[WestG] [AKT] Tagungsbericht: "Burgen und Festungen in Ostwestfalen vom Mittelalter bis in die Moderne"

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mo Apr 21 10:31:51 CEST 2008


Von: "Ingrid Ruhnke" <jorubi at web.de>
Datum: 18.04.2008, 06:30 


AKTUELL

Tagungsbericht: "Burgen und Festungen in Ostwestfalen 
vom Mittelalter bis in die Moderne" in Bielefeld

Am Samstag, den 29. März 2008, fand auf der Bielefelder 
Sparrenburg eine von der AG Sparrenburg des Historischen Vereins 
für die Grafschaft Ravensberg organisierte wissenschaftliche 
Tagung zum Thema: "Burgen und Festungen in Ostwestfalen vom 
Mittelalter bis in die Moderne statt." Ziel der Tagung war es, 
den Funktionswandel von Burgen und Festungen in der Region 
ebenso zu beleuchten wie ihre Baugeschichte.

In der ersten Sektion analysierte der Bielefelder Historiker PD 
Dr. Ulrich Meier Veränderungen und Funktionswandel in der 
Landesherrschaft der Region im Spätmittelalter. Seine zentrale 
These war, dass die Grafschaft Ravensberg nach dem Aussterben 
des Grafengeschlechts davon profitierte, dass der neue 
Landesherr räumlich entfernt in Jülich residierte und nur ein 
geringes Interesse an der Entwicklung seines neu erworbenen 
Territoriums zeigte.

Dadurch ergaben sich in Ravensberg selbst und vor allem in 
Bielefeld Handlungsspielräume, die von der ansässigen 
Bevölkerung und ihren Korporationen geschickt genutzt wurden. 
Ravensberg blieb daher im wesentlichen von dynastischen Fehden 
und anderen kriegerischen Auseinandersetzungen verschont und 
konnte wirtschaftlich prosperieren. Die benachbarte Herrschaft 
in Lippe verstrickte sich dagegen in zahlreiche Fehden und fiel 
daher ökonomisch zurück. In einem zweiten Referat gab Dr. Stefan 
Leenen vom Bodendenkmalamt des Landschaftsverbandes 
Westfalen-Lippe einen Überblick über die frühe Baugeschichte von 
Burgen und Festungen in Ostwestfalen.

Er berichtete von den neuen archäologischen Funden und den 
Ausgrabungen auf der Ravensburg und der Sparrenburg. Zudem 
beleuchtete er die bisherigen archäologischen Ergebnisse, welche 
durch Grabungen auf der Falkenburg und der Burg Ringelstein in 
der Nähe Paderborns gewonnen wurden. Dadurch erhielten die 
Zuhörer der Tagung einen detaillierten Überblick über die 
Baugeschichte und die baulichen Veränderungen auf diesen 
Burganlagen.

Die Referate der zweiten Sektion behandelten den Funktionswandel 
weg von mittelalterlichen Burgen hin zu "modernen" 
Festungsanlagen während der Frühen Neuzeit. Dr. Jochen Rath, 
Leiter des Stadtarchivs Bielefeld, ging auf den Konnex von 
Veränderungen in der Wehrtechnik und Festungsbauweise sowie den 
Funktionswandel der Burgen infolge einer Neudefinition von 
Landesherrschaft ein.

Mit Blick auf die Sparrenburg und die inzwischen an 
Brandenburg-Preußen gefallene Grafschaft Ravensberg kam er zu 
dem Ergebnis, dass dort erhebliche Veränderungen und 
Investitionen in den Verteidigungsanlagen vorgenommen wurden, 
dass die Region selber jedoch aufgrund einer geschickten 
Diplomatie nicht zum Schauplatz von großen kriegerischen 
Auseinandersetzungen wurde. Die gleiche Meinung vertraten 
Andreas Kamm in seinem Abriss zur Baugeschichte der Sparrenburg 
während der Frühen Neuzeit und Udo Majewski in seiner 
Auseinandersetzung mit der Biographie eines langjährigen 
Kommandanten der Festung Sparrenberg, Rabe Hermann von Cloedt.

Die dritte Sektion behandelte schließlich den Funktionswandel 
von Burgen und Festungen in der Moderne. In seinem Referat wies 
Dr. Harald Wixforth darauf hin, dass die Burgen des Mittelalters 
und Festungsanlagen aus der Frühen Neuzeit für die an 
Identifikationspunkten eher arme Region Ostwestfalen inzwischen 
eine große Bedeutung als identitätsstiftende Wahrzeichen erlangt 
haben. Dies ist jedoch ein vergleichsweise neues Phänomen, waren 
die Burgen der Region während des größten Teils des 18. und des 
19. Jahrhunderts dem Verfall preis gegeben. Erst im Zuge der 
borussisch-nationalen Suche nach Identität am Ende des 19. 
Jahrhunderts und einer gleichzeitigen Burgenromantik in Teilen 
des Wirtschafts- und Bildungsbürgertums wurde der Bielefelder 
Sparrenburg auch die Funktion eines national-borussischen 
Wahrzeichens für die Region zugeschrieben.

Zu einem in besonderer Weise identitätsstiftenden Wahrzeichen 
wurde sie jedoch erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts, als ihre 
bauliche Substanz erheblich bedroht war. Ein möglicher 
großflächiger Verfall alarmierte die Bevölkerung, weckte die 
Spendenbereitschaft und führte dazu, dass viele Einwohner der 
Region die Sparrenburg als "ihre Burg" entdeckten. Ein ähnliches 
Phänomen ist auch für andere Burgen zu konstatieren. 

Die Hintergründe für diese Entwicklung sind noch exakt zu 
entschlüsseln - so Wixforth in seinen Ausführungen. Im zweiten 
Referat der Sektion stellte Michael Veldkamp verschiedene 
Varianten einer medien- und museumspädagogischen Nutzung der 
Sparrenburg vor. Dabei plädierte er dafür, durch den Einsatz 
moderner Medien die Sparrenburg für die Besucher besser 
"erfahrbar" zu machen und damit ihre Attraktivität als 
touristischer Magnet in Bielefeld zu steigern.

In der lebhaften Abschlussdiskussion diskutierten die Teilnehmer 
der Tagung teilweise kontrovers über den 
historisch-wissenschaftlichen korrekten Umgang mit Baudenkmälern 
auf der einen und ihrer Instrumentalisierung durch 
Tourismusmanagement und Marketingkonzepte auf der anderen Seite. 
Die Teilnehmer waren sich im wesentlichen jedoch darin einig, 
dass die Geschichte einer Region und die ihrer historischen 
Baudenkmäler einen Wert an sich darstellen, der keinesfalls 
unüberlegt und vorschnell auf dem Altar unreflektierter 
Marketing- und Tourismuskonzepte zu opfern ist.

Die gute Resonanz auf die Tagung und die intensiven Diskussionen 
haben die AG Sparrenburg ermuntert, eine Nachfolgetagung zu 
veranstalten, auf der einige Aspekte der Burgengeschichte 
vertieft werden sollen. Zudem ist geplant, den Blick über die 
Grenzen Minden-Ravensbergs hinaus zu richten und auch Referenten 
von auswärts zu Themen der Burgen- und Festungsgeschichte zu 
hören. Diese Tagung soll voraussichtlich im Herbst 2008 
stattfinden.


INFO

Kontakt:
Dr. Johannes Altenberend
Historischer Verein für die Grafschaft Ravensberg e. V.
Rohrteichstr. 19
33602 Bielefeld
Tel.: 0521 512469
Fax: 0521 516844
E-Mail: info at hv-ravensberg.de 
URL: www.hv-ravensberg.de