[WestG] [AKT] Neue spektakulaere Funde rund um die Hagener Blaetterhoehle
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Mo Aug 20 08:55:03 CEST 2007
Von: "Historisches Centrum Hagen" <info at historisches-centrum.de>
Datum: 17.08.2007, 15:33
AKTUELL
Neue spektakuläre Funde rund um die Hagener Blätterhöhle:
Eingestürztes Felsdach und ein weiterer Eingang entdeckt
Was bisher nur als besonderes Highlight erhofft wurde, ist seit
wenigen Tagen nun Gewissheit: Die Blätterhöhle in Hagen, die
Fundstätte der ältesten Überreste moderner Menschen in Westfalen
und im Ruhrgebiet, war deutlich größer, als bisher angenommen.
Der Archäologe Dr. Jörg Orschiedt vom Historischen Centrum Hagen
legte vor wenigen Tagen, gleich zu Beginn seiner neuen Grabungen
auf dem Vorplatz der Blätterhöhle, einen außergewöhnlichen
Befund frei. Vor dem, wie sich nun herausgestellt hat,
wesentlich größeren Eingangsportal der Höhle traf er auf einen
mehr als 4 Meter langen Felsblock. Schnell stellte sich heraus,
dass es sich um den Rest eines mächtigen Felsdaches handelt. Es
überdeckte vor über 10.000 Jahren während der Altsteinzeit und
Mittelsteinzeit den früheren Eingang zur Höhle. Unter diesem
gewaltigen Felsblock wurden Fundschichten mit Siedlungsspuren
aus der Steinzeit bestens konserviert.
Allerdings ist das nicht der einzige bedeutende Befund, die Dr.
Orschiedt bei den neuen Ausgrabungen freilegen konnte. Jetzt
wurde nämlich auch die Oberkante des früheren Höhlenportals
entdeckt und bis auf eine Länge von über 4 Metern verfolgt - das
Ende ist noch nicht abzusehen. Damit zeichnet es sich ab: Die
Ausgräber der Blätterhöhle befinden sich offenbar unter der
Decke eines in der Steinzeit noch wesentlich umfangreicheren
Höhlensystems. Dass sich größere Höhlen zunächst als kleine
Felsgänge und Spalten zeigen können, ist lange bekannt. Auch die
bekannte Balver Höhle im sauerländischen Hönnetal und die
berühmte Vogelherdhöhle bei Blaubeuren auf der Schwäbischen Alb
besaßen noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine im Vergleich
zur heutigen Größe winzige Öffnung. Doch erstmalig in
Deutschland kann anhand der "ungestörten" Blätterhöhle die
Besiedlungsgeschichte und der Einsturz einer von Menschen
während der Steinzeit benutzten Höhle wissenschaftlich
untersucht und dokumentiert werden.
Die spannenden Grabungsbefunde werfen viele neue Fragen auf.
Irgendwann im Verlauf der Mittelsteinzeit, das lässt sich anhand
von Steingeräten unter den Felstrümmern zeitlich relativ genau
einordnen, ist das überhängende Dach der Höhle eingestürzt.
Waren es der Klimawandel im Verlauf der Nacheiszeit oder aber
ein größeres Erdbeben, wie es auch aus dem Mittelalter und der
Frühen Neuzeit in der Region bekannt ist? Auf diese Fragen gibt
es noch keine Antwort. Aber auch das imposante Felsentor
"Hünenpforte" in der Nachbarschaft der Blätterhöhle ist
ebenfalls der Rest einer eingestürzten größeren Portalhöhle. Ob
sie möglicherweise zur gleichen Zeit zusammen mit der
Blätterhöhle einstürzte, könnten weitere Untersuchungen klären.
Eines ist jedoch schon sicher: Die Auswirkungen des Einsturzes
des Felsdaches der Blätterhöhle waren wohl dramatisch, wie noch
heute die Spuren deutlich zeigen. Der tonnenschwere Hauptteil
des überhängenden Daches löste sich von der Felswand und fiel
direkt auf den Vorplatz der Höhle. Nach dem Einsturz hat sich
das abgebrochene Felsdach wie ein riesiger Korken vor den
früheren Höhleneingang geschoben und den Innenraum regelrecht
verplombt. Das Ereignisses hinterließ ein einmaliges
"Bodenarchiv", das sicher auch für den ausgezeichneten
Erhaltungszustand der steinzeitlichen Knochen und Fundschichten
mit verantwortlich sein dürfte.
Auf dem Vorplatz der Blätterhöhle befindet sich unter dem
eingestürzten Felsdach nach Messungen der Universität Köln mit
dem Bodenradar ein bis zu 10 Meter hohen Schutt- und
Sedimentkegel. Er türmte sich im Verlauf von Tausenden Jahren
vor dem Eingang der Höhle auf. Die Steinzeitmenschen lebten dort
auf den Resten der früheren Siedlungsspuren, die sich als
Schichten im Sediment ablagerten. Im vergangenen Jahr legte
Orschiedt unter dem damals noch nicht als Rest eines Felsdaches
erkannten Felsen die Spuren einer Feuerstelle aus der
Mittelsteinzeit frei.
In der Fundschicht entdeckte er neben Steinwerkzeugen und
Waffenprojektilen einen ungewöhnlichen Fund: Das Schädelteil
eines Menschen. Noch immer ist es ein Rätsel, warum sich dieser
menschliche Skelettrest auf dem Vorplatz und nicht, wie zu
erwarten wäre, im Innenraum der Höhle befunden hat. Als die
jungsteinzeitlichen Menschen über 5.500 Jahre nach den
mittelsteinzeitlichen Siedlungsspuren die Blätterhöhle als
Bestattungsort nutzten, besaß die bis zum Dach verschüttete
Höhle wahrscheinlich bereits weitgehend ihr heutiges Aussehen
mit engen Gängen und Kammern.
Für die Archäologen und Naturwissenschaftler ist die
Fundsituation in der Blätterhöhle einzigartig, denn im
mitteleuropäischen Raum haben sich nur sehr wenige Höhle
erhalten, die auf diese Weise völlig unberührt von den Grabungen
früherer Forscher und Raubgräber geblieben sind. Umfangreiche
Ausgrabungen und das Abfahren der Höhlenfüllungen als Dünger
sowie auch die Sprengungen für Steinbrüche und den Straßenbau
hatten bereits im 19. und 20. Jahrhundert viele
Höhlenfundstätten restlos zerstört. Im südwestfälischen
Sauerland und auf der Schwäbischen Alb, die höhlenreichsten
Regionen in Deutschland, wurden zu dieser Zeit zahlreiche
bedeutende Höhlen ausgeräumt. Noch 1875 entdeckte der Bonner
Anatom Hermann Schaaffhausen beispielsweise in der benachbarten
Martinshöhle im Lennetal bei Iserlohn-Letmathe zahllose
Steinwerkzeuge und andere Funde: Nur wenige Jahre danach
verschwand diese Höhle in einem Steinbruch.
Deshalb ist es verständlich, dass die Archäologen in Deutschland
und Europa mit besonderem Interesse auf die Höhle in Hagen
blicken. Denn hier besteht die Chance, zum ersten Mal eine in
ihrem ursprünglichen Zustand überlieferte Höhle nach modernen
wissenschaftlichen Methoden zu untersuchen. Die bisherigen
Ergebnisse und Funde, die Dr. Jörg Orschiedt und sein
Grabungsteam seit Mai 2007 in und vor der Höhle wieder freilegen,
lassen Stück für Stück die Siedlungsgeschichte der Blätterhöhle
und der südwestfälischen Region nachvollziehbar werden.
Bereits zu Beginn ihrer neuen Grabungskampagne entdeckten die
Archäologen im Innenraum der Höhle ein weiteres Teil des
"ältesten Westfalen" sowie drei große Wildschweinschädel, die
dem in der Höhle abgelegten Toten vermutlich als Beigaben
mitgegeben worden waren. Obwohl die Untersuchung noch nicht
abgeschlossen ist, lässt sich schon jetzt sagen, dass es sich um
einen einzigartigen Befund im gesamten mitteleuropäischen Raum
handelt. Aber auch das übrige Fundmaterial, das im Sommer 2007
wieder zu Tage kam, verspricht weitere bedeutende Entdeckungen
in der Blätterhöhle. Einige Steinwerkzeuge deuten nämlich an,
dass sie aus der späten Altsteinzeit stammen - vermutlich über
1.000 Jahre vor der Mittelsteinzeit und den Skelettresten des
"ältesten Westfalen".
In mühevoller Kleinarbeit werden an der Blätterhöhle die
Zeugnisse des Einsturzes und die Fundschichten von den
Wissenschaftlern freigelegt und sorgfältig untersucht. Dass das
Felsmassiv des *Weißenstein“ und die Umgebung der Höhle eine
alte Fundlandschaft darstellt, belegt ein Aufsatz des vor 200
Jahren verstorbene Elseyer Stiftsprediger Johann Friedrich
Möller. Bereits 1801 beschrieb er eine Anzahl von Knochen, die
dort einige Jahre zuvor bei Straßenarbeiten aufgefunden wurden.
Möller regte daraufhin die Untersuchung dieser Funde durch
Georges Cuvier an, dem französischen Naturforscher und Begründer
der Paläontologie. Nicht ohne Grund und wahrscheinlich auch mit
Recht vermutete er, dass es sich um die Knochen eines
Höhlenbären handelte - eine riesige Bärenart, die während der
Eiszeit lebte. Aber auch einige Beilklingen aus Stein und Bronze,
die heute im Museum für Ur- und Frühgeschichte Wasserschloss
Werdringen der Stadt Hagen zu sehen sind, wurden im frühen 19.
Jahrhundert in der Umgebung der Blätterhöhle entdeckt. Teilweise
in Sichtweite der Blätterhöhle befinden sich mehrere
Oberflächenfundplätze, die seit der mittleren Altsteinzeit vor
über 60.000 Jahren immer wieder von Menschen aufgesucht wurden.
Um diese wichtige Fundstätten und besonders die Blätterhöhle vor
Raubgräbern und Hobby-Sammlern zu schützen, haben die Stadt
Hagen und die Dienststellen der Polizei verschiedene Maßnahmen
ergriffen. Vor allem werden illegale Grabungen und auch das
Absammeln von Fundstellen ohne Genehmigung, durch die wichtige
Informationen über das Leben und die Umwelt der prähistorischen
Menschen für die Forschung und Allgemeinheit zerstört werden,
sofort zur Anzeige gebracht und strafrechtlich verfolgt.
INFO
Historisches Centrum Hagen
Stadtmuseum / Stadtarchiv
Museum für Ur- und Frühgeschichte Wasserschloss Werdringen
Eilper Strasse 71-75
D-58091 Hagen
+49 (0)2331 207 2740
+49 (0)2331 207 2447
www.historisches-centrum.de
www.museum-werdringen.de
Informationen online:
http://historisches-centrum.de/index.php?id=121