[WestG] [AKT] RUB-Forscher untersuchen "spaete Konfessionalisierung" der Deutschen

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mit Mai 19 12:44:07 CEST 2004


Von: "Josef König", josef.koenig at presse.ruhr-uni-bochum.de
Datum: 19.05.05, 11:20


AKTUELL

Den Konflikt ins rechte Licht rücken
Konfessionspolitik in Deutschland zwischen 1800 und 1970
RUB-Forscher untersuchen "späte Konfessionalisierung" der Deutschen 

Mit Luther begannen die Konflikte der Konfessionen in Deutschland und zogen
sich über zwei Jahrhunderte als Epoche der "Religionskriege" hin - meint
man. Dass dem nicht so ist, ergründen Forscher der Ruhr-Universität Bochum
nun in ihrem Projekt "Konfessionspolitik in Deutschland 1800 - 1970", das
am 1. Juni 2004 startet und zwei Jahre lang von der Fritz-Thyssen-Stiftung
finanziert wird. "Die Rede vom "konfessionellen Zeitalter Deutschlands" in
ihrer üblichen Anwendung auf das 16. und 17. Jahrhundert ist ein
"Anachronismus", sagt Projektleiter Prof. Dr. Lucian Hölscher, Lehrstuhl für
Neuere Geschichte und Theorie der Geschichte (Fakultät für
Geschichtswissenschaft der RUB). Die Thyssen-Stiftung fördert das
Forschungsprojekt mit insgesamt 37.000 Euro.

Konflikte im Wandel der Zeit

Geht es um Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten, so
ist die Epoche der Religionskriege im 16. und 17. Jahrhundert bestens
erforscht. Die Bochumer Historiker um Prof. Hölscher wollen hingegen
zeigen, dass die eigentliche Konfessionalisierung in Deutschland erst
später - im 19. und 20. Jahrhundert - auftrat. Die spezifischen Züge und
Verlaufsformen dieser Zeit herauszuarbeiten, ist Ziel des Projekts. "Der
Begriff "Konfession" bezeichnet das kirchen- und religionspolitische
Konfliktfeld", so Hölscher. "Im 19. und 20. Jahrhundert weist es keine
klaren Grundstrukturen auf, sondern ist einen starken Wandel unterworfen.
Die Umrisse dieses Wandels zeichnen wir nun nach."

Die Sprache gibt den Ausschlag

Ansatzpunkt der Forscher ist eine Analyse der "Sprachpragmatik" vergangener
Konfliktlagen und Entscheidungssituationen: Welcher Sprache bedienten sich
die Akteure, um ihre religiös geprägten Konflikte auszutragen? Beispielhaft
- aber sehr detailliert - untersuchen die RUB-Wissenschaftler sieben
verschiedene Konfliktfelder aus dem Zeitraum 1800 bis 1970: etwa die
Verfassungsdiskussionen in den deutschen Einzelstaaten um die rechtliche
Stellung der Kirchen (1800 - 1820), die Debatten um die
(Volks-)Schulpolitik, kirchliche Schulaufsicht und den Religionsunterricht
(1820 - 1970), "wegweisende parlamentarische Debatten im Reichstag und im
preußischen Abgeordnetenhaus" (1860 - 1900), die Debatte um die
Kirchenaustrittsbewegung und die Feuerbestattung (1900 - 1914) oder die
nationalsozialistische Kirchen- und Schulpolitik (1925 - 1940).

Die Konfession: ein Begriff aus dem 19. Jahrhundert

"Schon die Bezeichnung der Phase 1525 - 1648 als 'erstes konfessionelles
Zeitalter' erscheint unter begriffsgeschichtlicher Perspektive als ein
politisch motivierter Anachronismus: Denn er überträgt einen Begriff, der
erst im 19. Jahrhundert seine politisch-soziale Prägung und Aussagekraft
gewann, auf ein religionspolitisch völlig anders strukturiertes
Jahrhundert", sagt Lucian Hölscher. Die Lutherische, Reformierte und
Päpstliche (römisch-katholische) Religion unterschieden sich in der frühen
Neuzeit nicht als "Konfessionen" - als formal gleichberechtigte Varianten -
voneinander, sondern teils als "alte" und "neue", teils als "wahre" und
"falsche" Form der einen christlichen Religion. Die Bochumer Forscher
wollen hingegen zeigen, dass der Begriff eines "konfessionellen Zeitalters"
nur auf den politischen Nationalstaat zutrifft, wie er erst zu Beginn des
19. Jahrhunderts entstand. 


INFO

Prof. Dr. Lucian Hölscher
Lehrstuhl für Neuere Geschichte und Theorie der Geschichte
Fakultät für Geschichtswissenschaft der RUB, GA 6/51
Tel. 0234/32-28691
E-Mail: lucian.hoelscher at rub.de