[WestG] [LIT] LWL gibt ersten Band des Handbuches der juedischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe heraus

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mo Apr 14 09:46:30 CEST 2008


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 10.04.2008, 11:45


LITERATUR

LWL gibt ersten Band des Handbuches der jüdischen Gemeinschaften 
in Westfalen und Lippe heraus
Artikel zu 72 Orten im Münsterland

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hat mit seiner 
Historischen Kommission für Westfalen und dem Institut für 
vergleichende Städtegeschichte der Universität Münster ein 
vierbändiges historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften 
in Westfalen und Lippe erarbeitet. Neben Überblicksartikeln 
enthält das Werk Texte über 270 Orte. Der erste Band, der sich 
mit den 72 ehemaligen jüdischen Gemeinschaften im heutigen 
Regierungsbezirk Münster beschäftigt, ist jetzt im Ardey-Verlag 
erschienen.

"Das Zusammenleben zwischen Deutschen und Juden war, über die 
Jahrhunderte gesehen, meist problematisch und endete in der 
NS-Zeit mit dem Holocaust in der Katastrophe", sagte 
LWL-Direktor Dr. Wolfgang Kirsch bei der Vorstellung des ersten 
Bandes am Donnerstag (10.04.) in Münster. "Die Forschung hat 
sich erst rund 30 Jahre nach dem Zeiten Weltkrieg intensiv mit 
dem Holocaust beschäftigt. Das Mittelalter, die frühe Neuzeit, 
das 19. Jahrhundert und die Gegenwart wurden darüber meist 
vernachlässigt.150 Autorinnen und Autoren haben sich seit dem 
Jahr 2000 daran gemacht, diese Lücken zu füllen."

"Bei dem ehrgeizigen Projekt, neben dem Holocaust auch die 
jüdische Geschichte vom Mittelalter über die Frühe Neuzeit bis 
zum 19. Jahrhundert und zur Gegenwart zu betrachten, ist ein 
lexikalisches Nachschlagewerk entstanden, das alle 270 Orte 
auflistet, in denen es jüdische Gemeinschaften gegeben hat. 
Dennoch ist das Handbuch kein abgeschlossenes Werk, sondern ein 
lebendiges Buch, das zu weiteren Forschungen der jüdischen 
Geschichte anregen will", fuhr Kirsch fort.

Paul Spiegel, der in Warendorf geborene und 2006 verstorbene 
Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hatte 2003 
die Schirmherrschaft über das Gesamtprojekt angenommen. 
Charlotte Knobloch hat als seine Nachfolgerin die 
Schirmherrschaft übernommen. Sie betont im Vorwort, dass "das 
Leitmotiv Paul Spiegels mit dem vorliegenden Werk weitergeführt 
wird. Denn wer die Geschichte kennt, wird Freiheit und 
Demokratie immer verteidigen".

Das Handbuch ist als vierbändiges Werk konzipiert mit einem 
Grundlagenband und drei weiteren Bänden für die 
Regierungsbezirke Münster, Arnsberg und Detmold. Neben den 
Artikeln zu allen 270 Orten in denen es jüdische Gemeinden gab 
oder gibt, stellt das Handbuch auch die Politik der bis 1802/03 
im Alten Reich bestehenden Territorien vor. Denn deren Politik 
hatte Einfluss auf die Juden und ihre Rechtsstellung.

"Vor 30 Jahren, als sich die Pogromnacht vom 9. November 1938 
zum 50. Mal jährte, begann in Deutschland in größerem Umfang die 
Auseinandersetzung mit den Fragen, wie es zu dieser Vernichtung 
hat kommen können. Überall fanden sich Historiker und 
Nichthistoriker zusammen, um die jüdische Geschichte in der 
eigenen Umgebung zu erkunden", berichtete Kirsch. Die Zahl der 
Einzelstudien sei fast unüberschaubar. Die Leistung des 
Handbuches liege darin, diese weit verstreuten Kenntnisse 
zusammenzufassen und die lange deutsch-jüdische Geschichte vor 
dem Holocaust einzubeziehen, so der LWL-Direktor weiter.

"Der erste Band enthält 72 Artikel zu Orten im Regierungsbezirk 
Münster sowie Überblicksartikel zur Geschichte der Juden in 
sechs bis 1802/3 selbständigen Territorialherrschaften in dieser 
Region wie zum Beispiel das Fürstbistum Münster und das Vest 
Recklinghausen. Alle Ortsartikel folgen einem Schema, so dass 
die Leser leicht vergleichen können", erläuterte Prof. Dr. 
Jakobi, Herausgeber des jetzt vorliegenden Bandes und 
Vorstandsmitglied der Historischen Kommission.

Schnell wurde der LWL-Kommission klar, dass sie mir ihren 
üblichen Mitteln das Projekt nicht bewältigen konnte. In dem 
Institut für vergleichende Städtegeschichte der Universität 
Münster hat sie einen Kooperationspartner gefunden, mit dem sie 
das Handbuch gemeinsam herausgibt. "Das Institut ist seit langem 
ein Partner des LWL und verfügt über Erfahrungen bei der 
Erarbeitung von Handbüchern, zum Beispiel bei dem 2006 
erschienenen Handbuch der Historischen Stätten", erläuterte 
Prof. Dr. Johanek, bis 2003 selbst 1. Vorsitzender der 
Historischen Kommission für Westfalen und bis 2007 
wissenschaftlicher Vorstand des Instituts für vergleichende 
Städtegeschichte.

"Eine besondere Herausforderung war es, jüdische Geschichte in 
regionaler Perspektive zu schreiben", berichtete Prof. Dr. 
Wilfried Reininghaus, Vorsitzender der Historischen Kommission. 
"Denn Jüdisches Leben ist in einem nach heutigen Grenzen 
gegliederten Handbuch nur schwer zu erfassen, da damit die 
spezielle Mobilität und der weitreichende Aktionsradius 
einzelner Personen und Verwandtenkreise in ihrer ganzen 
Komplexität nicht in den Blick kommt", ergänzt Jakobi.

Hintergrund:
Die Historische Kommission für Westfalen ist eine der sechs vom 
LWL getragenen wissenschaftlichen Kommissionen. Seit ihrer 
Gründung im Jahr 1896 hat sie ca. 500 Einzelveröffentlichungen 
zu Spezialthemen und Urkundenpublikationen wie dem Westfälischen 
Urkundenbuch herausgegeben.

Ihre Mitglieder und zahlreiche engagierte Kollegen übernehmen 
Arbeiten und veröffentlichen sie in Handbuchform, wie 
beispielsweise die große, vierbändige 'Westfälische Geschichte' 
oder 'Westfälische Klosterbuch' und nun das 'Historische 
Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe'. 
"Wissen so zu bündeln, Grundlagenwerke zu erstellen und so 
gewonnene Erkenntnisse zu verbreiten, sind die der Hauptaufgaben 
der Historischen Kommission", so deren 1. Vorsitzender Prof. Dr. 
Wilfried Reininghaus.


INFO

Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen 
und Lippe Teilband 1:
Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk 
Münster

Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen XLV: 
Quellen und Forschungen zur jüdischen Geschichte in Westfalen, 
Band 2,1
780 Seiten, eine Übersichtskarte 
Münster 2008 
Ardey-Verlag
ISBN 978-3-87023-282-5
69,00 Euro