[WestG] [AKT] ULB Muenster verwahrt den Nachlass von Bettina Schinas, geb. von Savigny (1805-1835)

Rita Börste rita.boerste at lwl.org
Die Jun 8 16:15:51 CEST 2004


Von:<pressestelle at uni-muenster.de>
Datum: 08.06.2004, 14:26


AKTUELL

Großer Mut
Universitäts- und Landesbibliothek bewahrt den Nachlass von Bettina
Schinas, geborene von Savigny

Ernst schaut sie, ihre tief liegenden Augen von keinem Lächeln
erhellt. Schmuck und Schleier geben ihr etwas Fernöstliches. Als
Referenz an ihre neue Heimat trägt sie ihren Schal nach Art der
Griechinnen um den Kopf geschlungen. Als Karl Wilhelm Wach das Bild
1834 wenige Wochen vor ihrer Hochzeit malt, hat Bettina von Savigny
gerade noch ein Jahr zu leben. Ein Jahr, in dem sie ihren Mann nach
Griechenland begleitet und aus dem zahlreiche Briefe an ihre Familie
überliefert sind. Heute sind sie Teil der Sammlung der
Universitäts- und Landesbibliothek und geben Auskunft von dem Leben
in einem Griechenland, das politisch und kulturell zerrissen war. Dr.
Ruth Steffen, 26 Jahre lang Leiterin der Handschriftenabteilung der
ULB, hat ihre Briefe und Tagebuchaufzeichnungen in einem opulenten
Band herausgegeben.

Bettina von Savigny war die einzige Tochter des Rechtswissenschaftlers
Friedrich Carl von Savigny, in dessen Bekannten- und Verwandtenkreis
sich so bekannte Namen wie Clemens Brentano, Ludwig Tieck, Karl
Friedrich Schinkel, Leopold von Ranke und die Brüder Humboldt
finden, die regelmäßig in seinem Haus in Berlin verkehrten.
Bettina wurde 1805 in einen Haushalt hineingeboren, in dem Bildung und
Wissen auch für ein Mädchen selbstverständlich waren. Ihre
Eltern förderten das intelligente und vielseitig interessierte
Mädchen, die mit 15 Jahren Livius las und offensichtlich in Aussehen
und Charakter vor allem nach dem Vater kam. Wie die seine war auch
ihre Gesundheit nie stabil, sie kränkelte oft und litt unter Kopf-
und Zahnweh.

Mit 19 Jahren lernte sie ihren späteren Mann Konstantinos Dimitrios
Schinas in Berlin kennen, wo er die Vorlesungen ihres Vaters besuchte.
Schinas stammte aus einer angesehenen griechischen Familie, der 1821
mit dem Beginn des griechischen Aufstandes vor den Türken hatte
fliehen müssen. Im Hause Savignys wurde er fast wie ein
Familienmitglied aufgenommen. Sehr bald verliebten sich beide
ineinander. Doch es sollte bis 1833 dauern, bis Schinas endlich die
Möglichkeit sah, in einem inzwischen befreiten Griechenland einer
Frau eine Zukunft zu geben. Am 9. Oktober heirateten die beiden in
Ancona, Bettina musste sich von ihrer geliebten Familie trennen, blieb
aber in regem brieflichen Kontakt.

Die nun einsetzenden Briefe und Tagebuchaufzeichnungen geben einen
ausgezeichneten Einblick in die griechischen Verhältnisse, so
Herausgeberin Steffen. Bettina berichtet über Volkscharakter und
Wesen der griechen, ihr Familienleben, ihre Lebensweise, ihre
Häuslichkeit, Wirtschaft, Sitten und Gebräuche. Zu Anfang bezog
das Paar ein Haus in Nauplia und wurde sofort zu einem geschätzten
und hoch geachteten Paar der griechischen Gesellschaft. Anfang April
1835 zogen die beiden in die Nähe von Athen um, was für Bettina
miserable hygienische Zustände, beengte Wohnverhältnisse und
geringeren gesellschaftlichen Verkehr als in Nauplia bedeutete. Im
Sommer litt Bettina sehr unter dem kalten, nassen Wetter. In der Stadt
kam eine Epidemie auf. Als die Hitze endlich kam, fühlte sich
Bettina wieder wohler. Noch in ihrem letzten Brief schreibt sie: "Mir
geht es so, dass ich nur dankbar sein kann." Schinas aber erkrankte,
Bettina pflegte ihn und steckte sich wohl an. Am 28. August starb sie,
tief betrauert von ihrem Mann und ihrer Familie.

Ihr Nachlass, wie auch der ihres Vaters, dessen privater Teil
ebenfalls in der ULB aufbewahrt wird, machen Privates öffentlich,
ganz im Sinne Bettinas, die um ihre Wirkung wusste: "Ich kann mir wohl
denken, wie meine Briefe für viele Menschen interessant sein
können." Der im Verlag Cay Lienau herausgegebene Band gibt nun die
Möglichkeit, sie nachzulesen.

Link: Nachlässe in der ULB
http://www.uni-muenster.de/ULB/sammlungen/handschriften/nachlaesse.html