[WestG] [AKT] Lesereihe zur Sonderausstellung "Aufbau West" auf Zollern, Dortmund
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Don Okt 27 16:34:40 CEST 2005
Von: "Christiane Spänhoff", <christiane.spaenhoff at lwl.org>
Datum: 27.10.2005, 10:44
AKTUELL
Tanja Dückers, Reinhard Jirgl, Petra Reski und Herbert Somplatzki:
Lesereihe zur Sonderausstellung "Aufbau West" auf Zollern
Flucht, Vertreibung und Heimatverlust sind Themen zahlreicher Romane,
die in den Jahrzehnten nach 1945 meist von Angehörigen der
Erlebnisgeneration verfasst wurden. Seit einigen Jahren melden sich
verstärkt auch Angehörige der nächsten Generationen zu Wort. Mit
Tanja Dückers, Reinhard Jirgl, Petra Reski und Herbert Somplatzki sind
im November vier renommierte Autorinnen und Autoren zu Gast im
Westfälischen Industriemuseum Zeche Zollern II/IV. Gemeinsames
Thema ihrer Werke: Das Aufwachsen im Westen und das Verhältnis
zur verlorenen Heimat der Eltern in Schlesien, Ostpreußen und Böhmen.
Die Lesereihe ist Teil des Begleitprogramms zur Sonderausstellung "Aufbau
West. Neubeginn zwischen Vertreibung und Wirtschaftswunder", die der
Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) noch bis März in seinem
Dortmunder Museum zeigt.
Die Termine (Beginn jeweils 18 Uhr):
Mi, 02.11.: Tanja Dückers ("Himmelskörper")
Mi, 09.11.: Reinhard Jirgl ("Die Unvollendeten")
Mi, 16.11.: Petra Reski ("Meine Mutter und ich" und "Ein Land so weit")
Mi, 23.11.: Herbert Somplatzki ("Masurische Gnadenhochzeit" und
"Bis wir im Frieden sind")
Tanja Dückers: "Himmelskörper"
Wer ein Kind erwartet, will wissen, in welchem Nest dieses Kind landen
wird - so geht es zumindest der Meteorologin und Wolkenforscherin
Freia, Protagonistin im Roman "Himmelskörper" von Tanja Dückers. Dies
umso mehr, da die eigene Familie ein Geheimnis mit sich herumträgt, das
die Beteiligten jahrzehntelang bedrückt. Was genau geschah im Januar
1945? Wieso hat ein Parteiabzeichen die Großeltern davor bewahrt, mit
der "Wilhelm Gustloff" unterzugehen? Freias Mutter weiß es, kann sich
aber niemandem anvertrauen und zerbricht an der Last des
Familiengeheimnisses. Drei Generationen von Frauen stehen im Mittelpunkt
des Romans, dessen Geschichte in Danzig anfängt und in Gdyna einen
zumindest teilweisen Abschluss findet.
Tanja Dückers wurde 1968 in Berlin geboren und studierte Germanistik und
Nordamerikanistik. Für ihre Arbeiten erhielt sie mehrere Stipendien und Preise.
Reinhard Jirgl: "Die Unvollendeten"
"Noch nie ist die Nachkriegszeit so überzeugend geschildert worden wie in
diesem Roman", urteilte Iris Radisch 2003 in Die Zeit über Reinhard Jirgls Roman
"Die Unvollendeten". Jirgl erzählt hier unter anderem die Geschichte von vier
Frauen aus drei Generationen, die nach Kriegsende aus dem Sudetenland in
die sowjetisch besetzte Zone, die spätere DDR vertrieben werden. Obwohl
die Protagonistinnen ihren Heimatverlust nie wirklich überwinden, sei der Roman
"frei von Sentimentalität", er sei "eine von genauer Beobachtungsgabe und
erzählerischer Gewandtheit" getragene Nachkriegsgeschichte", so Kritiker in
Der Spiegel und Neue Züricher Zeitung. Der Roman spielt in der DDR spielt und
macht trotz aller systembedingten Unterschiede in Punkto Flüchtlingsintegration
auch viele Gemeinsamkeiten mit der Nachkriegsgeschichte im Westen deutlich.
Reinhard Jirgl wurde 1953 in Ostberlin geboren. Nach einer Ausbildung zum
Elektromechaniker studierte er an der Berliner Humboldt-Universität Elektrotechnik,
bevor er sich in den 1970er Jahren dem Schreiben zuwandte. Heute lebt er als
freier Schriftsteller in Berlin. Für seine Arbeiten hat er zahlreiche Preise gewonnen.
Petra Reski: "Meine Mutter und ich", "Ein Land so weit"
"Ein hinreißendes Buch" nannte die Zeitschrift Amica Petra Reskis Roman
"Meine Mutter und ich", eine liebevolle Hommage nicht nur an die Mutter,
sondern auch an das Ruhrgebiet, in dem die Autorin in einer Bergarbeitersiedlung
aufwuchs. Ihre Familie kam nach dem Krieg aus Schlesien und Ostpreußen ins
Revier und immer, wenn es auf Familienfeiern spanned wurde, fingen die
Erwachsenen an zu weinen und behaupteten, es sei nur wegen des Alkohols
gewesen. Als Kind fand sie es schrecklich, wenn dann auch noch das
Ostpreußenlied angestimmt wurde, aber nach dem Tod der Großeltern führt eine
Recherche-Reise die Autorin ins Heimatdorf ihrer Vorfahren, wo sich die Erzählungen
der Dorfbewohner mit der eigenen Familiengeschichte zu verbinden beginnen.
Von dieser Reise erzählt "Ein Land so weit".
Petra Reski wurde 1958 geboren und wuchs in Kamen auf. Nach dem Abitur besuchte
sie die Henri-Nannen-Schule in Hamburg und arbeitete anschließend als Redakteurin
für die Zeitschriften Stern und Cosmopolitan. Seit 1991 ist sie freie Autorin und lebt
heute in Venedig.
Herbert Somplatzki: "Masurische Gnadenhochzeit", "Bis wir im Frieden sind"
Der einzige Schriftsteller mit Knappenbrief - so bezeichnet sich Herbert Somplatzki
selbst gelegentlich. Er stammt aus einer masurischen Familie, deren Männer seit
Generationen im Winter ins Ruhrgebiet zogen, um im Bergbau zu arbeiten und im
Sommer wieder zurück nach Ostpreußen gingen, um ihre Höfe zu bewirtschaften.
Nach 1945 gab es dieses Zurück nicht mehr. Herbert Somplatzki, 1934 in Masuren
geboren, absolvierte nach dem Krieg eine Berglehre, arbeitete 11 Jahre im Bergbau,
wurde später Lehrer und lebt heute als freier Schriftsteller im Sauerland. Seit vielen
Jahren engagiert er sich in deutsch-polnischen Kulturprojekten, etwa "Spotkania"
Ende der 1990er in Essen, "Polen erlesen" 2000 oder, in den letzten Jahren, im
"Poetischen Herbst", einer Literaturbegegnung zwischen Schriftstellern aus dem
Sauerland einerseit, Ermland und Masuren andererseits.
"Bis wir im Frieden sind" erzählt die Geschichte eines durch Flucht und Vertreibung
geprägten kleinen Jungen aus Masuren, der mit seiner Familie Unterschlupf bei
Verwandten im Ruhrgebiet findet. "Masurische Gnadenhochzeit" lässt am Beispiel der
Familiengeschichte und ausgehend vom 70. Hochzeitstag der Eltern, der sog.
Gnadenhochzeit, vor allem die vor dem Krieg liegenden Begegnungen zwischen Ost
und West wieder aufleben sowie eine Kultur, die mit dem Tod der Eltern ein Ende
finden wird.
INFO
Westfälisches Industriemuseum
Zeche Zollern II/IV
Grubenweg 5
44388 Dortmund
Telefon: 0231 6961-111
Telefax: 0231 6961-114
E-Mail: Zeche-Zollern at lwl.org