[WestG] [AUS] Justiz im Nationalsozialismus, Witten, 29.04.-06.06.2008

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Fr Mai 2 10:58:12 CEST 2008


Von: "Universitätsstadt Witten" <info at presse-service.de>
Datum: 30.04.2008, 11:47


AUSSTELLUNG

'Justiz im Nationalsozialismus'
Witten war keine 'Insel der Seligen' - 
Präsentation bis zum 6. Juni im Amtsgericht

Am 29. April wurde im Amtsgericht Witten die Ausstellung "Justiz 
im Nationalsozialismus" eröffnet. Die Ausstellung, in den 90er 
Jahren von der NS-Gedenkstätte der JVA Wolfenbüttel entworfen, 
wird heute von der Dokumentations- und Forschungsstelle "Justiz 
und Nationalsozialismus" an der Justizakademie in Recklinghausen 
betreut und für Nordrhein-Westfalen erweitert und ergänzt. Als 
Wanderausstellung ist sie bei den Gerichten in NRW zu Gast und 
dokumentiert in einem besonderen Lokalteil die ganz konkrete 
Justizgeschichte vor Ort, so jetzt auch in Witten. Diese 
örtlichen Bezüge sind in Zusammenarbeit mit dem Wittener 
Stadtarchiv entstanden.

Obwohl in Witten kein Sondergericht über Leben oder Tod 
entschied, kein Erbgesundheitsgericht über Zwangssterilisationen 
Tausender zu beschließen hatte - auch in Witten gab es keinen 
"NS-freien" Raum: Das kleine Amtsgericht machte die 
"Vorarbeiten" für das Sondergericht Dortmund: Hier wurden die 
Zeugen vernommen und Beschuldigte verhört, wenn gegen Wittener 
ermittelt wurde. Hier wurden die Haftbefehle verkündet, im 
Gerichtsgefängnis die Untersuchungshaft vollstreckt.

Wenn Wittener vor dem Sondergericht angeklagt waren - 
dokumentiert sind im Staatsarchiv Münster 34 Fälle, in denen 
Wittener Bürgerinnen und Bürger sich vor dem Sondergericht 
Dortmund verantworten mussten - dann tagte dieses im alten 
Wittener Gerichtsgebäude an der Gerichtsstraße. Vom vermeintlich 
"harmlosen" Witz bis zum Feldpostdiebstahl - die politische 
Strafjustiz des "Dritten Reiches" reichte tief in den Alltag der 
Wittener Bürger hinein.

"Unfasslich brutal"

Der "Tränenkeller" im Gymnasium in der Breddestraße war 
berüchtigte Folterstätte der SS in Witten für politische Gegner. 
In der "Reichspogromnacht" kam es zu unfasslich brutalen 
Übergriffen auf jüdische Familien aus Witten durch SA- und 
SS-Trupps aus Witten. Die Justiz - an sich zur Strafverfolgung 
der Täter verpflichtet - schritt nicht ein. Erst nach 1945 gab 
es Verfahren gegen einzelne Täter, doch die ausgesprochenen, 
niedrigen Strafen waren oftmals nicht geeignet, die schweren 
Verbrechen angemessen zu sühnen.

Die Ausstellung, die anhand von Tafeln, Bildern, Lebensläufen, 
Originalrundfunkaufnahmen und Zeitzeugnissen ein lebendiges und 
erschreckendes Bild der Justiz im "Dritten Reich" zeichnet, ist 
von Montag bis Freitag von 8.30 bis 15.30 Uhr im Amtsgericht zu 
sehen.

Für Gruppen ab fünf Personen werden Führungen angeboten, die der 
Direktor des Amtsgerichts, Bernd Grewer, unter der Rufnummer 
(02302) 2006-31 koordiniert. Außerdem können Besucherinnen und 
Besucher bei der Wachtmeisterei des Amtsgerichts eine spannende 
Audioführung ausleihen, mit der man im eigenen Tempo die 
Ausstellung "erwandern" kann. Besonders für Schülergruppen, die 
sich im Unterricht mit dem Thema "NS-Zeit" beschäftigen, ist die 
Ausstellung ein guter Einstieg in das komplexe Thema "NS-Zeit 
und Recht".

Das Rahmenprogramm:

Dr. Helia Daubach, selbst Richterin am Landgericht und 
gleichzeitig Leiterin der Dokumentationsstelle, wird am 7. Mai 
um 18 Uhr im Amtsgericht unter dem Titel "Justiz im 
Nationalsozialismus" einen Einblick in die Rolle der Juristen, 
vor allem der Gerichte, Staatsanwaltschaften und 
Rechtsprofessoren für das Funktionieren des NS-Staates geben und 
erläutern, wie der "Umbau" des demokratischen Rechtsstaates der 
Weimarer Republik in den Unrechtsstaat überhaupt gelingen 
konnte.

Am 21. Mai - ebenfalls um 18 Uhr im Amtsgericht - beschäftigt 
sich Dr. Daubach mit dem Thema "Rechtspflege (?) während der 
NS-Zeit" in Witten. Wie erlebten die Wittener die NS-Zeit, 
weswegen wurden Wittener Bürger vor dem Sondergericht angeklagt, 
gab es eine Wiedergutmachung für die Opfer der NS-Zeit nach 1945,
 wie liefen die Nachkriegsverfahren gegen SA- und SS-Angehörige 
aus Witten vor dem Landgericht Bochum ab?

Am 4. Juni wird im Haus Witten um 9.30 Uhr und 18 Uhr der 
dokumentarische Spielfilm "Das Heimweh des Walerjan Wrobel" 
gezeigt. Anschließend ist Gelegenheit für Rückfragen oder eine 
Diskussion. Der Film, der auf einem authentischen Fall beruht, 
zeigt die Lebens- und Leidensgeschichte des jungen Polen 
Walerjan, der im Deutschland der 40er Jahre Zwangsarbeit leisten 
muss und noch als Jugendlicher vom Sondergericht Bremen zum Tode 
verurteilt wird. Er bietet gerade jungen Leuten einen Zugang zur 
NS-Zeit.

Die Ausstellungsorganisatoren weisen ausdrücklich darauf hin, 
dass dieser Film am 4. Juni - und nicht wie im Flyer ausgedruckt 
am 4. Mai - läuft.