[WestG] [AKT] Pfingstbraeuche in Westfalen
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Fr Mai 9 11:22:42 CEST 2008
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 07.05.2008, 12:19
AKTUELL
Verspotten und feiern:
Pfingstbräuche in Westfalen
War Pfingsten früher in einigen Teilen Westfalens ein frohes
Fest mit einem Umzug, wurden in anderen westfälischen Gegenden
die "Spätaufsteher" unter Mägden, Knechten und sogar Kühen
verspottet. Das kirchliche Fest zum Ende der Osterzeit, das
vielerorts auch mit Prozessionen gefeiert wurde, war von sehr
unterschiedlichen Bräuchen begleitet, wie Sonja Böder,
Volkskundlerin beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL)
berichtet.
Im Siegerland und im Wittgensteiner Land gab es einen
"Heischebrauch", bei dem einer der Jungen als "Pfingstlümmel"
eine wichtige Rolle spielte: Er wurde so in Buchenlaub
eingebunden, dass er nichts mehr sehen konnte und von zwei
anderen Jungen geführt werden musste. Außenstehende sollten den
"Pfingstlümmel" nicht erkennen. Seine beiden Begleiter trugen
mächtige Knüppel und sagten "Wir kommen gegangen, mit Stangen
und Brangen. Und haben einen wilden Mann gefangen, der nicht gut
gehen kann. Drum gebt ihm eine kleine Gabe, woran er sich labe."
Der "Pfingstlümmel" wurde wie ein Tanzbär herumgeführt und
musste obendrein noch Kunststückchen machen.
Spätaufsteher hatten in der Gegend um Lüdenscheid (Märkischer
Kreis) an Pfingsten wenig zu lachen: "Das Mädchen, das am
Pfingstmorgen zuletzt das Vieh aus dem Stall trieb, wurde als
'Pinkesbrut' verlacht: Wo sie sich an den Pfingsttagen auch
zeigte, war sie dem Gespött der Jugendlichen ausgesetzt", nennt
Böder einen der Bräuche, die von Faulheit abhalten sollten.
Die Expertin von der Volkskundlichen Kommission des LWL zitiert
einen der Sprüche, den sich die Leidtragende anhören musste:
"Pinkesbrut, fule Hut, kom'st nit ut diäm Berre rut, wär'st du
frögger opestoahn, wöü'ert di jetz biäter goahn!" (Pfingstbraut,
faule Haut, kommst nicht aus dem Bett heraus, wärst du früher
aufgestanden, würde es dir jetzt besser gehen). Den
Langschläfern unter den Knechten erging es nicht besser: Sie
wurden "Pinkesvoß" oder "Pinkelhammel" genannt. Sogar die Kühe
und Ochsen, die zuletzt auf der Weide ankamen wurden das ganze
Jahr "Pinkeskauh" und "Pinkesosse" gerufen.
Im südwestlichen Münsterland war es dagegen eine besondere
Auszeichnung, als "Pfingstbraut" den Pfingstumzug der Kinder
anzuführen: "Zwischen Bocholt und Lüdinghausen zogen die Kinder
als Hochzeitsgesellschaft durch die Straßen. Dabei gingen meist
ein Mädchen als Braut und ein Junge als Bräutigam unter einem
Blumenbogen vor ihrem großen Gefolge durch die Nachbarschaft",
schildert Böder einen weiteren Pfingstbrauch. Dieser Brauch, bei
dem die Kinder um Süßigkeiten heischten, war in den Baumbergen
(im Münsterland) und im Tecklenburger Land unter dem Namen
"Pingstebloom" bekannt.
Ähnliche Heischegänge gab es in ganz Westfalen: Im Mindener Raum
trugen die Kinder dabei einen Pfingstkranz, der nicht nur mit
Blumen und bunten Papierstreifen, sondern auch mit angemalten
Eiern und einem Hahn geschmückt war.
In Ravensberg und Lippe nannte man diesen Umzug deshalb auch
"Eiersingen". In Willebadessen-Borlinghausen (Kreis Höxter)
zogen Mädchen und Jungen getrennt als "Nünneken" (Nönnechen) und
"Pötterken" (Päterchen).