[WestG] [LIT] Haenel: Bestatter im 20. Jahrhundert, Münster 2003

Marcus Weidner Marcus.Weidner at lwl.org
Die Nov 18 16:55:02 CET 2003


Von: "LWL-Pressestelle", <presse at lwl.org>
Datum: 18.11.2003, 15:11


LITERATUR

Dagmar Hänel
Bestatter im 20. Jahrhundert. Zur kulturellen Bedeutung eines tabuisierten Berufs
Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland, Bd. 105
Verlag Waxmann, Münster 2003 
398 Seiten, 50 Abbildungen
29,90 EUR
ISBN 3-8309-1281-1

Die Anzeige war ganzseitig, die Angebotspalette beeindruckend: "Großes
Lager in Metall-, Eichen-, Tannen-, Pitch-Pine-, Versand- und Verbrennungssärgen", hieß
es da. Und: "Meine Särge sind nach eigenem Verfahren (gesetzlich geschützt) gedichtet."
Dazu eine detaillierte Zeichnung des Top-Modells, stimmungsvoll dekoriert mit
mehrarmigen Kerzenleuchtern. Offensiv und selbstbewusst warben Bestattungsunternehmer
zu Beginn des 20. Jahrhunderts für ihre Produkte und Dienstleistungen. Wie warben
Bestattungsunternehmen Anfang des 20. Jahrhunderts für ihre Dienste, wie heute? 

Dagmar Hänel ist diesen Fragen in ihrer Doktorarbeit, die an der Universität Münster entstand,
nachgegangen. Ihr Ergebnis veröffentlichte die Volkskundliche Kommission des
Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) in dem Buch "Bestatter in 20. Jahrhundert. Zur
kulturellen Bedeutung eines tabuisierten Berufs". Die beiden Weltkriege bedeuteten für
den Umgang mit dem Tod eine tiefe Zäsur, nach der Begriffe wie "Leiche" und "Tod", aber auch
Bilder des Sargs aus den Werbeanzeigen der Bestatter verschwanden. Heute, knapp 60 Jahre
nach Ende des 2. Weltkriegs, befindet sich die Bestattungsbranche wiederum im Umbruch. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Annoncen schlichter. Die Abbildung eines Leichenwagens
trat an Stelle des Sarges, danach die stilisierte Fassade des Bestattungsunternehmens und
schließlich einfach ein schlichtes Kreuz. "Der Tote wurde hinter immer weiteren Hüllen
versteckt", erklärt Hänel. Die Leiche verschwand im Sarg, der Sarg hinter den Blechwänden
des Autos, dann hinter dicken Gebäudemauern. Zugleich wurden die Anzeigen kleiner;
Begriffe wie "Leiche" und "Tod" wurden mehr und mehr tabu. Dass man den Tod seit dem Zweiten
Weltkrieg zunehmend versteckt, hat sicher etwas mit den traumatischen Erfahrungen in
dieser Zeit zu tun", so die Volkskundlerin. Inzwischen beobachtet sie immerhin die
"vorsichtige Rückkehr " des Sargs als Werbeträger: Hatten ihn die Unternehmer
zwischenzeitlich aus ihren Schaufenstern und dem öffentlich zugänglichen Bereich ihrer
Institute komplett verbannt, taucht er dort nun so langsam wieder auf. "Wenn unsere
Gesellschaft das Sterben zunehmend tabuisiert", fragt Dr. Hänel, "wie gehen dann
diejenigen damit um, die von Berufs wegen mit dem Tod zu tun haben?" 

Für ihre Doktorarbeit hat sie 15 Bestatter aus Münster, Dortmund und dem ländlichen Umland 
interviewt, Frauen wie Männer, Junge ebenso wie Ältere. Die Befragten sollten ihren Arbeitsalltag und einen
typischen Bestattungsfall schildern - mit erstaunlich einheitlichem Ergebnis: "Nach den
Interviews zu schließen, führen Bestatter den ganzen Tag über nur Beratungsgespräche und
spenden den Hinterbliebenen Trost", so Hänel. "Auf die eigentliche Bestattung kamen die
Befragten von sich aus gar nicht zu sprechen." Weil der Tod so sehr tabuisiert werde, seien die
Bestatter ständig versucht, ihren Beruf positiv zu legitimieren. "Sie definieren sich als
Helfer der Lebenden, nicht als jemanden, der die Leiche entsorgt." 

Wie sehr sich das Selbstbild der "Funeralmeister" und "Thanatopraktiker" gewandelt hat, 
zeigt auch ein Blick in die Zeitschrift des Bundesverbands Deutscher Bestatter (BDB), "Das
Bestattungsgewerbe". Das monatlich erscheinende Blatt existiert seit 1949, sein
Vorgänger gar seit 1913; nur zwischen 1941 und 1949 gibt es wegen Papiermangels eine Lücke.
Volkskundlerin Hänel hat alle Ausgaben gesichtet und die wichtigsten Artikel hinsichtlich
Wortwahl und Inhalt analysiert. "Der Verband versucht, ein Idealbild des "guten
Bestatters' zu definieren und an seine rund 3.000 Mitglieder weiter zu vermitteln", sagt
sie. "Vor dem Zweiten Weltkrieg war ein guter Bestatter vor allem eines: ein guter Kaufmann."
Dieser Aspekt falle heute in der Zeitschrift fast komplett weg - dass Bestatter mit ihrem
Beruf Geld verdienen wollen und sollen, wird zumindest öffentlich nicht mehr gesagt.
Stattdessen sähen sich Bestatter vor allem als Helfer und Dienstleister in einem besonders
sensiblen Bereich.

Neuerdings hat auch das Thema "Ökologie" die Branche erreicht - schließlich soll der Sarg 
beim Verrotten nicht noch Kleintiere, die im Boden, mit in den Tod reißen. Immer häufiger sind 
daher DIN-Normen zur umweltgerechten Materialauswahl Thema der Verbandszeitschrift.