[WestG] [KONF] Tagungsbericht: Kommunale Gebiets- und Funktionalreformen, Kiel 10.-11.07.2008
Marcus Weidner
Marcus.Weidner at lwl.org
Do Aug 28 10:36:46 CEST 2008
Von: "Christine Witte" <christine.witte at lwl.org>
Datum: 28.08.2008, 10:32
Tagungsbericht
Kommunale Gebiets- und Funktionalreformen in der Bundesrepublik in
historischer und aktueller Perspektive
Veranstalter:
Freiherr-vom-Stein-Gesellschaft e.V.
LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Datum, Ort:
10.07.2008 - 11.07.2008, Kiel
Von Christine Witte, LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte,
Münster
E-Mail: <christine.witte at lwl.org>
Am 10. und 11. Juli 2008 veranstaltete die
Freiherr-vom-Stein-Gesellschaft e.V. (FVSG), das LWL-Institut für
westfälische Regionalgeschichte und die Heinrich-Heine-Universität
Düsseldorf in Kiel eine Tagung zum Thema "Kommunale Gebiets- und
Funktionalreformen in der Bundesrepublik in historischer und aktueller
Perspektive". Die Tagung bildete den Abschluss eines zeithistorischen
Forschungsprojekts, in dem Historiker und Historikerinnen die Gebiets-
und Funktionalreform in verschiedenen Bundesländern aus verwaltungs-,
sozial- und mentalitätsgeschichtlicher Perspektive untersuchten.
Die historischen Studien widmeten sich mehrheitlich den Jahren zwischen
1960 und 1980, um über die Kernzeit hinaus auch die Vorgeschichte und
die Nachwirkungen der Reformen in den Blick zu nehmen. Sowohl die Reform
"von oben" als auch die Partizipationsforderungen von Bürgern und
Interessenverbänden wurden in die Analyse einbezogen. Die historische
Perspektive des Projektverbundes wurde auf der Konferenz um Diskussionen
und Fragen zur Verwaltungsreformen in der Gegenwart erweitert. Dabei
rückten derzeitige Neuordnungsdiskussionen und -pläne in
Schleswig-Holstein sowie in den ostdeutschen Bundesländern
Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern in den Mittelpunkt der
Betrachtung. Kommunale Gebiets- und Funktionalreformen waren und sind
ein kontrovers diskutiertes Thema. So stehen Ziele wie die
Effizienzsteigerung der Verwaltung dem Wunsch nach Erhalt historisch
gewachsener, traditioneller Gebietsstrukturen gegenüber.
BERND WALTER (Münster) gab in der Begrüßung einen kurzen Überblick über
die bisherige Forschung zur Gebiets- und Funktionalreform. Insbesondere
wies er auf unterschiedliche, fachspezifische Zugänge hin.
JÜRGEN REULECKE (Gießen) führte dann in die Sektion "Politische Planung
und neuer Bürgersinn in den 1960er und 1970er Jahren" ein. Er hob dabei
die lange Tradition kommunaler Neuordnungen in der deutschen Geschichte
hervor und benannte fünf Stufen eines Reformprozesses:
Herausforderungslage, Problemerkennung, Mittelsuche,
Reformierungsprozess und Wirkung.
Die beiden folgenden Sektionsbeiträge thematisierten den politik- und
gesellschaftsgeschichtlichen Rahmen des Tagungsthemas und wurden der am
Nachmittag folgenden historischen Sektion zum Zweck der
Kontextualisierung vorangestellt.
MICHAEL RUCK (Flensburg) skizzierte den Verlauf der politischen Planung
in der Bundesrepublik von ihrem Beginn mit einer Phase diskursiver
Enttabuisierung und Endideologisierung des Planungsdenkens über eine
Phase des Planungsbooms seit Ende der 1960er-Jahre und die anschließende
Ernüchterung in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre bis hin zur
Stückwerk-Technik seit Mitte der 1970er-Jahre. Die Überzeugung von
der prosperitätssteigernden und -sichernden Wirkung politischer
Steuerung habe die Planungsbegeisterung gefördert und Skeptiker in die
Defensive gedrängt, so Ruck. Der wirtschaftspolitische Kurswechsel hin
zu einer Politik der Globalsteuerung unter Bundeswirtschaftsminister
Karl Schiller habe mit der Überwindung der Rezession von 1966/67 die
Ausbreitung des Planungsansatzes auch in andere Politikbereiche
begünstigt. Mit Beginn der 1970er-Jahre zeigte sich dann der
konfliktträchtige Widerspruch zwischen ausgreifenden Planungsszenarien
und bürgerlichen Partizipationsansprüchen zunehmend durch das Auftreten
zivilgesellschaftlicher Protestbewegungen. Ruck sprach diesbezüglich von
einem Konfliktdreieck "Planung - Prosperität - Partizipation". Er
bezeichnete die Geschichte der Verwaltungsreform während der
Planungsdekade 1965-1975 als anschauliches Beispiel für das
spannungsgeladene Aufeinandertreffen von Planungsdenken und
Partizipationsansprüchen.
HABBO KNOCH (Celle/Göttingen) widmete sich in seinem Vortrag
"Demokratie machen. Bürgerschaftliches Engagement in den 1960er und
1970er Jahren" den wachsenden Partizipationsansprüchen aus den Reihen
der Zivilgesellschaft. Knoch warf einen strukturellen Blick auf die Zeit
von 1968 bis 1977 und verwies auf die Folgen und Auswirkungen des
Strukturwandels. Er erläuterte verschiedene Ausformungen
partizipatorischer Kultur wie politische Systemaktivitäten, kommunale
Mitgestaltung oder auch die politische Radikalisierung bis hin zur
politischen Gewalt. Die deutliche Ausweitung politischer Partizipations-
und Protestformen in dieser Zeit waren ein sichtbares Zeichen für die
zunehmenden Mitspracheforderungen und -absichten der Bevölkerung. Unter
dem Einfluss der sozialliberalen Reformkultur der Ära Brandt habe die
bürgerschaftliche Beteiligung an Planungsprozessen zugenommen und es
sei zu einer Politisierung der Lebenswelt gekommen, resümierte Knoch. In
der anschließenden Diskussion wurde unter anderem die Sozialstruktur und
die Generationenzugehörigkeit der Akteure und die damit verbundenen
Einstellungen und Motivationen zur Partizipation thematisiert.
In der zweiten, von Michael Ruck moderierten Sektion zur "Gebietsreform
in historischer Perspektive" wurden die fünf
geschichtswissenschaftlichen Projektstudien zur Gebiets- und
Funktionalreformen in verschiedenen westdeutschen Bundesländern
präsentiert.
SABINE MECKING (Düsseldorf/Münster) nahm unter der Fragestellung "Neues
Bürgerbewusstsein im Bürgerstaat?" das Verhältnis von staatlicher
Planung und bürgerschaftlichem Eigensinn am Beispiel der Gebietsreform
in Nordrhein-Westfalen in den Blick. Anhand räumlich und zeitlich
unterschiedlich im Neuordnungsprozess zu verortender Stadtregionen
(Bielefeld, Bochum-Wattenscheid und Köln-Leverkusen-Opladen) legte sie
den seit den 1960er-Jahren festzustellenden neuen Aushandlungsprozess
zwischen Staat und Bürger dar. Es wurde deutlich, wie unbequem das neue
Bürgerengagement aus Sicht der institutionalisierten
Entscheidungsgremien und der Bürokratie sein konnte.
Insbesondere in städtisch geprägten Regionen seien Bürger und
Bürgerinnen immer weniger bereit gewesen, den Neuordnungsvorgaben und
Entscheidungen der Behörden sowie den verfassten Entscheidungsgremien
unkritisch zu folgen. So initiierte die landesweite Protestinitiative
"Aktion Bürgerwille" schließlich das erste Volksbegehren in
Nordrhein-Westfalen gegen die Gebietsreform. War das Volksbegehren auch
erfolglos und konnten zahlreiche Bürgerinitiativen und Aktionsbündnisse
ihre Forderungen nicht durchsetzen, so blieb das Handeln - wie Mecking
ausführte - dennoch nicht wirkungslos. Nicht nur das kommunalpolitische
Kompetenzbewusstsein der Bevölkerung habe zugenommen, sondern auch die
Bereitschaft zum gemeinsamen politischen Handeln zur Durchsetzung
bürgerschaftlicher Interessen.
Im folgenden Vortrag von JAN NIKOLAS DICKE (Münster) wurde das Thema
"Politik, Verwaltung, Bürger: Kommunale Akteure zwischen Gemeinsinn und
Eigeninteressen, dargestellt anhand der Gebietsreform im neuen Kreis
Borken" behandelt. Ins Zentrum seiner Forschung stellte Dicke die Frage,
inwiefern Politik und Verwaltung das Ziel verfolgten, die Interessen der
Bürger zu vertreten und inwiefern sich die Bürger selbst aktiv in die
Neugliederungsauseinandersetzungen einmischten. Laut Referent war die
Initiative zur Neugliederung im ländlich strukturierten neuen Kreis
Borken zu Beginn stark von der Verwaltung ausgegangen, die vor dem
Hintergrund der Wahrung eigener Interessen (z.B. eigene Karriere)
schnell handeln wollte, um sich die Entscheidungen nicht von der Politik
aus der Hand nehmen zu lassen.
In der zweiten Neugliederungsphase, in der dann auch die
Kommunalpolitik eine größere Aktivität entfaltete, hätten dann sowohl
die Politik als auch die Verwaltung die Öffentlichkeit als Instrument im
Streit um die Neugliederung entdeckt. Beide Seiten seien anfangs
grundsätzlich bestrebt gewesen, die Bürger aus der
Entscheidungsfindung rauszuhalten und sie nur dann zu beteiligen, wenn
es politisch sinnvoll erschien. Dicke hielt resümierend fest, dass bei
den damaligen Borkener Bürgerinitiativen nicht von Initiativen der
Bürger gesprochen werden könne. Zu ihrer Bildung sei es
ausschließlich auf Initiative von Politik oder Verwaltung zum Zweck
der Instrumentalisierung gekommen. Dennoch verdeutliche dieser Umstand
die Bedeutungszunahme artikulierten Bürgerwillens, so Dicke.
AXEL BERNSTEIN (Flensburg/Kiel) untersuchte exemplarisch anhand der
Kreise Nordfriesland und Segeberg die "Kreisgebietsreform in
Schleswig-Holstein unter besonderer Berücksichtigung partizipatorischer
Ansätze". Mit der Auswahl der genannten Kreise stellte Bernstein einer
strukturschwachen Region in Randlage einen ehemals ländlichen Kreis
gegenüber, der mit der Kreisgebietsreform zum Hamburger Umlandkreis
wurde. Der Referent skizzierte die Umsetzung der
schleswig-holsteinischen Kreisgebietsreform der 1960er und 1970er-Jahre
und wies auf die wesentliche Fortentwicklung im Verfahrensgang hin. In
verwaltungs- und partizipationsgeschichtlicher Hinsicht sprach er von
einer Katalysatorfunktion. Bürgerlich strukturierte Initiativen hätten
sich in Schleswig-Holstein nur punktuell und nicht kreisübergreifend
zusammen gefunden. Außerdem lösten sie sich zumeist schnell wieder auf.
Obwohl die Landesadministration eigentlich nicht als Schrittmacher einer
institutionalisierten Partizipation bezeichnet werden könne, habe sie
durch die Einberufung von Anhörungsterminen im Reformverlauf die
Partizipationsmöglichkeiten der Eliten dennoch verstärkt.
JOHANNES KOENIG (Limburg) behandelte in seinem Vortrag die Frage:
"Stadt Lahn - Musterbeispiel oder Sonderfall der kommunalen
Gebietsreform in Hessen?". Detailliert und anschaulich legte der
Referent die Entwicklung des Lahnstadt-Projektes dar. Vor dem
Hintergrund der damaligen fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Presse und
Lahnstadt-Gegnern stellte er dabei die Berichterstattung der lokalen und
überregionalen Tageszeitungen in den Mittelpunkt seiner Betrachtung.
Gegen das Neuordnungsziel, aus Wetzlar und Gießen ein großstädtisches
Oberzentrum in Mittelhessen zu bilden, habe sich Wetzlar vor allem mit
Argumenten bezüglich der Namensgebung, der Missachtung der historischen
Bedeutung Wetzlars, des Identitätsverlusts und des Verlusts einer
bürgernahen Verwaltung gewehrt. Als weiteres Argument habe das
generell schwierige Verhältnis zwischen beiden Städten, das als
traditionsreiche Konkurrenz beschrieben wurde, gedient. Obwohl die
Proteste aus Wetzlar von den Zeitgenossen stärker als die aus Gießen
dargestellt und wahrgenommen wurden, habe auch Gießen den
Zusammenschluss abgelehnt. Koenig sprach der Namensdiskussion eine
zentrale Bedeutung für den Prozess der Bildung und noch stärker für die
spätere Auflösung der Stadt Lahn zu. Der Gegenstand der Namensgebung
habe sich ausgezeichnet publikums- und medienwirksam instrumentalisieren
und emotionalisieren lassen.
Für Koenig war die Diskussion um die Lahnstadt repräsentativ für die
Verwaltungsreform in Hessen. Das Lahn-Projekt sei ein Musterbeispiel für
die Planungseuphorie jener Jahre gewesen. Gleichzeitig spiegele der
Widerstand gegen den Zusammenschluss die auch anderenorts in Hessen
festzustellenden, auf historisch gewachsenen Abneigungen basierenden
Einwände gegen die Reform wider. In der anschließenden Diskussion
unterstrich Johannes Rosenplänter (Kiel), wie unsensibel die Planer der
Lahnstadt mit den Identitätsempfindungen der Bürger umgegangen seien,
wenn sie mit Namensvorschlägen wie "Lahn 2" für Wetzlar operierten.
CHRISTINA STEINBICKER (Bonn) betrachtete in ihrer vergleichenden
Untersuchung "Modernisierungsprozesse in der Debatte um die
Kreisentwicklung in der rheinland-pfälzischen Gebietsreform" den
landwirtschaftlich strukturierten Kreis Bitburg-Prüm und den industriell
geprägten Kreis Ludwigshafen. Sie hob die räumliche, wirtschaftliche,
religiöse und politische Zweiteilung des Landes Rheinland-Pfalz als ein
wesentliches Charakteristikum hervor. Entgegen der bisherigen Forschung
zur rheinland-pfälzischen Verwaltungsreform setzte die Referentin ihren
Schwerpunkt auf die Untersuchung der gesellschaftspolitischen Prozesse
hinter der Neugliederungsdebatte und fragte nach Motiven, Reaktionen,
neuen Aktionsformen, Argumenten und Strategien der verschiedenen Akteure
des Neuordnungsprozesses.
Ein zentraler Punkt in der Untersuchung war die Frage nach dem
Stellenwert regionaler Identitäten in den Diskussionen um die
Kreisneugliederung. In der öffentlichen Diskussion seien gezielt
identitätsstiftende Argumente genutzt worden, um die Bevölkerung zur
Teilnahme zu mobilisieren. Steinbickers Ausgangsthese, große
Unterschiede im Umgang mit der Reform zwischen dem ländlichen und dem
industriell geprägten Raum feststellen zu können, bestätigte sich durch
ihre Untersuchung letztlich nicht. Sie führte dies auf die
gesamtgesellschaftlichen Veränderungen jener Zeit zurück, die -
wenngleich auch in sehr unterschiedlicher Intensität - überall spürbar
waren.
Die öffentliche Abendveranstaltung begann mit Grußworten des
Präsidenten der Freiherr-vom-Stein-Gesellschaft HANS TIETMEYER
(Königstein) und des Präsidenten des Schleswig-Holsteinischen
Landtags MARTIN KAYENBURG (Kiel). Anschließend sprach MAXIMILIAN
WALLERATH (Bonn) zu "Aufgaben - Raum - Struktur. Steuerung des Wandels
durch kommunale Gebiets- und Funktionalreformen". Wallerath hatte als
Mitglied des Landesverfassungsgerichts des Landes Mecklenburg-Vorpommern
im Rahmen der Rechtsprechung 2007 erheblichen Einfluss auf die dortige
Gebietsreform genommen.
Mit seinem Vortrag leistete er aus juristischem Blickwinkel einen
Brückenschlag zwischen historischer und verwaltungswissenschaftlicher
Betrachtung des Tagungsthemas. Er unterstrich die Notwendigkeit einer
polyperspektivischen Auseinandersetzung mit Gebiets- und
Funktionalreformen. Damit eine Reform überhaupt erfolgreich sein könne,
bedürfe sie eines eingehenden kontextgebundenen Abwägungsvorgangs und
einer angemessenen Erfassung der Umsetzungsbedingungen.
Am zweiten Konferenztag führte HANS-GÜNTER HENNEKE (Berlin) inhaltlich
in die Sektion "Kommunale Gebietsreformen in aktueller Perspektive" ein.
BERND KREGEL (Magdeburg) zeichnete mit seinem Vortrag "Was lange währt,
wird endlich ...? Struktur- und Funktionalreformen in Sachsen-Anhalt" in
chronologischer Abfolge von 1990 bis zur Gegenwart die Veränderungen in
der kommunalen Gebiets- und Verwaltungsstruktur Sachsen-Anhalts nach.
Wesentliches Motiv der Reformen sei die demographische Entwicklung
gewesen. Zum Zweck der Effizienz- und Leistungssteigerung seien in den
verschiedenen Wahlperioden schrittweise Maßstabsvergrößerungen
vorgenommen worden. Ziel sei es gewesen, flächendeckend
Einheitsgemeinden zu bilden, für die eine Mindesteinwohnerzahl
vorgegeben wurde.
Mit Blick auf die Reformphase(n) formulierte Kregel Erkenntnisse, die
aus den Erfahrungen mit der Gebiets- und Funktionalreform in
Sachsen-Anhalt gewonnen werden könnten. Zusammenfassend betonte er,
kommunale Gebietsreformen bedürften einer gründlichen Vorbereitung mit
klarer Zielsetzung und müssten von einer breiten politischen Mehrheit
getragen werden. Eine Umsetzung der Reform über einen länger als zwei
Wahlperioden dauernden Zeitraum sei zu vermeiden. Außerdem müssen bei
der Planung und Umsetzung die sachliche Zusammengehörigkeit von Gebiets-
und Funktionalreform sowie ihre Einflüsse auf andere politische und
funktionale Bereiche berücksichtigt werden.
Im folgenden Vortrag referierte HUBERT MEYER (Hannover) zum Titel
"Gebiets- und Verwaltungsreform in Mecklenburg-Vorpommern - Zum
Scheitern verurteilt?". Vor dem Hintergrund des Urteils des Greifswalder
Landesverfassungsgerichtes vom 26. Juli 2007 hinterfragte er, ob die
Reform zu ihrem Schicksal "verurteilt" worden sei. Indem es die
Überschaubarkeit der Gebietsstrukturen und den Stellenwert des
ehrenamtlichen Mandats hervorhob, habe das Landesverfassungsgericht den
Stellenwert der kommunalen Selbstverwaltung gestärkt. Als Argument für
die Funktionsfähigkeit der alten Verwaltungsstrukturen des Landes hob
der Referent den strukturell ausgeglichenen Landeshaushalt des Jahres
2007 hervor, der unter alten Strukturen erreicht worden war. Als Antwort
auf seine Eingangsfrage stellte Meyer fest, dass die Gebiets- und
Verwaltungsreform in Mecklenburg-Vorpommern nicht zum Scheitern
verurteilt sei. Vielmehr könne sie auf Basis des Gerichtsurteils einen
wertvollen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit des Landes leisten.
In der anschließenden Diskussion äußerte Jürgen Reulecke Kritik an dem
mangelnden Vergangenheitsbewusstsein der aktuellen Reformplaner. So
würden die Menschen bei einer leistungs- und effizienzgesteuerten
Planung zu häufig nicht hinreichend bedacht und ihre traditionelle
Verbundenheit mit einer Gemeinde oder einem Kreis schlicht
ausgeblendet.
UTZ SCHLIESKY (Kiel) widmete sich in seinem Vortrag der "Strategie der
Verwaltungsmodernisierung in Schleswig-Holstein". Er sprach von einem
Paradigmenwechsel in der Verwaltungswissenschaft. Verwaltung werde heute
nicht mehr aus der Sicht des Staates, sondern aus Sicht des Bürgers
organisiert. Er erläuterte einige europäische und bundesdeutsche
Rahmenbedingungen für eine Verwaltungsmodernisierung und stellte
strategische Ansätze zur Qualitätssteigerung und Modernisierung der
Verwaltung vor. Als zentrale Aspekte dieses Strategieplans bezeichnete
Schliesky das Ziel der Schaffung einer professionellen, wirtschaftlichen
und bürgerorientierten Verwaltung, in der dem kommunalen Ehrenamt wieder
mehr Gestaltungsspielraum eingeräumt werden solle. Des Weiteren müsse
eine "Entbürokratisierung" angestrebt werden und Vorschriften und Regeln
einer Überprüfung unterzogen werden, um zukünftige Bearbeitungsverfahren
zu beschleunigen. Zur Erleichterung, Modernisierung und landes- wie
europaweiten Vernetzung der Verwaltung sei der Einsatz von
E-Government-Technologien unerlässlich. Immer wieder betonte Schliesky
die Bedeutung der EU-Dienstleistungsrichtlinie und stellte heraus, dass
Schleswig-Holstein bei deren Umsetzung eine Vorreiterrolle spiele.
Der anschließend kurzfristig eingeschobene Vortrag von FRANK LUBOWITZ
(Aabenraa/DK) zur Gebiets- und Funktionalreform in Dänemark bot dann
einen Blick über die deutsche Grenze hinaus. Insbesondere in
Schleswig-Holstein war die Neuordnung des nördlichen Nachbarn aufmerksam
beobachtet worden, wie die aktuelle Reformdiskussion gezeigt hatte.
In seinem Schlusswort stellte KARL TEPPE (Münster) heraus, dass die
Erkenntnisinteressen der Historiker sich deutlich von denen der
aktuellen Akteure aus dem Verbands- und Verwaltungssektor unterschieden.
Die Historiker hätten sich in ihrem Forschungsinteresse stärker mit den
Auswirkungen der Reformen auf die betroffene Bevölkerung befasst. Die
Verwaltungsjuristen thematisierten dagegen primär die Möglichkeiten und
Grenzen von Verwaltungsreformen. Dennoch sei der Dialog zwischen den
beiden Disziplinen zu suchen, um ergänzende Erkenntnisse aus der
Sichtweise des jeweils anderen gewinnen zu können.
Die Kieler Tagung hat einen breiten Einblick in die Forschung zu
Gebiets- und Funktionalreformen in Vergangenheit und Gegenwart
ermöglicht. Die in den Diskussionen angemerkte fehlende Betrachtung
von kommunalen Neuordnungen in Süddeutschland und ein möglicher
Vergleich mit west- oder norddeutschen Reformen kann eine weiterführende
Forschungsperspektive für die Zukunft sein. Ein grenzübergreifender
Blick auf ähnliche Reformen in europäischen Nachbarländern konnte bei
dieser Tagung mit dem Beitrag zu Dänemark nur am Rande erfolgen, böte
aber weitere interessante Ansätze für die Forschung.
Die Tagungsbeiträge werden in der wissenschaftlichen Publikationsreihe
des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte "Forschungen zur
Regionalgeschichte" unter der Herausgeberschaft von Sabine Mecking und
Janbernd Oebbecke voraussichtlich 2009 veröffentlicht.
Konferenzübersicht:
10. Juli 2008
Begrüßung: Bernd Walter (Münster)
Sektion I: Politische Planung und neuer Bürgersinn in den 1960er und
1970er Jahren
Einführung und Moderation: Jürgen Reulecke (Gießen)
Michael Ruck (Flensburg)
Gesellschaft gestalten. Politische Planung in den 1960er und 1970er
Jahren
Habbo Knoch (Celle/Göttingen)
Demokratie machen. Bürgerschaftliches Engagement in den 1960er und
1970er Jahren
Sektion II: Kommunale Gebiets- und Funktionalreformen in historischer
Perspektive
Moderation: Michael Ruck (Flensburg)
Sabine Mecking (Düsseldorf/Münster)
Neues Bürgerbewusstsein im Bürgerstaat? Staatliche Planung und
bürgerschaftlicher Eigensinn am Beispiel Nordrhein-Westfalens
Jan Nikolas Dicke (Münster)
Politik, Verwaltung, Bürger: Kommunale Akteure zwischen Gemeinsinn und
Eigeninteresse, dargestellt anhand der Gebietsreform im neuen Kreis
Borken
Axel Bernstein (Flensburg/Kiel)
Kreisgebietsreform in Schleswig-Holstein unter besonderer
Berücksichtigung der Weiterentwicklung partizipatorischer Ansätze
Johannes Koenig (Limburg)
Stadt Lahn - Musterbeispiel oder Sonderfall der kommunalen
Gebietsreform in Hessen?
Christina Steinbicker (Bonn)
Modernisierungsprozesse in der Debatte um die Kreisentwicklung in der
rheinland-pfälzischen Gebietsreform. Die Beispiele Bitburg-Prüm und
Ludwigshafen
Öffentlicher Abendvortrag
Begrüßung: Hans Tietmeyer (Königstein)
Grußwort: Martin Kayenburg (Kiel)
Maximilian Wallerath (Bonn)
Aufgaben - Raum - Struktur. Steuerung des Wandels durch kommunale
Gebiets- und Funktionalreformen
11. Juli 2008
Sektion III: Kommunale Gebiets- und Funktionalreformen in aktueller
Perspektive
Einführung und Moderation: Hans-Günter Henneke (Berlin)
Bernd Kregel (Magdeburg)
Was lange währt, wird endlich ...? Struktur und Funktionalreformen in
Sachsen- Anhalt
Hubert Meyer (Hannover)
Gebiets- und Verwaltungsreform in Mecklenburg-Vorpommern - Zum
Scheitern verurteilt?
Utz Schliesky (Kiel)
Strategie der Verwaltungsmodernisierung in Schleswig-Holstein
Frank Lubowitz (Aabenraa/DK)
Gebiets- und Funktionalreform in Dänemark und die Auswirkungen auf die
deutsche Volksgruppe in Dänemark
Schlusswort: Karl Teppe (Münster)