[WestG] [LIT] Tenfelde, Klaus: Mitteilungsblatt des Instituts fuer soziale Bewegungen
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Mo Feb 26 11:09:17 CET 2007
Von: "Forum Geschichtskultur" <forum at geschichtskultur-ruhr.de>
Datum: 20.02.2007, 09:04
Übernahme aus der E-Mailing-Liste "geschichtskultur ruhr"
LITERATUR
Menschen lassen sich nicht schmelzen
RUB-Historiker analysiert Mythos "Schmelztiegel Ruhrgebiet"
Neues Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegungen
In der immer wieder entfachten Diskussion um die Rolle von
Migranten und die Gefahr von Parallelgesellschaften erscheint
der Begriff des "Schmelztiegels" als Idealbild: Die vollständige
Integration und Assimilation aller Zuwanderer. Das Ruhrgebiet
ist eine Gegend mit hohem Migrantenanteil - Bergbau und
Stahlindustrie lockten über Jahrzehnte hinweg immer neue Wellen
von Zuwanderern. Der Zusatz "Schmelztiegel" wird ihm daher oft
und gerne angehängt. In der neuen Ausgabe des Mitteilungsblatts
des Instituts für soziale Bewegungen beschreibt Prof. Dr. Klaus
Tenfelde (Direktor des Instituts) die Geschichte der Migration
im Ruhrgebiet und analysiert exemplarisch die Situation der
polnischen und türkischen Zuwanderer. Seine Ergebnisse zeigen
ein sehr vielschichtiges Bild, das den "Schmelztiegel" als zu
ideologisch entlarvt.
Verschiedene Faktoren beeinflussen Integration
Eigenschaften wie die Größe einer Gruppe, ihre Religion und das
vorhandene Bildungsniveau beeinflussen die Integration von
Zuwanderern. Aber auch die politischen Verhältnisse wirken
darauf ein. Im Falle des Ruhrgebiets macht sich dies zum
Beispiel beim gewerkschaftlichen Engagement bemerkbar: Polnische
Migranten kamen vor allem gegen Ende des 19.Jahrhunderts in das
Ruhrgebiet, einer Zeit, in der deutsche Unternehmer und
Politiker die Gewerkschaften bekämpften. Aktive
Gewerkschaftsarbeit hätte die Integration der Zugezogenen daher
nur zusätzlich erschwert. Türkische Migranten, die erst ab den
1960er Jahren nach Deutschland einwanderten, kannten dagegen aus
ihrer Heimat wenig politische Freiheiten. Für sie war die
hierzulande inzwischen anerkannte Gewerkschaftsarbeit eine
Gelegenheit sich endlich politisch zu engagieren.
Beschreiben statt ideologisieren
Dieses Beispiel zeigt, wie sich die Voraussetzungen zur
Integration im Laufe der Zeit gewandelt haben. Für Prof.
Tenfelde einer der Gründe, weshalb ideologieverdächtige Thesen,
wie die des Ruhrgebiets als "Schmelztiegel" der Kulturen,
vorsichtig gebraucht werden sollten. Sinnvoller erscheint ihm,
Charakteristika und Verhalten sowohl der Aufnahmebevölkerung als
auch der Zuwanderer zu typisieren, zentrale Merkmalskomplexe zu
erarbeiten und diese in den historischen Kontext einzuordnen.
Eine solche Herangehensweise geht flexibler mit dem vielfältigen
Phänomen der Migration um und wird ihm dadurch eher gerecht.
Von der Sonntagsarbeit bis zur Friedensbewegung
Der Standpunkt der Katholischen Kirche zur Sonntagsarbeit ist
Thema eines der weiteren Forschungsberichte des
Mitteilungsblattes. Ebenso die Kriegswahrzeichen des ersten
Weltkriegs, die Sozialisationsforschung und religiöse
Sozialisation im 20. Jahrhundert, sowie die Leiter von
Schottischen Kohlebergwerken zwischen 1930 und 1966. Die
Forscher des Instituts für soziale Bewegungen berichten über
aktuelle Projekte und ihre Aktivitäten der Jahre 2004/2005 und
diskutieren in Buchkritiken verschiedene Werke zur Wirtschaft
und Politik in Europa. Im Forum des Mitteilungsblatts
präsentieren sie außerdem Tagungsberichte zu den Themen:
Entwicklung europäischer Parteien, das politische Zeremoniell im
deutschen Kaiserreich, die Geschichte der Arbeiterbewegung und
einen Vergleich verschiedener Friedensbewegungen nach 1945.
INFO
Tenfelde, Klaus (Hg.): Mitteilungsblatt des Instituts für
- Forschungen und Forschungsberichte
Nr. 36/2006. 2006,
Klartext Verlag, Essen,
ISBN 3-89-861-747-5, ISBN 0173-2471, ISBN-13 978-3-89861-747-6
Dr. Jürgen Mittag
Institut für soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum
Clemensstraße 17-19, 44789 Bochum
Tel.0234/32-26920
E-Mail: juergen.mittag at rub.de