[WestG] [AKT] Archaeologische Funde in Hamm-Uentrop

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Do Mär 20 09:26:15 CET 2008


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 19.03.2008, 13:21


AKTUELL

Feuersteinmesser von Neandertalern in der Kraftwerkgrube

Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) haben 
in der Baugrube des neuen Steinkohlekraftwerks in Hamm-Uentrop 
ein Feuersteinmesser von Neandertalern sowie Knochen von Mammuts 
und anderen eiszeitlichen Tieren gefunden.

Das Bruchstück eines Messers aus Feuerstein sowie Reste von 
eiszeitlichen Tieren kamen in der Baugrube des neuen Kraftwerks 
in Hamm-Uentrop zutage. Ein Fußwurzelknochen, ein 
Oberschenkelknochen und die Spitze eines Stoßzahnes von einem 
Mammut, dazu ein Stück von einem Schulterblatt eines 
Wollnashorns und ein Knochen von einem kleineren Tier, 
wahrscheinlich der Oberarmknochen eines Wildrindes, lagen in 
einer Kiesschicht. Die Fundstelle liegt unweit der heutigen 
Lippe.

Ein besonderer Fund für die Archäologen der LWL-Archäologie für 
Westfalen ist das Bruchstück eines Steingerätes. "Das knapp fünf 
Zentimeter lange Stück aus tiefschwarzem Feuerstein stammt von 
Neandertalern, die hier an den Ufern der Ur-Lippe rasteten und 
dabei das Fundstück vermutlich als Tranchiermesser nutzten", 
interpretiert LWL-Archäologe Dr. Michael Baales vorsichtig.

"Ihr Siedlungsplatz ist vermutlich von einem Lippe-Hochwasser 
abgespült worden. Ob die Tierknochen etwas mit dem Aufenthalt 
der Neandertaler zu tun haben, ist fraglich. Eher wurden auch 
sie durch die Ur-Lippe aus der Umgebung angespült und zusammen 
mit dem Feuerstein in der Kiesschicht abgelagert", schätzt 
Steinzeitexperte Baales.

Dr. Michael Baales und Dr. Eva Cichy von der LWL-Archäologie für 
Westfalen können die Funde nach der ersten Untersuchung grob in 
den Beginn der letzten Eiszeit vor etwa 80.000 bis 100.000 
Jahren datieren, als sich mehrmals kältere und wärme Klimaphasen 
in kurzer Zeit abwechselten. Bei ihrer Untersuchung der 
Fundstelle konnten sie nämlich auch die Schichtenfolge 
dokumentieren.

Die Funde stammen demnach aus einer Kiesschicht, die von der 
Ur-Lippe dort abgelagert worden war. Darüber lagen verschiedene 
Sandschichten und ein Torf, der in eine Warmphase der letzten 
Eiszeit gehört. Die Kiese und Sande darunter waren dagegen unter 
deutlich kühleren Klimabedingungen entstanden.

"Die zeitliche Einordnung der Funde und die Rekonstruktion der 
Geschichte des Fundortes sind uns nur möglich, weil wir von der 
örtlichen Bauleitung direkt informiert worden sind. Das ist ein 
gutes Beispiel dafür, dass, wenn wie hier alle Beteiligten an 
einem Strang ziehen, neue Erkenntnisse zu unserer ältesten 
Geschichte gewonnen werden können, ohne dass es zu 
Einschränkungen in Betriebsabläufen kommt.

Projektleitung und Bauleitung des Kraftwerks in Hamm-Uentrop 
sowie ihren Mitarbeitern sei für ihre große 
Kooperationsbereitschaft ausdrücklich herzlich gedankt", freute 
sich LWL-Archäologe Baales über die erfolgreiche Zusammenarbeit 
mit dem Investor RWE.

Die Funde werden die Archäologen zusammen mit den Paläontologen 
vom LWL-Museum für Naturkunde in Münster nun näher untersuchen. 
Weitere Analysen sollen auch die zeitliche Abfolge der Schichten 
in der Baugrube präzisieren.