[WestG] [LIT] Silke Butke/Astrid Kleine: Geburtshilfe und
Saeuglingsfuersorge
Marcus Weidner
Marcus.Weidner at lwl.org
Die Sep 14 14:33:44 CEST 2004
Von: "Thomas Küster", <thomas.kuester at lwl.org>
Datum: 14.09.2004, 14:33
LITERATUR
"Der Kampf für den gesunden Nachwuchs"
Neues Buch des LWL untersucht die Anfänge medizinischer Geburtshilfe und
Säuglingsfürsorge in Bochum, Dortmund und Münster
Von der "Rohheit der Hebammen", von Kurpfuscherei und den Gefahren der
Empfängnisverhütung war die Rede, wenn um 1900 die alarmierend hohe
Säuglings- und Wöchnerinnensterblichkeit im Deutschen Reich beklagt und
auf Abhilfe gesonnen wurde. Mit starken Worten setzten sich Ärzte und
Sozialpolitikerinnen dafür ein, den Geburtenrückgang und die
Säuglingssterblichkeit zu vermindern. Die Gründe, warum das einst
als schicksalhaft hingenommene Phänomen der Säuglingssterblichkeit
nun als Problem eingestuft wurde, waren vielfältiger Natur: Neben der
allgemeinen Weiterentwicklung der Medizin und Hygiene sowie den Bestrebungen
von Kommunen und Vereinen, die Gesundheit der Stadtbevölkerung zu verbessern,
war es auch die Furcht, dass Deutschlands Stärke mit dem mangelnden Nachwuchs
schrumpfen könnte.
Eng verwoben mit den Maßnahmen der Säuglingsfürsorge waren die im letzten
Drittel des 19. Jahrhunderts einsetzenden Versuche, das Hebammenwesen
zu reformieren. Um den neuen Anforderungen der verbesserten Geburtshilfe
zu genügen, sollten die Ausbildung optimiert, das Fachwissen der Geburtshelferinnen
vergrößert und gebildete junge Frauen für den Beruf interessiert werden.
Verschiedene Probleme, wie etwa die unzureichende Entlohnung der Frauen
sowie die Reglementierung durch die Behörden, beeinträchtigten allerdings
die Arbeit der Hebammen, die ihrerseits begannen, ihre Rechte zu vertreten.
Silke Butke und Astrid Kleine skizzieren in einem neuen Buch, das soeben in der
Reihe "Forum Regionalgeschichte" des LWL-Instituts für Regionalgeschichte im
Ardey-Verlag (Münster) erschienen ist, nicht nur die allgemeine Entwicklung und
Ausweitung der Gesundheitsfürsorge an der Wende zum 20. Jahrhundert; sie
berücksichtigen auch die demographische Entwicklung, den Ausbau der medizinischen
Infrastruktur und die bevölkerungspolitischen Debatten jener Zeit. Am Beispiel des
Landkreises Bochum beleuchten die Autorinnen die Entwicklung des Hebammenwesens
und den Wandel der Geburtshilfe unter dem Einfluss des medizinischen Fortschritts. Für
Münster und Dortmund können sie außerdem zeigen, mit welchen zusätzlichen
Anforderungen die - sich noch in ihren Anfängen befindende - Säuglingsfürsorge
während des Ersten Weltkrieges konfrontiert wurde.
Die beiden Autorinnen machen auch deutlich, dass aus dem damaligen individuell-
medizinischen innerhalb von hundert Jahren ein allgemein-demographisches Problem
geworden ist, mit dem sich heute ganz andere Erwartungen verknüpfen als zur Zeit
des Kaiserreichs. Insgesamt ziehen sie für die im ausgehenden 19. Jahrhundert
begonnene Reform des Hebammenwesens und der Säuglingsfürsorge in Westfalen
eine positive Bilanz: Die Sterblichkeit unter den Neugeborenen verringerte sich zwischen
1900 und 1920 von 25 auf 10 Prozent.
INFO
Silke Butke/Astrid Kleine:
Der Kampf für den gesunden Nachwuchs. Geburtshilfe und Säuglingsfürsorge im
Deutschen Kaiserreich (= Forum Regionalgeschichte 11)
224 S., brosch., € 12,90
Ardey-Verlag, Münster 2004
ISBN 3-87023-210-2