[WestG] [AUS] Henkelmann: WIM-Ausstellung zeigt zum Jubilaeum
"Schaetze der Arbeit"
Marcus Weidner
Marcus.Weidner at lwl.org
Die Aug 24 08:22:56 CEST 2004
Von: "LWL-Pressestelle", <presse at lwl.org>
Datum: 24.08.2004, 08:19
AUSSTELLUNG
Sauerkraut mit Speck aus dem Henkelmann
WIM-Ausstellung zeigt zum Jubiläum "Schätze der Arbeit"
Mit einer großen Ausstellung feiert der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) in diesem Jahr
das 25-jährige Bestehen des Westfälischen Industriemuseums (WIM). Mehr als 250.000 Objekte
hat das Museum in dieser Zeit zusammengetragen - ein Gedächtnis der Region: Die Objekte
liefern einmalige Einblicke in die Arbeits- und Alltagsgeschichte der Industrialisierung. Das Spektrum
reicht vom Abortkübel bis zur Dampflok, von der Glasmacherpfeife bis zum Henkelmann. Nur ein
Bruchteil der Stücke ist normalerweise in den Dauerausstellungen an den acht Standorten des Museums
in Bocholt (Kreis Borken), Bochum, Dortmund, Hattingen (Ennepe-Ruhr-Kreis), Lage (Kreis Lippe),
Petershagen (Kreis Minden-Lübbecke), Waltrop (Kreis Recklinghausen) und Witten (Ennepe-Ruhr-Kreis)
für die Öffentlichkeit zugänglich. Zum Jubiläum packt das WIM sein Lager aus und zeigt in der Zentrale
auf der Zeche Zollern II/IV in Dortmund rund 500 "Schätze der Arbeit". In einer Serie stellt der LWL die
originellsten, ältesten und bedeutsamsten Exponate der Ausstellung vor.
Ikone der Industriearbeit: Der Henkelmann
Noch in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war es ein gängiges Bild:
der Arbeiter mit dem Henkelmann in der Hand, jenem tragbaren Essgeschirr aus Emaille oder
Aluminium, in dem sich das Mittagessen befand. Heute ist der Henkelmann kaum noch zu sehen.
Kantinen und Grillbuden haben den treuen Begleiter des arbeitenden Mannes nahezu verdrängt.
Früher jedoch war er der Inbegriff der Verpflegung fernab vom heimischen Herd.
"Ein wesentliches Phänomen der Arbeit im Industriezeitalter war die Trennung von Arbeitsstelle und
Wohnort. Viele Arbeiter verließen früh am Morgen die Wohnung und kehrten erst am späten Abend
wieder zurück", erklärt Dietmar Osses, Leiter des Westfälischen Industriemuseums Zeche Hannover in
Bochum. Die Kontrolle in den Fabriken durch Pförtner und Stechuhren und das immer mehr an Bedeutung
gewinnende Phänomen "Zeit" erlaubten den Arbeitern nur kurze Pausen. Die Zeit reichte oftmals nicht
aus, um das Mittagessen zu Hause einnehmen zu können. Hinzu kam das rasante Wachsen der Städte,
das die Wege zur Arbeit immer weiter verlängerte. Während 1790 in Dortmund 4.500 Menschen lebten,
hatte die Stadt 100 Jahre später 110.000 Einwohner.
Mit dem Henkelmann übernahm die Hausfrau die Aufgabe, trotz weiter Wege und kurzer Pausen den
Mann mit Selbstgekochtem zu versorgen, was zu der Zeit einen hohen Stellenwert hatte. Nicht alle
Gerichte passten in den Henkelmann oder ließen sich problemlos wieder aufwärmen. Beliebt waren
Eintopfgerichte, Suppen oder "durcheinander" gekochtes Gemüse mit einer kräftigenden Fleischeinlage.
Bei der Auswahl und Zubereitung war die Phantasie der Frauen gefragt. Und davon abhängig die
Gunst des Mannes: Wenn der Mann mittags seinen Henkelmann öffnete, wurden die Ehefrauen
entweder beschimpft oder gelobt. Dreimal die Woche Sauerkraut mit Speck: Das wollte kein
schwer körperlich arbeitender Mann essen. Die Gerichte mussten also variieren, gleichzeitig immer
schmackhaft und nahrhaft sein. Zudem noch nett angerichtet - und das alles in einer Blechbüchse.
Keine dankbare Aufgabe für die zu Hause schuftenden Frauen.
Aufgewärmt wurden das Essen und der Kaffee in Wasserbehältern auf einem Ofen. Dafür waren
oft die Lehrlinge zuständig, die sich dabei auch schon mal ein Wurstende mopsten. War das Essen
warm, nahmen die Arbeiter die Mahlzeit oft auf Klappbänken zwischen den Maschinen ein. Nur wenn
der Fußweg zur Fabrik nicht allzu weit war, brachten die Ehefrauen, Mütter oder auch die Kinder die
Henkelmänner pünktlich zur Mittagspause, wenn die Werkssirene erklang. Die Männer kamen dann
in den Genuss eines frischgekochten Essens, das mit Zeitungspapier warm gehalten wurde.
Erst als immer mehr Kantinen entstanden, Imbissautomaten aufgestellt wurden und sich schließlich
auch die Arbeitszeiten in der Industrie verkürzten, verschwanden die Henkelmänner nach und nach
aus dem Alltag der Arbeiter. Wie beliebt der Henkelmann einmal war, zeigt ein Spottlied auf Kaiser
Wilhelm II. Als dieser 1918 abdankte und in die Niederlande ins Exil ging, sang man ihm im Ruhrgebiet
nach: "O Tannenbaum, O Tannenbaum / der Kaiser hat in'n Sack gehau'n. / Da kauft er sich 'nen
Henkelmann / und fängt bei Krupp in Essen an!"
INFO
Schätze der Arbeit
25 Jahre Westfälisches Industriemuseum
20. Juni bis 12. September 2004
Zeche Zollern II/IV, Grubenweg 5,
Dortmund-Bövinghausen
Geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr