[WestG] [LIT] Eggert, H. U.: Das Wilhelm-Hittorf-Gymnasium Muenster im NS-Staat und in der Nachkriegszeit
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Don Aug 25 10:11:54 CEST 2005
Von: "Pressestelle der Stadt Münster", <info at presse-service.de>
Datum: 24.08.2005, 13:45
LITERATUR
Hittorf-Gymnasium: Schulgeschichte als Spiegel der Zeitgeschichte
Stadtarchiv legt Studie von Dr. Heinz-Ulrich Eggert in der Reihe
"Quellen und Forschungen" vor
Schulgeschichte als Spiegel der Zeitgeschichte: Diesen Aspekt
der Schulwirklichkeit zeigt beispielhaft eine Untersuchung von
Dr. Heinz-Ulrich Eggert zur Entwicklung von zwei Oberschulen
in Münster. Die erste wurde 1938 unter den Bedingungen der
NS-Herrschaft gegründet und ist 1945 untergegangen. Nach
Kriegsende folgte 1946 eine Neugründung, aus der sich später
das heutige Wilhelm-Hittorf-Gymnasium entwickelte. Der Autor,
selbst Studiendirektor am Hittorf-Gymnasium, hat dazu eine
aufschlussreiche, detaillierte Arbeit vorgelegt. Sie ist unter
dem Titel "Schul-Zeit 1938 bis 1949. Zur Vorgeschichte des
Wilhelm-Hittorf-Gymnasiums Münster im NS-Staat und in der
Nachkriegszeit" im Aschendorff-Verlag erschienen
(528 Seiten, 39 Abbildungen, 67 Euro).
Heinz-Ulrich Eggert stellt auf der mikrohistorischen Ebene die
Geschichte zweier münsterscher Oberschulen dar. Er hat die
miteinander verknüpfte Geschichte dieser Schulen - einer Schule
des NS-Regimes und des totalen Krieges sowie einer Schule der
Besatzungszeit und des demokratischen Neubeginns - so
aufgearbeitet, dass die jeweilige Schulwirklichkeit in vielen
Einzelheiten sichtbar wird. Fallstudien, insbesondere zu Lehrkräften
und Schülern, ermöglichen den Blick auf das Profil der beiden
Schulen in ihrer Zeit.
Damit zeigt die Publikation den Schulalltag an der Wasserturmschule
und im Nachkriegsprovisorium in Sendenhorst in allen wesentlichen
Facetten. Sie ist eine wichtige Ergänzung zu den vorhandenen
historischen Forschungen zur Schulgeschichte und zur Kriegs- und
Nachkriegsgeschichte in Münster und darüber hinaus - womit es für
für das Stadtarchiv Münster nahe lag, die Untersuchung als Band 22
in seine Reihe "Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt
Münster" aufzunehmen.
Was der NS-Staat von "seinem" Gymnasium erwartete
Die am 10. Juni 1938 eröffnete Oberschule für Jungen am Wasserturm
war die erste und einzige Neugründung eines Gymnasiums in Münster
durch die Nationalsozialisten. Die Eröffnungsfeier nutzten die
Nationalsozialisten, insbesondere Oberbürgermeister Hillebrand,
um unmissverständlich die Erwartungen der Partei deutlich zu machen.
Er forderte von Kollegium und Schulleitung uneingeschränkte Loyalität
zum nationalsozialistischen Staat und die Bereitschaft zur Mitarbeit an
der Neugestaltung des Schulwesens.
Keine sieben Jahre hatte diese Schule Bestand, und höchstens das
erste Jahr kann als "Normaljahr" bezeichnet werden. Dann griffen die
Erfordernisse der Kriegsmaschinerie rücksichtslos in den Schulalltag ein.
Immer kleiner wurden die Klassen. Immer mehr Jungen wurden der
Schule entzogen - als Soldaten, als Flakhelfer in Geschützstellungen in
der Umgebung, vom Reichsarbeitsdienst, der HJ oder der
Kinderlandverschickung für Jungen von zehn bis 14 Jahren. An
geregelten Schulbetrieb war seit Kriegsbeginn auch deshalb nicht
mehr zu denken, weil Lehrer zum Militärdienst eingezogen wurden
(oder sich freiwillig meldeten) und mit fortschreitendem Kriegsverlauf
die Bombenangriffe einen Schulalltag unmöglich machten.
Bombenangriff und "Auffangschule" in Sendenhorst
Mit einem Trick versuchte man im Sommer 1940 Bombenabwürfe auf
die Schule zu verhindern. Der an das Schulgelände angrenzende
Wasserturm erhielt einen provisorischen Anbau. Hölzerne Pfosten,
mit grauem Sackleinen bespannt, sollten den alliierten Piloten den
Einruck vermitteln, dass es sich bei dem gesamten Komplex um eine
Kirche handelte.
Wahrscheinlich hofften die Initiatoren, dass die Bomberpiloten sowohl
den Wasserturm als auch die als "Barackenlager" besonders gefährdeten
Holzhäuser der Wasserturmschule verschonen würden. Aber am
22. Januar 1942, abends um 22 Uhr, wurde die Schule erstmals direkt
getroffen. Den Schlussstrich unter die kurze Geschichte der Oberschule
für Jungen am Wasserturm zog ein Bombenangriff am 12. September
1944, als kurz nach 18 Uhr alle Holzhäuser der Schule bis auf die
Fundamente abbrannten.
Eine Art Auffangschule bildete die "Kriegs-Oberschule" in Sendenhorst,
in der es nach dem Ende des Krieges zu einem zögerlichen und mit allen
Schwierigkeiten der re-education verbundenen Neuanfang kam. Im
Gegensatz zu anderen Auffangschulen verschwand diese während
der Kriegszeit improvisierte Schule mit dem Einmarsch der alliierten
Truppen nicht in der Trümmermasse des NS-Staates. Sie blieb Schule
im Wartestand, auf die sich die Hoffnungen von Eltern und Schülern
für die Zeit nach dem Ende des Unterrichtsverbots richteten.
Schließlich wurde die Sendenhorster Ausweichschule sogar zur ersten
münsterschen Oberschule, die nach dem Krieg den Unterrichtsbetrieb
aufnahm. Am 18. Januar 1946 fand die feierliche Eröffnung der
"Münsterschen Ausweich-Oberschule für Jungen und Mädchen" in
Sendenhorst statt und damit das Ende der "längsten Ferien", die die
Schülerinnen und Schüler je gehabt hatten.
Nach 22 Jahren zurück an den Wasserturm
Mehr als drei Jahre hatte die neue koedukative Schule Bestand,
bevor es zurück in die Stadt ging. Erste Unterkunft bot hier die
Johannis-Schule an der Vogel-von-Falkenstein-Straße. Mit Beginn
des Schuljahres 1949/50 normalisierte sich das Schulleben. Im
Dezember benannte der Rat die Schule nach dem münsterschen
Physiker Wilhelm Hittorf. 1960 konnte schließlich ein eigener
Neubau beim Wasserturm bezogen werden. Damit war die Schule
nach mehr als 22 Jahren einer in sich zerrissenen Schulgeschichte
mit immer neuen Provisorien im Schatten von Nationalsozialismus,
Krieg und Nachkriegszeit wieder am Wasserturm angelangt.
Der Autor Dr. Heinz-Ulrich Eggert ist Studiendirektor am
Wilhelm-Hittorf-Gymnasium, wo er seit 1977 unterrichtet. Von
Beginn an hat er sich als Tutor beim Geschichtswettbewerb des
Bundespräsidenten mit großem Erfolg engagiert. Mehrfach gewann
er mit seinen Schülerinnen und Schülern den Preis des
Bundespräsidenten für die bundesweit erfolgreichste teilnehmende
Schule. Seit 1993 hat er einen Lehrauftrag an der Westfälischen
Wilhelms-Universität. 2004 erhielt er den Freya-Stephan-Kühn-Preis
des Landesverbandes nordrhein-westfälischer Geschichtslehrer für
besondere Verdienste um die Vermittlung von Geschichte.
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