[WestG] [AKT] LWL-Volkskundlerin erklaert Adventskranz, Adventskalender u. andere vorweihnachtliche Braeuche
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Mi Nov 29 11:13:16 CET 2006
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 28.11.2006, 11:42
AKTUELL
Advent, Advent, ein Lichtlein brennt - LWL-Volkskundlerin
erklärt Adventskranz, Adventskalender und andere
vorweihnachtliche Bräuche
Als Johann Hinrich Wichern am 1. Dezember 1838
im Hamburger Rauen Haus, einem "Rettungshaus" für verwahrloste
und verwaiste Hamburger Kinder und Jugendliche, einen riesigen
runden Leuchter mit 24 Kerzen aufhing, ahnte er noch nicht, dass
das die Geburtsstunde von gleich zwei Bräuchen war, die heute
nicht mehr aus dem Advent wegzudenken sind: der Adventskranz und
der Adventskalender. "Beide heutige Bräuche dienen dazu, den
Kindern die Adventszeit plastisch vor Augen zu führen. Sie
sollen lernen, dass Geduld, Warten und Hoffnung zum Leben
dazugehören", erklärt Christiane Cantauw, Volkskundlerin beim
Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) den Sinn der Bräuche.
Auf dem Weg vom Riesenleuchter zum heutigen Schokokalender oder
gefüllten Stiefelchen an der Schnur gab es im 19. und 20.
Jahrhundert viele Formen von Adventskalendern, die mit dem
heutigen wenig zu tun haben. So stellten viele evangelische
Familien für die Kinder ein Adventsbäumchen auf, an das jeden
Tag Zettel mit den Weissagungen der Propheten aus der Bibel
gehängt wurde, die die Kinder auswendig lernen sollten. "In
katholischen Kreisen war eher der Brauch des Strohhalmsteckens
verbreitet: Kinder die "artig" waren, durften jeden Tag einen
Strohhalm in die noch leere Krippe legen, um es dem Jesuskind
bis zum Weihnachtsfest weich und gemütlich zu machen", erläutert
Cantauw.
Frühe Formen von Adventskalendern waren auch Strichkalender, bei
denen die Kinder jeden Tag einen Kreidestrich weggewischt haben,
oder selbstgemachte Abreißkalender, von denen bereits Thomas
Mann in den "Buddenbrocks" berichtet hat. Zu Beginn des 20.
Jahrhunderts wurden im bayerischen Verlag RLM (Reichhold & Lang,
München) die ersten gedruckten Adventskalender herausgegeben.
Sie bildeten den Anfang einer wahren Flut von Druckerzeugnissen,
deren Bandbreite vor allem seit den 1920er Jahren schier
unüberschaubar ist: Hänge- und Wandkalender, Leporellos,
Kalender in Form von Hampelmännern, von Uhren oder in Form von
Leitern (Himmelsleiter), Adventsbücher, Adventspuzzels, singende
Adventskalender, Kalender zum Selberbestücken und
dreidimensionale Kalender - um nur einige zu nennen.
Der Adventskranz mit seinen vier Kerzen, die symbolisch für die
vier Adventssonntage stehen, ist eine reduzierte Form des
Adventsleuchters aus dem Rauen Haus in Hamburg. Er verbreitete
sich von den evangelisch-bürgerlichen Schichten ausgehend seit
den 1920er Jahren nach und nach auch in katholischen Kreisen,
wobei vor allem die Lehrer wesentlich zu seiner Bekanntheit
beitrugen, wie sich anhand eines Beispiels aus Borlingshausen
(Kreis Höxter), belegen lässt: "Der erste Adventskranz wurde
1930 eingeführt; er kam ins Dorf durch eine junge Lehrerin, die
aus Paderborn stammte. In der Schule wurde er unter der Decke
aufgehängt. Beim Beginn des Unterrichts wurde die entsprechende
Zahl der Kerzen angezündet und dabei ein Adventslied gesungen,
danach die Kerzen gelöscht", heißt in einem Bericht aus dem
LWL-Volkskundearchiv.
Anfangs wurden die Adventskränze in den Familien noch selbst
gewunden, doch wie in Ahaus (Kreis Borken) nahmen sich schon
bald "die Gärtner des neuen Brauchtums an, indem sie fertige
Kränze fürs Haus anboten". Ein Gewährsmann des
LWL-Volkskundearchivs aus dem Siegerland berichtet aus der Zeit
vor dem Zweiten Weltkrieg: "Üblich ist, daß mit dem 1. Advent
auch ein Adventskranz geflochten wird. Das tun in der Regel die
Mädchen, die noch zur Schule gehen, oder die der Schule
entwachsen sind". Die Gestaltung des Kranzes wie sie ein
Sauerländer für die 1930er Jahre beschreibt, war auch andernorts
verbreitet: Fichten- oder Tannengrün, rote Kerzen und rote
Bänder. "Diese Form des Adventskranzes hat sich erstaunlich
lange gehalten", betont Cantauw. Die Kränze hängte man entweder
an einen Deckenbalken oder an einen Ständer, teilweise wurden
sie auch auf den Tisch gelegt. Beim Entzünden der Kerzen sag man
vielerorts Weihnachtslieder aus den Gesangbüchern.
Die religiös-christlichen Sinnzusammenhänge der Bräuche
Adventskranz und Adventskalender treten nicht erst seit kürzerer
Zeit gegenüber anderen Funktionen merklich in den Hintergrund:
"Bereits im 19. Jahrhundert läßt sich die Tendenz beobachten,
dass das materielle Geschenk immer mehr in den Vordergrund
rückte. In Form der mit kleinen Geschenken bestückten
Adventskalender wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts dann ein
Teil der Weihnachtsbescherung bereits vorweggenommen", so
Cantauw. In der Zeit des Nationalsozialismus geriet die
religiös-sprituelle Bedeutung von Adventskalendern und
Adventskränzen dann von einer ganz anderen Seite aus unter
Druck: "Die Nationalsozialisten haben sich ganz bewusst darum
bemüht, den christlichen Charakter des Adventes durch andere
Inhalte zu ersetzen. So vermied man beispielsweise die
Bezeichnung "Advent", die allzu deutlich auf christliche
Glaubensinhalte anspielte. Ein 1942 erschienener Kalender mit
dem Titel "Vorweihnachten" sollte völkische und germanische
Symbole und Bräuche etablieren und so zur Vermittlung der
NS-Ideologie betragen. Doch die christlich-religiösen
Sinnzuschreibungen ließen und lassen sich nie ganz verdrängen",
erläutert die LWL-Volkskundlerin.