[WestG] [LIT] Hoegl/Bohrisch: Fritz Henssler (1886-1953)

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Mon Jan 12 11:47:02 CET 2004


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Datum: 12.01.2004, 10:15

LITERATUR

Günther Högl und Hans-Wilhelm Bohrisch (Hg.): "Die Person ganz weit hinter
der Sache" - Fritz Henßler (1886-1953). Sozialdemokrat, Reichstagsabgeordneter 
und Dortmunder Oberbürgermeister, 
Veröffentlichungen des Stadtarchivs Dortmund 13, Kartext Verlag, 
Essen 2003, 318 S., 19,90 Euro, ISBN 3-88474-472-0

Fritz Henßler wurde am 12. April 1886 in Altensteig, einem kleinen
Städtchen im württembergischen Schwarzwald, geboren. Nach dem Besuch der
evangelischen Volksschule in Altensteig erlernte er das Handwerk eines
Buchdruckers und Schriftsetzers. Schon früh interessierte er sich für die
sozialdemokratische Bewegung, die während der Jahre 1878 - 1890 durch
Bismarcks Sozialistengesetz verboten war, später vom bürgerlichen
Mittelstand als "Vaterlandslose Gesellen" verpönt war. Henßler war aber der
Überzeugung, "die kämpfen für das Recht des Arbeiters". Fritz Henßler hat
sehr viel gelesen, was für Buchdrucker und Schriftsetzer nicht ungewöhnlich
war. Bisherigen Forschungsergebnissen zufolge, ist es kein Zufall, daß
insbesondere Buchdrucker und Schriftsetzer in der Gründerphase der
Arbeiterbewegung führende Positionen einnahmen und auch später in der
ersten Hälfte unseres Jahrhunderts zur Elite der sozialdemokratischen
Führungsschicht gezählt haben. Viele ehemalige Schriftsetzer kamen über
ihren ursprünglichen Beruf als Redakteure zu SPD-Organen und stiegen von
dort als Funktionsträger der Partei in übergeordnete parlamentarische
Gremien auf. Somit ist Henßlers Lebenslauf in mancher Hinsicht beispielhaft
für den Lebensweg eines Sozialdemokraten, der in der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts aus eigener Kraft in führende Positionen aufgestiegen ist.

Wie damals noch üblich, begab sich Henßler nach Abschluß seiner Lehre auf
Wanderschaft. Im Jahre 1908 verschlug es ihn nach Münster, wo er zunächst
als Schriftsetzer, bald schon als ehrenamtlicher Funktionär der SPD tätig
war. Im Oktober 1910 kam er nach Dortmund.

1905 wurde er Mitglied der SPD und engagierte sich immer wieder für die
Rechte der Arbeiter. Seine politische Arbeit brachte es mit sich, daß er
1918 Stadtverordneter und von 1925 - 1933 Stadtverordnetenvorsteher in
Dortmund wurde. Außerdem übernahm er 1929 - 1933 für das Westliche
Westfalen den Parteivorsitz der SPD. Hauptberuflich war er seit 1911
Redakteur der Dortmunder Arbeiterzeitung. Das Engagement und die
Profilierung Fritz Henßlers in der sozialdemokratischen Bewegung zeigt sich
in der großen Bedeutung, die er schon lange vor dem 2. Weltkrieg im
öffentlichen Leben und in seiner Partei errungen hat. So wurde er im Jahre
1930 zum Mitglied des Reichstages gewählt und übte dieses Mandat bis zur
Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahre 1933 aus.

Schon von Beginn an wurde Fritz Henßler von den nationalsozialistischen
Machthabern verfolgt. Die Verfolgung fand ihren ersten Höhepunkt mit dem
SPD-Verbot vom 22. Juni 1933, in dessen Verlauf Fritz Henßler mit sieben
anderen Führungspersönlichkeiten der SPD in "Schutzhaft" genommen wurde.
Henßler wurde insgesamt zweimal verhaftet und im Polizeigefängnis
Steinwache, das während der NS-Zeit den traurigen Ruf der berüchtigtsten
Gestapo-Folterstelle erhielt, verhört. Danach änderte Henßler seine
Auffassung, daß sich der Widerstand der Sozialdemokraten "nur in den
Köpfen" abzuspielen habe. Fritz Henßler stellte Kontakt zu den
verschiedensten Widerstandskreisen her. Anlaufstelle hierfür war die von
seiner Frau Ella betriebene Leihbücherei in Dortmund Hombruch, in der
Deutsch-Luxemburger-Straße. Obwohl er als Kontaktmann und Führungsperson
der Dortmunder SPD galt und er ständig von den Nazis überwacht wurde, war
Fritz Henßler drei Jahre lang eine der Hauptpersonen des Widerstandes gegen
die Nationalsozialisten in Dortmund.

Am 25. April 1936 wurde Henßler in seiner Wohnung von der Gestapo
verhaftet.

Nach 12monatiger Untersuchungshaft in der Steinwache und im Dortmunder
Gerichtsgefängnis Lübecker Hof wurde er vom Oberlandesgericht in Hamm wegen
Verstoßes gegen das "Gesetz gegen die Neubildung von Parteien" zu einem
Jahr Gefängnis verurteilt.

Obwohl er die Strafe durch die erlittene Untersuchungshaft verbüßt hatte,
wurde er nicht entlassen, sondern sofort nach der Verhandlung durch die
Gestapo wieder in die Steinwache eingewiesen. Am 7. Juli 1937 lieferte man
ihn von dort aus in das Konzentrationslager Sachsenhausen ein, wo er
schließlich acht Jahre der Willkür seiner Peiniger ausgesetzt war. Es ist
überliefert, daß Fritz Henßler sich trotz eines elfstündigen harten
Arbeitstages im KZ auch an politischen Diskussionen beteiligte, welche die
illegale Lagerleitung, bestehend aus Sozialdemokraten, Kommunisten und
ehemaligen Zentrumsleuten, organisiert hatten. Als die Niederlage der
Nationalsozialisten immer offenkundiger wurde und sowjetische Truppen immer
näher an das Konzentrationslager Sachsenhausen rückten, sollten die
Häftlinge des Lagers im April 1945 auf einen sogenannten Evakuierungsmarsch
geschickt werden. Dies bedeutete einen Todesmarsch wie er auch vom KZ
Auschwitz und anderen Lagern her bekannt war: Hier sollten die Häftlinge
körperlich geschwächt und leichter ermordet werden können.

Am 20. April 1945 mußte sich Fritz Henßler auf den Todesmarsch Richtung
Mecklenburg begeben. Als er auf diesem Marsch mehrfach entkräftet
zusammenbrach, wurde er durch die Hilfe von Mithäftlingen immer wieder vor
dem Schicksal verschont, das vor ihm zahlreiche ehemalige Reichstags- und
Landtagsabgeortnete, aber auch Dortmunder Stadtverordnete zu erleiden
hatten. Nur mit Glück entging er dem Genickschuß der SS-Wachmannschaft, die
auf dem Todesmarsch insgesamt 6000 entkräftete Häftlinge ermordete.

In unmittelbarer Nähe der Stadt Schwerin konnte Fritz Henßler entkommen.
Versteckt in einer Gartenlaube erlebte er am 2. Mai 1945 den Tag der
Befreiung vom Faschismus durch amerikanische Einheiten. Es dauerte einige
Wochen, bis es Fritz Henßler gelang, sich während der Nachkriegszeit nach
Dortmund durchzuschlagen. Im Juni 1945 erreichte er völlig entkräftet
Dortmund.

Ungebrochen von den langen Jahren seiner Haft nahm Fritz Henßler die
politische Arbeit sofort wieder auf. Die Führungsrolle, die er bereits in
den Jahren vor 1933 innegehabt hatte, fiel ihm unangefochten auch jetzt
wieder zu. Seine unerschrockene und ungebrochene Haltung während der
vergangenen 12 Jahre vergrößerte noch sein Ansehen. Auf allen Versammlungen
wurde er stürmisch begrüßt und es lag auf der Hand, daß er wieder
Vorsitzender wurde, als am 20. August ein provisorischer Vorstand des
SPD-Bezirks Westliches Westfalen gewählt wurde. Von 1946 an wurde er
Mitglied des Landtages von Nordrhein-Westfalen und des Zonenbeirates.
Gleichfalls von 1946 an war er Oberbürgermeister der Stadt Dortmund. Dem
Deutschen Bundestag gehörte er seit dem 20. August 1949 an.

Außerdem war er Mitherausgeber der Westfälischen Rundschau, erster
stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrates der
Dortmund-Hörder-Hüttenunion AG, Aufsichtsratsmitglied der
Konsumgenossenschaft und der Westfalenhalle AG Dortmund. In der
sozialdemokratischen Fraktion des Landtages von Nordrhein-Westfalen hatte
er den Vorsitz inne. Dem Bundesvorstand der SPD gehörte er als Mitglied an.

Durch sein unermüdliches Mitwirken beim Aufbau eines demokratischen
Gemeinwesens hat Fritz Henßler Zeichen gesetzt. Als Oberbürgermeister hatte
er die Weichen für den Wiederaufbau der Stadt Dortmund gestellt. Die
dauernden Wohnungsprobleme versuchte er ebenso zu beseitigen, wie mit
seinem erbitternden Kampf eine drohende Demontage der Hüttenwerke zu
verhindern.

In der Neuordnung des Schulwesens sah er den wichtigsten Ansatzpunkt für
eine Erziehung im demokratischen Geist. Hierzu gehörte in erster Linie nach
seinem Verständnis eine Aufklärung über die Ursache und Folgen totalitärer
Machtentfaltung. Er war auch der Initiator des später nach ihm benannten
Hauses der Jugend.
Als er am 4. Dezember 1953 an Spätfolgen der KZ-Haft verstarb, hatte er
über lange Jahre hinweg das Schicksal der Stadt Dortmund mitgestaltet.

Angaben zur Biografie aus: http://www.fhh.de/archiv/fritz.htm