[WestG] [LIT] Jansen: Briefe zur Revolution 1848/49
Marcus Weidner
Marcus.Weidner at lwl.org
Die Sep 14 13:42:58 CEST 2004
Von: "Josef König" <josef.koenig at presse.ruhr-uni-bochum.de>
Datum: 14.09.2004, 13:13
LITERATUR
Heimlich unterwegs zum Nationalstaat
Deutschland nach der Revolution 1848/49
RUB-Historiker veröffentlicht über 400 Briefe
Die gängige Überzeugung, dass die Gründung des Deutschen Reichs das
alleinige Verdienst Bismarcks war, entlarvt Prof. Dr. Christian Jansen als
Mythos: Er sammelte über 400 teils bisher übersehene oder nicht
systematisch ausgewertete Briefe von Liberalen und Demokraten aus den zwölf
Jahren nach der gescheiterten Revolution von 1848/49, die den Nationalstaat
zum Ziel gehabt hatte. An der Korrespondenz wird deutlich, wie stark die
bürgerliche Linke an der Modernisierung Deutschlands beteiligt war. Ohne
die Revolution hätte es keine Reichsgründung gegeben, so das Fazit seines
Buches "Nach der Revolution 1848/49: Verfolgung, Realpolitik,
Nationsbildung", das jetzt im Droste-Verlag erschienen ist.
Mythos vom Reichsgründer dekonstruiert
Nachdem die Revolution von 1848/49 niedergeschlagen worden war und sich die
Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche, die aus dem in viele
Staaten zersplitterten Deutschland eine Nation machen wollte, nach kurzer
Zeit wieder aufgelöst hatte, scheint die Idee des Nationalstaats und der
politischen Partizipation der Bürger weitgehend auf Eis gelegen zu haben.
Erst dem Preußen Otto von Bismarck gelang die Vereinigung der deutschen
Staaten nach seinen Kriegen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich. Doch
die Reichsgründung kam nicht von ungefähr: Die Akteure der Revolution waren
auch nach ihrem Scheitern weiter aktiv. Ob im Deutschen Bund geblieben oder
ins Exil getrieben, beteiligten sie sich weiterhin am politischen
Geschehen, entwickelten Szenarien und Strategien, die Ziele der Revolution
doch noch zu verwirklichen.
Schriftliche Debatte umging die Zensur
Da sie ihre Debatten nicht öffentlich austragen konnten, tauschte man sich
vornehmlich in Briefen aus, häufig auch in Andeutungen, um der Zensur zu
entgehen. Nachzulesen ist das in den über 400 Briefen, die Prof. Jansen aus
den Nachlässen der "48er" zusammengestellt hat. Nicht nur politische
Inhalte hat er berücksichtigt, sondern auch private Äußerungen, die oft ein
Licht auf die Weltsicht und das Selbstverständnis der Autoren werfen. Die
Dokumente werden durch die Edition größtenteils erstmals zugänglich und
wurden vom heutigen Forschungsstand aus kommentiert.
Prominente Briefschreiber
Vertreten sind in diesem Band mit teilweise zahlreichen Briefen die
Historiker und Politiker Gervinus, Baumgarten, Duncker oder Biedermann, die
emigrierten Demokraten Moritz Hartmann, Carl Mayer, Carl Vogt, Gottfried
Kinkel oder Julius Fröbel, wichtige liberale Politiker des Kaiserreichs wie
der "rote Becker", Schulze-Delitzsch, Löwe-Calbe, Bamberger, v. Miquel,
Schriftsteller und Gelehrte wie Gustav Freytag, Theodor Mommsen, Arnold
Ruge, die wichtigsten Männer des Deutschen Nationalvereins, Sozialisten wie
Lassalle und - last, but not least - bedeutende Frauen wie Fanny Lewald
oder Philippine Levysohn.
INFO
Jansen, Christian: Nach der Revolution 1848/49: Verfolgung, Realpolitik,
Nationsbildung. Politische Briefe deutscher Liberaler und Demokraten
1849-1861. Droste Verlag Düsseldorf, 2004.
Prof. Dr. Christian Jansen, Fakultät für Geschichtswissenschaft der
Ruhr-Universität Bochum, 44780 Bochum, GA 4/149, Tel. 0234/32-25026, Fax:
0234/32-14414, E-Mail: christian.jansen-2 at rub.de