mittelalterlichen Wege und die Spuren der Jakobspilger in
Westfalen möglichst genau rekonstruieren: "Es gab für die Pilger
in Westfalen und anderswo keine eigenen Wege, im Gegenteil: Sie
suchten aus Angst vor Überfällen stark frequentierte, bekannte
Trassen."
Die Geschichte der Jakobspilgerwege
Die Pilgerfahrt zum Grab des Apostels Jakobus des Älteren im
über 2.000 Kilometer entfernten nordspanischen Santiago de
Compostela hat eine Tradition, die bis ins Mittelalter
zurückgeht. Man versprach sich die Heilung von Körper und Seele
als Lohn für den Besuch der Kultstätte.
Seit dem 10. Jahrhundert kamen aus ganz Europa Pilger, Männer
und Frauen aus allen Schichten, nach Spanien, zu Fuß oder zu
Pferd. Als Beleg und Erkennungszeichen diente die Jakobsmuschel,
die jeder Pilger in Santiago erstehen konnte und deutlich
sichtbar an der Kleidung oder Umhängetasche trug.
"Seit einigen Jahren erlebt die Pilgerfahrt eine Renaissance,
nicht erst, seit TV-Stars wie Hape Kerkeling sich auf den Weg
machten: 2007 waren es 114.000 Pilger, davon 14.000 Deutsche. Im
Heiligen Jahr 2004 zählte man in Santiago sogar rund 180.000
registrierte Pilger", so LWL-Direktor Kirsch. Bereits 1987 hatte
der Europarat dazu aufgerufen, die Jakobspilgerwege in Europa zu
erforschen. 1993 erklärte die UNESCO den spanischen Teil des
Weges, den "Camino Francés", zum Weltkulturerbe.
Über Jakobspilger, die aus Westfalen stammen, sei insgesamt nur
wenig bekannt, so die Forscherin Ulrike Spichal. Bekanntester
westfälischer Pilger ist Bischof Anno aus Minden, der sich in
den Jahren 1174 und 1175 auf den Weg nach Santiago de Compostela
machte, das damals als Pilgerort gleichrangig neben Rom und
Jerusalem stand.
Durch eine Pilgerreise konnten Verbrecher auch ihrer Strafe
entgehen, wenn ein Gericht sie dazu verurteilte. "Bettler,
Räuber und Steuerhinterzieher im Pilgergewand haben zusammen mit
den Strafpilgern die Pilgerfahrt im Laufe der Zeit in Verruf
gebracht. Jakobsbrüder wurden vielerorts mit Gesindel
gleichgestellt. In Herford, einer wichtigen Sammelstation für
Pilger in Westfalen, soll die Jakobikirche 1530 wegen der
Jakobspilger, die den Status für ihre Zwecke ausgenutzt haben,
geschlossen worden sein", erläutert Spichal. Für mittellose
Menschen war jedoch eine Pilgerreise oft die einzige Möglichkeit,
die Heimat zu verlassen. Wohlhabende konnten das Pilgern auch
delegieren und einen Berufspilger mieten.