[WestG] [AUS] Landesausstellung zeigt "Von Anfang an - Archaeologie in NRW, Herne, 23.09.2005-05.02.2006

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Don Aug 25 10:28:50 CEST 2005


Von: "LWL-Pressestelle", <presse at lwl.org>
Datum: 23.08.2005, 14:09


AUSSTELLUNG

Fränkische Familie mit "heißem Draht" zu den Sachsen? - Aktuelle 
archäologische Funde ab September in der Landesausstellung in Herne

Alle fünf Jahre präsentieren die Fossilienforscher und 
Archäologen in Nordrhein-Westfalen ihre aktuellen Forschungsergebnisse 
und die wichtigsten Funde der Öffentlichkeit. In der Landesausstellung "Von 
Anfang an - Archäologie in Nordrhein-Westfalen" zeigt das Westfälische 
Museum für Archäologie in Herne ab dem 23. September über 35.000 
Objekte aus 320 Millionen Jahren. Zu sehen sind Exponate vom weltweit 
größten Saurier-Friedhof im Sauerland bis hin zum Münzschatz aus einem 
Kriegsgefangenenlager des 1. Weltkriegs, monumentale römische 
Götterstatuen aus dem Rheinland und die älteste Zahnbürste Europas aus 
einem ehemaligen Hospital in Minden. Einige der wichtigsten Exponate stellt 
der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) als Träger des Museums in 
einer Serie vor.

Südlich des Hellwegs, der alten West-Ost-Verkehrsverbindung, haben 
Archäologen in Dortmund-Asseln zwei Friedhöfe mit jeweils etwa 30 Gräbern 
entdeckt. Hier wurden seit der späten römischen Kaiserzeit (4. Jahrhundert 
n. Chr.) bis in das frühe Mittelalter (7. Jahrhundert n. Chr.) kontinuierlich 
Tote bestattet. Die Stadtarchäologie Dortmund des Westfälischen Museums 
für Archäologie hatte in den vergangenen zwei Jahren die Gelegenheit 
zahlreiche dieser Gräber zu untersuchen. 

Dabei entdeckten die Archäologen auch ein Grab aus einer Zeitstufe, die 
bisher in Westfalen nur sehr selten belegt ist: eine 
völkerwanderungszeitliche Bestattung aus dem 5. Jahrhundert n. Chr. Es 
war das einzige Körpergrab auf diesem Friedhof, da die anderen Toten 
verbrannt worden waren. In dem Grab wurden zwei Armbrustfibeln 
(Anstecknadeln), eine Halskette aus Glasperlen, ein verziertes 
Bronzearmband und ein gläserner Spitzbecher mit einer Auflage aus roten 
Glasfäden gefunden. Die Knochen waren nicht mehr erhalten, weshalb die 
Wissenschaftler nicht sagen können, wer hier bestattet worden war. Die 
anderen Gräber auf diesem Friedhofsareal stammen aus dem Zeitraum von 
der späten römischen Kaiserzeit bis in die Völkerwanderungszeit hinein (4. 
Jahrhundert v. Chr. bis 6. Jahrhundert n. Chr.). Es schloss sich direkt südlich 
an den Hellweg - die bedeutende von Ost nach West verlaufende 
Verkehrsverbindung - an.

Spannende Ergebnisse lieferte auch die Untersuchung des zweiten 
Friedhofes, der nur 500 Meter süd-östlich des ersten lag. Hier wurden schon 
1999 drei Gräber aus dem 6. und 7. Jahrhundert n. Chr. entdeckt. In ihnen 
waren zwei reich ausgestattete Krieger und ein Kind bestattet worden. Erst 
ab 2004 konnten die Archäologen auch die benachbarten Bestattungen 
untersuchen. Und tatsächlich kamen direkt neben den Kriegern 30 weitere 
Gräber zum Vorschein. Auch wenn sich hier ebenfalls nur wenige Knochen 
von den Skeletten erhalten haben, ließ sich doch erkennen, dass die 
Grabgruben in West-Ost-Richtung orientiert waren. Damit zeigen sich hier 
bereits die Einflüsse der Christianisierung. 

Das herausragendste Grab dieser neu entdeckten Gruppe ist die Bestattung 
einer zierlichen, erwachsenen Frau. Sie lag in einem Holzsarg in einer 
besonders großen Grabgrube und hatte zahlreiche Beigaben für das Jenseits 
mit in das Grab bekommen: eine bronzene Nadel für das Haar sowie etwa 
200 Perlen von einer Halskette und als Besatz von einem Gürtel. An diesem 
Gürtel war zusätzlich ein reiches Ziergehänge befestigt. Etwas befremdlich 
mutet ein bearbeiteter Feuerstein an, der der Toten in den Mund gelegt 
worden war. Außerdem waren in dem Grab eine Spinnwirtel, ein 
Keramikgefäß und Knochen, die von einer Fleischbeigabe für das Jenseits 
zeugen. Das herausragendste Fundstück ist jedoch eine fast fünf Zentimeter 
große Scheibenfibel. Sie besteht aus Silber, das vergoldet wurde und ist mit 
roten Halbedelsteinen und weißem Glasfluss verziert. Diese Scheibenfibel 
hielt den Umhang der Frau unter dem Kinn zusammen.

In einem weiteren Grab aus dieser Gruppe ist ein Jugendlicher in einem 
Baumsarg bestattet worden. Auf seiner Brust befand sich eine Ledertasche 
mit einem Feuerzeug und neben ihm eine Lanze. An seiner Seite wurde ein 
junges Mädchen bestattet, das Ketten aus Glasperlen und Bernstein trug. 
Ihre Angehörigen hatten dem Mädchen ebenfalls ein Keramikgefäß und 
außerdem die Reste eines Kammes mitgegeben.

Eine Überraschung bot eine nur etwa einen Meter mal 65 Zentimeter große 
Grabgrube: Zwar fanden die Archäologen keine Knochen, aber sie gehen 
davon aus, dass hier ein Kleinkind bestattet worden war. Die Verfärbungen 
im Boden ließen die Wissenschaftler erkennen, dass das Kind in einem 
Wiegenkorb beerdigt wurde. Auch in diesem Grab fanden sich 44 Glasperlen 
die von einer Kette stammen und ein Anhänger aus Glas der im Bereich der 
Beine lag. War dieser Anhänger ein Amulett?

Alle Gräber dieses kleinen Friedhofes scheinen aufeinander bezogen zu sein. 
Vielleicht waren die Bestatteten die Mitglieder einer Familie die innerhalb 
von wenigen Generationen gestorben sind. Die Beigaben in diesen Gräbern 
sind allesamt typisch fränkisch, obwohl die Bestattungen auf dem Gebiet der 
Sachsen lagen. Die LWL-Forscher meinen, dass vieles dafür spricht, in dieser 
Gruppe eine wohlhabende Familie zu sehen, die dem fränkischen Reich eng 
verbunden war. Ob durch ihre Herkunft oder durch Heirats- oder 
Handelsbeziehungen bleibt dagegen Spekulation.

Auch ein Pferde- und ein Hundegrab fanden sich auf diesem Friedhof dessen 
Grenzen die Archäologen noch nicht erreicht haben. Das Pferd ist gesattelt 
in die Erde gekommen. Vor ihm wurden Zaumzeug und eine Glocke 
niedergelegt. Was diese Beigaben zu bedeuten haben ist ebenso rätselhaft 
wie die Frage, was sich noch in der Erde verbirgt. Klarheit werden vielleicht 
die kommenden Untersuchungen bringen. 

Die wertvollen Fibeln und die Keramik aus den Gräbern sind in der 
Landesausstellung ab dem 23. September in Herne zu sehen. Viele von 
ihnen werden hier das erste Mal der Öffentlichkeit gezeigt. Sie kommen 
ganz frisch aus den Restaurierungswerkstätten, weshalb sie auch in Köln 
noch nicht präsentiert werden konnten.
Die beiden Friedhöfe von Dortmund-Asseln gehören auch zu den Themen, 
die in dem Lehrer-Schüler-Heft behandelt werden, das zu der Ausstellung 
erschienen ist. Farbige Abbildungen und Hintergrundinformationen erklären 
hier die Zusammenhänge. Mit den Schülerblättern zum jeweiligen Thema 
können die Kinder direkt in der Ausstellung arbeiten. So werden sie zum 
einen an die Geschichte herangeführt und erfahren zum anderen auch etwas 
über die Arbeitsweisen der Archäologen. Dieses Heft ist zum Preis von vier 
Euro erhältlich.


INFO

"Von Anfang an - Archäologie in Nordrhein-Westfalen"
23. September 2005 bis 05. Februar 2006
Westfälisches Museum für Archäologie in Herne
Europaplatz 1
Dienstag, Mittwoch, Freitag 9 bis 17 Uhr
Donnerstag 9 bis 19 Uhr
Samstag, Sonntag 11 bis 18 Uhr
www.landesmuseum-herne.de