[WestG] [AUS] Aktuelle Funde aus 3000 Jahre alten Graebern in Vreden, Herne, 23.09.2005-05.02.2006

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Don Jul 28 11:37:26 CEST 2005


Von: "LWL-Pressestelle", <presse at lwl.org>
Datum: 25.07.2005, 10:45


AUSSTELLUNG

3.000 Jahre alte Graeber auf Friedhof in Vreden:
Fehlende Urnen und die Axt im Frauengrab

Aktuelle Funde ab September in der Landesausstellung 
in Herne

Alle fuenf Jahre praesentieren die Fossilienforscher und 
Archaeologen in Nordrhein-Westfalen ihre aktuellen 
Forschungsergebnisse und die wichtigsten Funde der 
OEffentlichkeit. In der Landesausstellung "Von Anfang 
an – Archaeologie in Nordrhein-Westfalen" zeigt das 
Westfaelische Museum fuer Archaeologie in Herne ab dem 
23. September ueber 35.000 Objekte aus 320 Millionen 
Jahren. Einige der wichtigsten Exponate stellt der 
Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), Traeger des 
Museums, in einer Serie vor.

Makaber mutet die Entdeckungsgeschichte von 
Grabanlagen aus der Bronze- und Eisenzeit (1200 bis 
500 v. Chr.) in Vreden (Kreis Borken) an: Als auf dem 
Staedtischen Friedhof in Vreden ein Grab ausgehoben 
wurde, kamen drei kleine Scherben und einige 
Stueckchen verbrannter Knochen zum Vorschein – 
offensichtlich aus einem deutlich aelteren Grab. Ein 
aufmerksamer Friedhofsbesucher bemerkte die Funde und 
meldete sie dem Westfaelischen Museum fuer Archaeologie.

Die fortschreitende Belegung des Staedtischen 
Friedhofes machte eine Ausgrabung in der 
ungewoehnlichen Kulisse notwendig. Dabei entdeckten die 
LWL-Archaeologen ueber 80 Graeber, die zwischen 3.200 und 
2.500 Jahre alt sind. Die Graeber sind wie 
ueberdimensionale Schluesselloecher oder kreisfoermig 
eingefasst, wie es in der Zeit vom UEbergang der 
Bronzezeit zur Eisenzeit ueblich war. 

Fuer die Forscher ueberraschend war aber, dass sich in 
57 der insgesamt ueber 80 Graeber zwar die verbrannten 
Knochenreste, aber keine Urnen befanden. Denn 
normalerweise wurden zu dieser Zeit die Reste der 
verbrannten Toten in Urnen bestattet. Die 
Gemeinschaft, die hier ihre Toten begrub, sammelte 
aber die verbrannten Knochen aus dem Scheiterhaufen 
heraus und legte sie direkt in die Grabgrube. Nur in 
23 der ueber 80 Bestattungen waren Aschengefaeße zu 
finden. "Warum hier nur so wenige Urnen benutzt 
wurden, werden hoffentlich die wissenschaftlichen 
Auswertungen zeigen", erlaeutert Grabungsleiter Juergen 
Gaffrey vom LWL. 

"Als Ursachen kommen zum Beispiel Einfluesse aus 
anderen Regionen in Frage oder der zeitliche Abstand 
zwischen den Bestattungen. Aber dieses Graeberfeld 
zeigt schon jetzt, dass sich auch in vergleichsweise 
gut erforschten Zeitabschnitten immer wieder neue 
Besonderheiten ergeben, die unser Bild der Geschichte 
ergaenzen oder korrigieren."

Sowohl in den Graebern selbst als auch in den 
Einfassungen fanden die Ausgraeber zahlreiche Objekte. 
Zu den haeufigsten gehoeren Keramikgefaeße, in denen den 
Toten wohl urspruenglich Speisen und Getraenke 
mitgegeben wurden. Metallgegenstaende aus dieser Zeit 
wurden bislang in Vreden nicht gefunden, aber die 
Forscher hoffen auf die weiteren Untersuchungen. Denn 
die Urnen wurden mit einem Gipsmantel umgeben und als 
Block geborgen. Im Labor graben die Restauratoren sie 
dann vorsichtig zu Ende aus. Ein ungewoehnlicher Fund 
ist bereits jetzt zu vermelden und gibt den Forschern 
Raetsel auf: eine unscheinbare Pfeilspitze aus 
Feuerstein. Allerdings war sie schon 9.000 bis 10.000 
Jahre alt, als sie in das Grab kam. Vielleicht war das 
Stueck bei der Feldarbeit gefunden und als Talisman 
getragen worden.

Auch die Ergebnisse naturwissenschaftlicher 
Untersuchungen verwundern manchmal die Fachleute. In 
einem Grab wurde eine Axt aus Felsgestein entdeckt. 
Die Anthropologen fanden heraus, das hier eine junge 
Frau im Alter von 16 bis 20 Jahren bestattet wurde. 
Normalerweise sind Werkzeuge wie diese Axt eher 
Beigaben in Maennergraebern. Bei der Axt war aber die 
Schneide schon abgebrochen als sie in das Grab 
gelangte. Das Reststueck wurde – wie Abnutzungsspuren 
an dem Stein verrieten – laengere Zeit als 
Stoeßel verwendet. Stoeßel wiederum werden meistens in 
der Nahrungszubereitung benutzt. Und da die ja 
bekanntlich "Frauensache" war, koennte das die 
Erklaerung sein, warum hier eine Axt in einem 
Frauengrab lag.


INFO

"Von Anfang an – Archaeologie in Nordrhein-Westfalen"
23. September 2005 bis 05. Februar 2006
Westfaelisches Museum fuer Archaeologie in Herne, 
Europaplatz 1
Dienstag, Mittwoch, Freitag 9 bis 17 Uhr
Donnerstag 9 bis 19 Uhr
Samstag, Sonntag 11 bis 18 Uhr