[WestG] [AKT] Verleihung Historikerpreis der Stadt Muenster an Reinhart Koselleck, heute

Marcus Weidner m.weidner at lwl.org
Fre Jul 18 11:08:31 CEST 2003


Übernahme aus der E-Mailing-Liste "Geschichtskultur-Ruhr"
Hrsg: Forum Geschichtskultur an Ruhr und Emscher
Redaktion: Susanne Abeck, Franz-Josef Jelich
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Von: mailing at geschichtskultur-ruhr.de 
Datum: 18.07.2003, 009:55


Historikerpreis der Stadt Münster an Reinhart Koselleck

Er hat Europa an der Schwelle zur Moderne beschrieben und Grundlagenwerke
über die preußischen Reformen veröffentlicht. Er hat die Sprache der
Historiker erforscht und damit nutzbar zum Begreifen weiterer Zusammenhänge
gemacht. Er sucht gesprächsbereit und streitbar immer wieder den
öffentlichen Diskurs und gilt als der bedeutendste deutsche
Begriffshistoriker: Reinhart Koselleck, emeritierter Professor für Theorie
der Geschichte an der Universität Bielefeld, wird für sein umfassendes Werk
mit dem Historikerpreis der Stadt Münster geehrt.

Durch seine grundlegenden Studien zur Begriffsgeschichte und zur
historischen Semantik habe Koselleck "seine Zeitgenossen für die
geschichtliche Bedingtheit und die Instrumentalisierbarkeit von politischer
Sprache sensibilisiert", begründete die Jury unter Vorsitz von
Oberbürgermeister Dr. Berthold Tillmann ihre Wahl. Die Auszeichnung ist mit
12 500 Euro dotiert und wird am 18. Juli 2003 im historischen Rathaus zu
Münster überreicht. Studien zur "Sattelzeit"

Die sechste Verleihung des Historikerpreises steht - als erste im neuen
Jahrhundert - im Zusammenhang mit der Erinnerung an den Epochenwandel um
1800 und den europaweiten Aufbruch in die Moderne. "Mit seinen frühen
Werken (,Kritik und Krise', 1959, und ,Preußen zwischen Reform und
Revolution', 1967) hat Koselleck die Interpretation dieser ,Sattelzeit'
nachhaltig geprägt", heißt es im Juryentscheid.

"Reinhart Koselleck stellt in seinen Werken Fragen zu den umwälzenden
Veränderungen Europas im 18. und 19. Jahrhundert. Als europaoffene Stadt
und Bewerberin um den Rang einer ,Kulturhauptstadt' freuen wir uns auf
einen Preisträger, dessen wissenschaftliches Interesse historischen
Vorgängen gewidmet ist, die für unsere Stadt und die westfälische Region
bis heute wirksam sind", so Oberbürgermeister Dr. Berthold Tillmann.
Münster sei sich als kulturell innovative Stadt und als Stadt des
Westfälischen Friedens ihrer historischen Dimension bewusst.

Kosellecks Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind die Historik sowie die
Begriffs- und Sprachgeschichte, aber auch die Ikonologie, anthropologische
Grundlagen der Geschichte, Sozial-, Rechts- und Verwaltungsgeschichte. Er
arbeitet insbesondere zur Theorie der Geschichte - nicht nur ausgewiesen
durch das von ihm initiierte epochale Lexikon der "Geschichtlichen
Grundbegriffe". Nach jahrzehntelanger Arbeit fand dieses wissenschaftliche
Großprojekt zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland 1997 seinen
Abschluss.


Forschungen zum Denkmalskult

Seit vielen Jahren befasst sich der 79-jährige Historiker mit der
Bildersprache des öffentlichen Gedenkens an den Tod. Koselleck habe "zu
einem tieferen Verständnis der Bilder als Zeugnissen der Geschichte
beigetragen", würdigen die Juroren wichtige Studien des Forschers zum
Denkmalskult, darunter die Arbeit "Der politische Totenkult.
Kriegerdenkmäler in der Moderne", 1994).


"Quergänger in seinem Fach"

Der Historiker Rudolf Vierhaus hat Koselleck einmal bezeichnet als einen
"keiner historischen Schule zuzurechnender Außenseiter". Vielmehr sei er
ein "Einzel- und Quergänger in seinem Fach, der dennoch mitten in der Sache
dieses Faches steht". Koselleck agiert weit über seine Disziplin hinaus. Er
geht fächerübergreifend vor und vermittelt historische Inhalte in
sprachlicher Anschaulichkeit auf breiter Ebene. Die Jury in Münster: "Als
Autor hat Koselleck entscheidenden Anteil an einer neuen Begründung der
Geisteswissenschaften, von der Literaturwissenschaft bis zur Philosophie.
Als streitbarer Bürger hat er sich durch engagierte Wortmeldungen in die
Tradition politischer Aufklärung gestellt".

Reinhard Koselleck, am 23. April in 1923 in Görlitz geboren, wurde für sein
Werk im In- und Ausland vielfach ausgezeichnet. 1989 erhielt er den Preis
des Historischen Kollegs, 1999 würdigte ihn die Deutsche Akademie für
Sprache und Dichtung mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche
Prosa.

Die Stadt Münster vergab den Historikerpreis - gestiftet 1978 zum 330.
Jahrestag des Westfälischen Friedens - erstmals 1981 - damals an Gordon A.
Craig (USA). Die weiteren Preisträger: Thomas Nipperdey (1984), Hans-Peter
Schwarz (1988), Jacques Le Goff (1993) und Konrad Repgen (1998).

Die Auszeichnung wird heute abend im Rathaus der Stadt Münster überreicht.
Zuvor wird der Laudator das Wort an den Preisträger richten: Johannes
Willms, Historiker und leitender Redakteur der Süddeutschen Zeitung,
gehörte zu den ersten Schülern Kosellecks.

Die Feierstunde im Rathausfestsaal, Prinzipalmarkt, Münster, beginnt um 18 Uhr - interessierte Gäste
sind dazu willkommen.