[WestG] [AKT] 2. Bochumer Historikerpreis geht an Prof. Juergen Kocka
Marcus Weidner
Marcus.Weidner at lwl.org
Die Nov 22 12:03:03 CET 2005
Von: "Josef König" <josef.koenig at presse.ruhr-uni-bochum.de>
Datum: 22.11.2005, 11:40
AKTUELL
2. Bochumer Historikerpreis geht an Prof. Jürgen Kocka
Herausragende Leistung in Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Preisverleihung mit NRW-Innovationsminister Prof. Pinkwart
Für seine herausragenden Leistungen auf dem Gebiet der Wirtschafts- und
Sozialgeschichte erhält der Berliner Historiker Prof. Dr. Dr. h.c.
mult. Jürgen Kocka den diesjährigen Bochumer Historikerpreis. Der Preis
ist mit 25.000 Euro dotiert und wird von der Ruhr-Universität Bochum,
der Stadt Bochum, der Stiftung der Sparkasse Bochum und der Stiftung
Bibliothek des Ruhrgebiets vergeben. Die Preisverleihung findet am
Freitag, 25.11.2005, 18.30 Uhr anlässlich des Stiftungsfestes der
Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets im Haus der Geschichte des
Ruhrgebiets statt (Clemensstraße 17 - 19, 44789 Bochum). Zur
Preisverleihung kommt auch der Schirmherr des Preises,
NRW-Innovationsminister Prof. Andreas Pinkwart. Er spricht über
"Stärkung von Wissenschaft und Forschung durch private Initiative".
[...]
Programmfolge am Abend
Nach der Begrüßung durch Dr.-Ing. h.c. Wilhelm Bergemann (Vorsitzender
des Kuratoriums der Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets) spricht
Innovationsminister Prof. Pinkwart über "Stärkung von Wissenschaft und
Forschung durch private Initiative". Daran schließt sich an die
Laudatio von Prof. Dr. Werner Plumpe (Universität Frankfurt/Main,
früher RUB) sowie die Preisverleihung. Dem folgt eine Dankesrede von
Prof. Kocka über "Sozialgeschichte im Zeitalter der Globalisierung"
sowie die Eröffnung einer Ausstellung "Am Kanal" mit Werken von
Brigitte Kraemer. Die Veranstaltung wird musikalisch begleitet vom Trio
des Musischen Zentrums der RUB.
Führender Kopf einer neuen Generation
Kocka gehört seit den 1970er Jahren zu den führenden Persönlichkeiten
einer jüngeren Historiker-Generation, die das Gefüge der deutschen
akademischen Geschichtswissenschaft und ihrer Außenwirkung nachhaltig
veränderte. 1941 geboren, wurde er 1968 an der Freien Universität
Berlin bei Gerhard A. Ritter mit einer grundlegenden Untersuchung über
Unternehmensverwaltung und Angestelltenschaft bei Siemens promoviert.
Bis heute gilt dieses Werk als eine Pionierstudie auf dem Gebiet der
Unternehmensgeschichte. Als wissenschaftlicher Assistent an der
Universität Münster habilitierte sich Kocka 1972 mit einer
vergleichenden Untersuchung zur "Politischen Sozialgeschichte" der
Angestellten in den USA und übernahm 1973 die Professur für Allgemeine
Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Sozialgeschichte an
der eben gegründeten Universität Bielefeld.
Bielefelder Schule
Noch 1972 war eine methodisch hochreflektierte Untersuchung über die
deutsche "Klassengesellschaft" im Ersten Weltkrieg erschienen; es
folgten nunmehr in rascher Folge Aufsätze und Bücher, in denen das in
Deutschland neue Feld der Sozialgeschichte theoretisch und methodisch
ausgebreitet wurde. Das machte Kocka, in langjähriger Zusammenarbeit
mit Hans-Ulrich Wehler, für zwei Jahrzehnte zum führenden Kopf der so
genannten "Bielefelder Schule", die als geschichtswissenschaftliche
Erneuerung rasch internationales Aufsehen erregte. In Bielefeld leitete
Kocka zeitweilig das Zentrum für interdisziplinäre Forschung, regte
zahlreiche Untersuchungen von Schülern zur Sozialgeschichte des 19. und
20. Jahrhunderts an und formte maßgeblich den berühmt gewordenen
Bielefelder Sonderforschungsbereich über die "Sozialgeschichte des
neuzeitlichen Bürgertums".
Neuordnung der hauptstädtischen Geschichtswissenschaft
Er widmete sich zugleich der Geschichte der Arbeiter während der
Industrialisierung und veröffentlichte hierzu bisher zwei einschlägige
Bände. Die Forschung verdankt ihm außerdem eine Geschichte der
deutschen Unternehmer, ein lange die Proseminare beherrschendes Buch
zur Grundlegung der modernen Sozialgeschichtsschreibung und zahlreiche
Sammelbände über Arbeiter und Bürger, die europäische Zivilgesellschaft
und die deutsch-deutsche Vereinigungskrise. 1998 trat er eine neu
geschaffene Professur zur Geschichte der industriellen Welt an der
Freien Universität Berlin an. Er wirkte hier maßgeblich in der
Neuordnung der hauptstädtischen Geschichtswissenschaft mit, schuf etwa
das Zentrum für vergleichende Geschichte Europas und wurde im Jahre
2000 Präsident des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung in Berlin
(WZB), einer der größten sozialwissenschaftlichen
Forschungseinrichtungen Europas. Sein internationales Renommee wird
durch drei Ehrendoktorhüte, zahlreiche Mitgliedschaften in Akademien
und durch die Präsidentschaft des internationalen Historikerverbandes
unterstrichen.
"Public Historian"
Kocka ist ein "public historian" im besten Sinne. Er hat sich, wägend
und ordnend, zu Problemen der Vergangenheitsbewältigung und der
Geschichtspolitik, zur Problematik des deutschen Nationalstaates und
jüngst vermehrt zum Wandel der Erwerbsarbeit auch in der Gegenwart
geäußert. Er begreift Geschichtswissenschaft als ein wesentliches
Moment gesellschaftlicher Selbstaufklärung, und das bezeichnet seine
Herangehensweise an die Besonderheiten deutscher Geschichte, deren
Interpretation er durch einsichtsvolle Kommentare zur Debatte um den
deutschen "Sonderweg" über Jahrzehnte zu bereichern wusste.
Weitere Informationen
Dr. Jürgen Mittag, Institut für Soziale Bewegungen der Ruhr-Universität
Bochum, Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets, Clemensstraße 17-19, 44789
Bochum, Tel. 0234/32-26920, Fax: 0234/32-14249, E-Mail:
juergen.mittag at rub.de