[WestG] [AKT] Stadtarchiv Bielefeld laesst vom Zerfall bedrohte Akten konservieren
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Mo Aug 20 09:38:35 CEST 2007
Von: "Stadt Bielefeld" <info at presse-service.de>
Datum: 16.08.07 15:09
AKTUELL
Der Vergangenheit eine Zukunft geben
Stadtarchiv Bielefeld lässt vom Zerfall bedrohte Akten
konservieren
"Man muss die Zukunft im Sinne haben und die Vergangenheit in
den Akten" - dieses Zitat wird dem berühmten französischen
Staatsmann Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord (1754-1838)
zugeschrieben: Jetzt gilt es allerdings, den Akten der
Vergangenheit eine Zukunft zu geben. Denn gerade in dem Zeitraum
als Talleyrand starb, begann die folgenreiche industrielle
Fertigung von Papier, das wegen der Entwicklung von Säuren heute
vom Zerfall bedroht ist - auch im Stadtarchiv Bielefeld. Und es
geht nicht nur um wenige Akten, sondern um Massen einmaligen
städtischen Kulturgutes: Nach vorsichtigen Schätzungen des
Archivleiters Dr. Jochen Rath dürften in den Archivmagazinen an
der Rohrteichstraße mehr als 15 Millionen Blatt betroffen sein.
Insgesamt 140 Archivkartons mit 126.000 Blättern des
Archivbestandes "Hauptamt" mit Unikaten zur Bielefelder
Stadtgeschichte schickten Amtsleiter Harald Pilzer und
Archivleiter Dr. Rath am 16. August 2007 auf die Reise nach
Brauweiler (Rhein-Erft-Kreis), wo die Archivalien in einem
aufwändigen Verfahren entsäuert werden. Der Bestand Hauptamt
umfasst 542 Akten aus dem 19. Jahrhundert, der Kaiserzeit und
Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der
Nachkriegszeit, darunter zentrale Bielefelder Dokumente zu den
Themen Kriegswirtschaft, Luftkrieg, Entnazifizierung und
Verwaltungsorganisation. In Brauweiler wird im Rahmen einer
public private partnership mit der in Fragen der
Archivalienerhaltung und -restaurierung erfahrenen Neschen AG
das teilweise bereits brüchige Papier entsäuert und verfestigt.
Die Bearbeitung wird etwa vier Monate dauern.
Von etwa 1840 bis 1980 in industriellen Verfahren hergestelltes
Papier ist vom sogenannten endogenen Papierzerfall bedroht: Die
Dokumente und Akten zerfallen allein aufgrund der Anteile an
saurer Leimung. Bei der Papierproduktion mit Zellulose von Holz
werden nämlich Substanzen wie Alaun und Lignin beigefügt, die
später Säuren bilden. Diese zerstören die Molekülstruktur des
Papiers, das vergilbt und spröde wird. Der Zerfall kann durch
ein aufwändiges Einzelblatt-Verfahren, das inzwischen technisch
ausgereift ist, gestoppt werden, um unersetzbares städtisches
Kulturgut vor der Vernichtung zu bewahren.
Die inzwischen vielseits beschworene Digitalisierung stellt
keine langfristige Alternative dar, denn während das Papier
weiter vor sich hin altert und zerfällt, durchleben auch die
Bilddaten einen Alterungsprozess, und wer kann garantieren,
welche Dateiformate in 50 Jahren noch am PC zu öffnen sind? In
nordrhein-westfälischen Archiven gelten etwa 60.000 laufende
Meter Akten als vom Papierzerfall bedroht, das entspricht über
500 Millionen Blatt mit einzigartigen Informationen zur
Landesgeschichte.
Ein von 2007 bis 2010 mit Landeszuschüssen gefördertes und in
Westfalen vom LWL-Archivamt in Münster koordiniertes
Substanzerhaltungs- und Massenentsäuerungsprojekt wurde im
Stadtarchiv Ende 2006 durch die Auswahl geeigneter Bestände
aufgenommen, die mit vertretbarem Aufwand vorbereitet werden
können und die für die wissenschaftliche Auswertung von
besonderer Bedeutung sind: Zunächst soll der Bestand "Hauptamt"
(ca. 15,5 laufende Meter Umfang) bearbeitet werden, 2008 folgen
die Akten des Amtes für Wiedergutmachung (13,6), später die des
Vertriebenenamts (11,5) und des Erbgesundheitsgerichts (1,5)
sowie der kleine NSDAP-Bestand (1). Für den ebenfalls zu
entsäuernden Bestand Protokolle (Rat, Magistrat und Ausschüsse
ab 1850), der vollständig gebunden ist, wird die technische
Weiterentwicklung des Entsäuerungsverfahrens für Buchblöcke
abgewartet, die eine Auflösung der Buchbindungen überflüssig
macht.
Im Dezember 2006 wurden die notwendigen Vorarbeiten für die
maschinelle Massenentsäuerung aufgenommen. Drei Mitarbeiter des
Stadtarchivs und eine externe Hilfskraft bereiten akribisch die
Akten vor, indem diese unter anderem in Einzelblätter aufgelöst,
Metallklammern entfernt, die Blätter geglättet und grob
gesäubert, aufgeklebte Zeitungsartikel, Telegrammstreifen
fixiert und Fotos, überformatige Plakate und geklammerte
Faltblätter entnommen und den jeweiligen Sonderbeständen im
Archiv zugeführt werden.