[WestG]
[AUS] 25 Jahre Westf. Industriemuseum: Schaetze der Arbeit,
Dortmund, 20.06.-12.09.2004
Rita Börste
rita.boerste at lwl.org
Die Jun 8 14:13:33 CEST 2004
Von: "LWL-Pressestelle", <presse at lwl.org>
Datum: 08.06.2004, 12:58
AUSSTELLUNG
Gefahr am Hochofen: "Und plötzlich trete ich in das glühend heiße Eisen"
LWL zeigt zum Jubiläum seines Industriemuseums "Schätze der Arbeit"
Mit einer großen Ausstellung feiert der Landschaftsverband
Westfalen-Lippe (LWL) in diesem Jahr das 25-jährige Bestehen des Westfälischen
Industriemuseums. Mehr als 250.000 Objekte hat das Museum in dieser Zeit zusammengetragen -
ein Gedächtnis der Region: Die Objekte liefern einmalige Einblicke in die Arbeits- und
Alltagsgeschichte der Industrialisierung. Das Spektrum reicht vom Abortkübel bis zur
Dampflok, von der Glasmacherpfeife bis zum Henkelmann. Nur ein Bruchteil der Stücke ist
normalerweise in den Dauerausstellungen an den acht Standorten des Museums in Bocholt
(Kreis Borken), Bochum, Dortmund, Hattingen (Ennepe-Ruhr-Kreis), Lage (Kreis Lippe),
Petershagen (Kreis Minden-Lübbecke), Waltrop (Kreis Recklinghausen) und Witten
(Ennepe-Ruhr-Kreis) für die Öffentlichkeit zugänglich.
Zum Jubiläum packt das WIM sein Lager aus und zeigt ab dem 20. Juni
in der Zentrale auf der Zeche Zollern II/IV in Dortmund rund
500 "Schätze der Arbeit". In einer Serie stellt der LWL die originellsten, ältesten und
bedeutsamsten Exponate der Ausstellung vor. Die Unfall-Schuhe eines Hüttenarbeiters
Montagmittag in der Gießhalle der Henrichshütte. Es ist der 29. September 1980. Der junge
Hüttenarbeiter Hans-Peter Freise soll kurz vor Ende seiner Schicht einem Kollegen zur Hand
gehen und die Abdeckhauben an der Eisenrinne auswechseln. Die beiden Schmelzer benutzen
einen Kran, um die schwere Metallhaube hochzuheben. Sie arbeiten ganz dicht an der Rinne, in
der während des Abstichs das flüssige Eisen mit mehr als 1.000 Grad Celsius durch die Halle
fließt. Für die Reparaturar-beiten nutzen die Männer eine Pause. Plötzlich beginnt die
Kette am Kran wild zu schlingern, die Haube kracht zu Boden.
Der erst 17-jährige Hüttenarbeiter erschrickt. Er springt zur Seite und tritt dabei in eine Pfütze glühend
heißen Eisens, die noch in der Rinne steht. Weil sie mit Koksasche bedeckt war, hatte Freise
sie nicht gesehen. Vor lauter Schreck setzt er auch noch den zweiten Fuß hinein. Entsetzt
schaut Hans-Peter an sich herunter, auf seine Schuhe, die inmitten der glühenden Lache
stehen. Nach einem Augenblick hat er sich gefasst, hebt seine Füße aus der Rinne, läuft weg.
Als er sich die Schuhe auszieht, sind seine Füße verbrannt. Und das bei Schuhen, die eigens für
die Arbeitsbedingungen im Hüttenwerk hergestellt worden sind. Doch sie haben versagt. Der
Krankenwagen brachte den jungen Schmelzer ins Krankenhaus "Bergmannsheil" nach Bochum.
Die Haut an den Füßen war aufgeplatzt. Fünf Transplantationen musste der
Hüttenfacharbeiter über sich ergehen lassen, erst dann konnte er wieder laufen.
"Heute ist alles in Ordnung. Nur drei Zehen kann ich nicht mehr richtig bewegen", erzählt
Hans-Peter Freise, fast so, als hätte ihn dieser Unfall nicht seine Füße kosten können. Nach seiner
Genesung kehrte Freise nicht zurück in die Gießhalle, sondern ließ sich in die Möllerung
versetzen. Dort bereitete er die Rohstoffe für den Hochofen vor. Der Unfall hatte für alle
Arbeiter Folgen: An den Hattinger Hochöfen durften die Schmelzer keine halbhohen
Schnürschuhe mehr tragen, sondern nur noch Stiefel. Die alten Schuhe erzählen das Schicksal
eines jungen Mannes, der kurz vorher die Prüfung zum Hüttenfacharbeiter abgelegt hatte. Und
sie zeigen, welchen Risiken alle Arbeiter in den Hüttenwerken ausgesetzt waren. Angesichts
der überwältigenden Gefahr am Hochofen kann Leichtsinn tödlich, können Details
lebenswichtig sein. Und das nicht nur in den rauen, menschenverachtenden Zeiten der
Industrialisierung, sondern im modernen 20. Jahrhundert. Das Exponat "Ich hatte einen
Unfall..." ist eines von vielen Objekten aus der Alltagswelt der Industriearbeiter. Das
LWL-Industriemuseum stellt dabei das Schicksal einzelner Menschen in den Mittelpunkt.
INFO
Schätze der Arbeit
25 Jahre Westfälisches Industriemuseum
20. Juni bis 12. September 2004
Eröffnung 20. Juni, 11 Uhr
Zeche Zollern II/IV
Grubenweg 5
Dortmund-Bövinghausen
Geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr