[WestG] [LIT] Ditt, Karl /Tenfelde, Klaus (Hg.): Das Ruhrgebiet in Westfalen und Rheinland

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mo Apr 14 10:31:38 CEST 2008


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 10.04.2008, 14:57


LITERATUR

LWL und Ruhruniversität geben Tagungsergebnisse 
zum Raumbewusstsein in Nordrhein-Westfalen heraus

"Die traditionelle Vorstellung vom Ruhrgebiet als 
montanindustriellem Raum ist nur noch ein Mythos. Neue 
raumübergreifende, identitätsstiftende Funktionen sind noch kaum 
erkennbar. Ein Hauptzentrum, das die übrigen Zentren überstrahlt,
hat sich ebenso wenig herausgebildet wie wichtige zentrale 
Funktionen von weltstädtischem Format. 

Es mangelt auch an der Bereitschaft der Städte, sich zugunsten 
eines Zentrums oder der Region Ruhrgebiet zurückzunehmen", so 
fasst der Historiker Karl Ditt die Ergebnisse einer Tagung zum 
Raumbewusstsein in Nordrhein-Westfalen zusammen, die der 
Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) und das Institut für 
soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum Ende 2005 in 
Dortmund veranstaltet haben.

Sie liegen jetzt unter dem Titel "Das Ruhrgebiet in Rheinland 
und Westfalen. Koexistenz und Konkurrenz des Raumbewusstseins im 
19. und 20. Jahrhundert" als Buch vor.

Allenfalls bei Teilen der Jugend existiere das Ruhrgebiet als 
städteübergreifender Konsum- und Freizeitraum. Charakteristisch 
seien Zerfallstendenzen des Ruhrgebiets, wobei die 
traditionellen Bindungen zu den angrenzenden Regionen, etwa dem 
Niederrhein, dem Sauerland oder dem Münsterland wiederbelebt 
würden, so Ditt, Mitarbeiter des LWL-Instituts für Westfälische 
Regionalgeschichte, weiter.

Ausgangsfrage der Tagung war, wie sich im Ruhrgebiet während des 
19. und 20. Jahrhunderts ein eigenes Regionalbewusstsein 
gegenüber dem bereits bestehenden Raumbewusstsein in den beiden 
"Mutterprovinzen" Rheinland und Westfalen herausbildete. Wann 
trat es auf, worin bestanden seine Charakteristika, und wie 
reagierte man darauf in den übergeordneten politischen Räumen 
Preußen bzw. Nordrhein-Westfalen, Rheinland und Westfalen? Die 
Bevölkerung im Ruhrgebiet nahm erst seit dem späten 19. 
Jahrhundert die Gemeinsamkeiten ihrer Region wahr.

Dabei gingen bürgerliche Gruppen, insbesondere Journalisten, 
Dichter und Künstler voran. "Deutlich wurde auch, dass die 
etablierten Kreise des Rheinlands und Westfalens die 
Besonderheiten des frühen Ruhrgebiets, nämlich die 
schwerindustriell geprägten Wirtschafts- und Sozialordnungen, 
lange nicht wahrgenommen oder missachtet haben. Sie passten 
nicht in die traditionellen Wahrnehmungs- und Wertkategorien. 
Erst seit den 1960er Jahren entwickelte sich - nicht zuletzt 
unter dem Einfluss der an den neuen Universitäten des 
Ruhrgebiets tätigen und hier ausgebildeten Intellektuellen sowie 
der wachsenden Akzeptanz der Wirtschafts- und Sozialgeschichte 
ein eigenes räumliches Selbstbewusstsein", so Ditt.

Demgegenüber baute das Raumbewusstsein in Rheinland und 
Westfalen auf langen kulturellen Traditionen auf, die zu 
zahlreichen Stereotypen von Land und Leuten führten. Die 
Entwicklung neuer kultureller Vorstellungen blieb im 20. 
Jahrhundert jedoch weitgehend aus, so dass nicht nur im 
Ruhrgebiet, sondern auch in Rheinland und Westfalen das 
Raumbewusstsein nachließ. Nutznießer dieser 
Traditionsabschwächungen könne das Land Nordrhein-Westfalen 
werden, dass sich seit den 1950er Jahren um die Konstruktion 
eines Landesbewusstseins bemühe, wagten die Tagungsteilnehmer 
einen Blick in die Zukunft.

Mit diesen Fragestellungen und Ergebnissen greift der 
Tagungsband sowohl wissenschaftlich als auch politisch aktuelle 
Fragen auf. 20 Beiträge geben einen Überblick darüber, wie 
Rheinländer, Westfalen und "Ruhris" sich selber sehen und wie 
sich ihr Raumbewusstsein im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts 
entwickelt hat. Abschließend skizziert Ditt in einer 
Gesamtinterpretation das aktuelle Raumbewusstsein in 
Nordrhein-Westfalen und seinen Teilräumen und deutet 
Entwicklungsmöglichkeiten an.


INFO

Karl Ditt/Klaus Tenfelde (Hg.):
Das Ruhrgebiet in Westfalen und Rheinland
Koexistenz und Konkurrenz des Raumbewusstseins im 19. 
und 20. Jahrhundert
Forschungen zur Regionalgeschichte, Band 57
20 Beiträge, 511 Seiten 
ISBN 978-3-506-75748-7 
49,- Euro