[WestG] [AUS] Justiz im Nationalsozialismus, 23.01.-30.03.2007, Detmold
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Fr Feb 9 11:25:54 CET 2007
Von: "Robert Gahde" <Robert.Gahde at lav.nrw.de>
Datum: 08.02.2007, 17:44
AUSSTELLUNG
Justiz im Nationalsozialismus. Über Verbrechen im Namen des
Deutschen Volkes
1996 erklärte der damalige Bundespräsident Roman Herzog
den 27. Januar zum Tag des Gedenkens an die Opfer des
Nationalsozialismus. Aus diesem Anlass erinnert das Staats-
und Personenstandsarchiv Detmold seither mit jährlich
wechselnden Ausstellungen an das Schicksal von Verfolgten.
Vom 23. Januar bis 30. März 2007 ist dort die Ausstellung
"Justiz im Nationalsozialismus - Über Verbrechen im Namen des
Deutschen Volkes" zu sehen. Sie entstand in Zusammenarbeit mit
der Gedenkstätte in der Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel. Im
Mittelpunkt der umfangreichen Präsentation stehen die Biografien
von Frauen und Männern aus Ostwestfalen-Lippe, die unter
Beteiligung der Justiz als wirksamer Waffe des NS-Staats
ausgegrenzt, verfolgt und ermordet wurden.
Unter den Richtern und Staatsanwälten fand die Ernennung Hitlers
zum Reichskanzler breite Zustimmung, stand man doch mehrheitlich
der parlamentarisch-demokratischen Verfassung der Weimarer
Republik distanziert bis ablehnend gegenüber und blieb stärker
dem autoritär-monarchischen Gesellschaftsbild des Kaiserreichs
verhaftet. Bereits im Frühjahr 1933 setzte auch innerhalb der
Juristenkreise selbst eine Welle von Ausgrenzungen und
Entlassungen ein, vor allem von Juden und politischen Gegnern
des Nationalsozialismus. Davon betroffen waren z.B. der aus
Nieheim stammende jüdische Rechtsanwalt Dr. Ernst Ikenberg und
der in Beverungen geborene Rechtsanwalt und Notar Dr. Otto
Griesbach. Ikenberg erteilte das Justizministerium wegen seiner
"nicht arischen Abstammung", dem Sozialdemokraten Griesbach
wegen angeblich kommunistischer Betätigung 1933 ein
Vertretungsverbot und entzog beiden die Zulassung als
Rechtsanwalt bzw. Notar. Dies kam einem Berufsverbot gleich und
entzog die Existenzgrundlage.
Erwies sich die deutsche Justiz schon früh als funktionierendes
Instrument des NS-Staats bei der Ausschaltung der politischen
Opposition und Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung, so galt
dies in den Folgejahren für eine wachsende Zahl weiterer
Bevölkerungsgruppen, die aus rassischen oder ideologischen
Gründen nicht zur "Volksgemeinschaft" gezählt wurden. Der Kieler
Rechtswissenschafter Prof. Dr. Karl Larenz brachte es so auf den
Punkt: "Wer außerhalb der Volksgemeinschaft steht, steht auch
nicht im Recht": Ausgrenzung und Verfolgung trafen die Patienten
in Heil- und Pflegeanstalten, die massenhaft durch Beschlüsse
der neu eingerichteten Erbgesundheitsgerichte zwangssterilisiert
wurden. Unzählige Menschen wurden während der NS-Zeit als
"lebensunwert" in den Euthanasieprogrammen ohne Beteiligung der
Justiz ermordet.
Zu den unter Beteiligung der Justiz verfolgten Gruppen zählen
die Zeugen Jehovas, was am erschütternden Schicksal der Familie
Kusserow aus Bad Lippspringe verdeutlicht wird. Die Pfarrer
Friedrich von Bodelschwingh in Schlüsselburg und Otto Jungcurt
in Todtenhausen nahm man 1937 in Untersuchungshaft wegen ihres
Einsatzes für die Bekennende Kirche. Außerhalb der
"Volksgemeinschaft" standen aus nationalsozialistischer Sicht
auch Homosexuelle. Im Falle eines homosexuellen
SS-Unterscharführers in Blomberg statuierte man regelrecht ein
Exempel: Das Landgericht verhängte wegen "gewerbsmäßiger
widernatürlicher Unzucht" eine einjährige Haftstrafe. Nach deren
Verbüßung übergab die Justiz den Verurteilten der Gestapo, die
ihn für weitere 22 Monate in Konzentrationslagern "in Gewahrsam"
nahm - ein Beispiel für die Kooperation von Justiz und
Polizei.
Bereits 1933 wurden Reichsweit Sondergerichte installiert, vor
denen vor allem nach Kriegsbeginn nahezu jede Straftat als
"Gefährdung der deutschen Abwehrkraft" angeklagt werden konnte.
Im Dezember 1940 wurde in Bielefeld ein solches Gericht
eingerichtet. Zwischen 1941 und 1945 verhängte dieses 60
Todesurteile, von denen 50 vollstreckt wurden. So etwa gegen
Wilma Hesselink 1941, weil sie als Dienststellenleiterin einer
Bezugsscheinstelle in Münster Lebensmittelkarten und -marken
unterschlagen hatte. Wegen Schwarzschlachtungen größerer Mengen
Viehs verurteilte das Sondergericht Bielefeld die Eheleute
Joachim aus Liemke 1942 ebenfalls zum Tode. Gegen den polnischen
Zwangsarbeiter Antoni Klawonn verhängte das Gericht wegen des
Diebstahls einiger Kleidungsstücke der zur Wehrmacht
eingezogenen Söhne seiner Arbeitgeberin fünf Jahre Zuchthaus,
die nach den Bestimmungen des "Polenstrafvollzugs" später noch
verschärft wurden. Ebenfalls fünf Jahre Zuchthaus erhielt der
Kraftfahrer Arthur Matschuk aus Minden nach einem
Fahrraddiebstahl. Als "gefährlicher Gewohnheitsverbrecher und
als Volksschädling" brachte man ihn im Anschluss ins
Konzentrationslager Buchenwald, wo er bald darauf unter
ungeklärten Umständen ums Leben kam.
Sehr anschaulich widmet sich die Ausstellung dem Thema
Strafvollzug in der NS-Zeit im Spannungsfeld zwischen "Bessern"
und "Vernichten". Der Betrachter erfährt beispielsweise viel
über die Ausstattung von Zellen, die Haftbedingungen, den
Einsatz der Inhaftierten in der Rüstungsindustrie oder der
Landwirtschaft oder die zunehmende Zahl an vollstreckten
Todesurteilen. In der Hinrichtungsstätte der
Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel wurde eine Vielzahl der
Todesurteile gegen Personen aus Ostwestfalen-Lippe vollstreckt.
Erstmals 1995 erkannte der Bundesgerichtshof anlässlich der
Verurteilung eines DDR-Richters wegen Rechtsbeugung an, dass die
nationalsozialistische Rechtsordnung eine "Perversion der
Rechtsordnung" bewirkt habe, die zurecht als "Blutjustiz"
bezeichnet werde und dass die Verbrechen der Richter und
Staatsanwälte juristisch nicht aufgearbeitet worden seien. Die
jetzt im Staatsarchiv präsentierte Ausstellung bietet
exemplarisch Einblicke in den Umgang der Nachkriegsjustiz mit
der Rolle der Justiz in der NS-Zeit und geht wiederum auch
anhand von Biografien der Frage von Kontinuität und Brüchen
nach. Die Schwierigkeit, 1945/1946 unbelastete Richter zu finden,
führte zuweilen zum Einsatz von Rechtsanwälten als Hilfsrichter
wie beispielsweise im Fall Arno Habel, der im Mai 1946 am
Amtsgericht Detmold seine Tätigkeit aufnahm. Einen interessanten
Fall stellt auch Dr. Heinz Schmidt dar: Anfang der 1930er Jahre
Gerichtsassessor im lippischen Staatsdienst, hatte er seit 1935
seine Laufbahn in der Heeresjustiz fortgesetzt und es bis zum
Oberkriegsgerichtsrat bzw. Oberfeldrichter gebracht. Die
Tatsache, dass er nicht Mitglied in der NSDAP gewesen war,
spielte offenbar eine maßgebliche Rolle dabei, dass er 1945 zum
Richter am Landgericht Paderborn berufen wurde, aber schon bald
wieder um seine Versetzung bat. Dr. Schmidt wirkte anschließend
als Hilfsrichter in Beverungen und Warburg sowie als
Amtsgerichtsrat in Brakel, bevor er 1947 zum Stadtdirektor in
Detmold gewählt wurde.
INFO
Ort:
Landesarchiv Nordrhein-Westfalen
Staats- und Personenstandsarchiv Detmold
Willi-Hofmann-Str. 2
32756 Detmold
Öffnungszeiten
23. Januar - 30. März 2007
Mo-Do 8-16 Uhr, Fr 8-13 Uhr
Der Eintritt ist frei.
Führungen
nach Vereinbarung
Tel. 05231 / 766-0
E-Mail: stadt at lav.nrw.de
Pädagogische Angebote zur Ausstellung für Schulen und Gruppen
Tel. 05231 / 766-102
Broschüren zur Ausstellung Katalog zur Wanderausstellung: 2,50 €
Broschüre mit den Ausstellungstexten zur Region
Ostwestfalen-Lippe: ca. 2,50 €
Begleitprogramm zur Ausstellung
Montag, 26. Februar 2007, 19.30 Uhr
Vortrag "Justiz im Nationalsozialismus", Prof. Dr. Ingo Müller,
Fachhochschule für öffentliche Verwaltung, Hamburg
Montag, 12. März 2007
Ein Filmtag im Staatsarchiv: Film als Quelle zum Thema "Justiz
im Nationalsozialismus"
11 / 13 Uhr "Das Heimweh des Walerjan Wróbel" (1991) - Angebot
speziell für Schulklassen, Anmeldung erforderlich: 05231 / 766-0
18 Uhr "Der Gasmann" (1941) mit Heinz Rühmann
19.30 Uhr: "Der Verteidiger hat das Wort" (1944) mit Heinrich
George
Einführung, Kommentierung der Filmausschnitte und Moderation:
Eyke Isensee, Hochschule für bildende Künste, Braunschweig
Montag, 26. März 2007, 19.30 Uhr
Vortrag "Ausgrenzung und Verfolgung jüdischer Juristen im
Oberlandesgerichtsbezirk Celle, 1933-1945", Dr. Peter Schulze,
Hannover
Alle Veranstaltungen finden im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen
Staats- und Personenstandsarchiv Detmold, Willi-Hofmann-Str. 2,
32756 Detmold statt. Der Eintritt ist frei.