[WestG] [AUS] 25 Jahre Wiedereroeffnung der Kaiserpfalz in Paderborn

Marcus Weidner m.weidner at lwl.org
Don Jul 17 15:44:57 CEST 2003


Von: "LWL-Pressestelle", <presse at lwl.org> 
Datum: 17.07.2003, 12:15


AUSSTELLUNG / JUBILÄUM

25 Jahre Wiedereröffnung der Kaiserpfalz in Paderborn

Am Sonntag (20.7.) feiert das Paderborner Museum in der Kaiserpfalz mit
einer Sonderausstellung und einem Fest sein 25-jähriges Jubiläum. Vor 40 Jahren hatten
Archäologen, allen voran der Münsteraner Wilhelm Winkelmann, die 776 erbaute Pfalz Karls
des Großen im Stadtzentrum von Paderborn entdeckt. Seitdem haben mehr als eine Million
Menschen die Ausstellungen im einzigen Hof des Reisefürsten im damaligen Sachsen besucht.

"Imperial noch im Winzigen, Welthistorie klug zurückgeführt aufs Lokale", schrieb 1999
eine Zeitung über die erfolgreiche Karolingerausstellung im Museum, das heute der
Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) betreibt. "Mit Beharrlichkeit hat 1978 das
Domkapitel Paderborn als Bauherr viele Finanziers für den Wiederaufbau begeistern können,
die Stadt, den LWL, das Land Nordrhein-Westfalen und die Bundesrepublik", so Museumsleiter
Prof. Dr. Matthias Wemhoff.

Dabei hätte das Projekt in den 70er Jahren nicht gerade den Nerv
der Zeit getroffen: "Wer interessierte sich nach 1968 für Denkmäler des deutschen
Königtums? "Das damalige Konzept als Museum und als Kulturbühne mutet noch heute modern an",
findet der Paderborner Dompropst Dr. Wilhelm Hentze. Der Kölner Architekt Gottfried Böhm
entwarf damals "zukunftsweisende Pläne": kein Wiederaufbau in historisierender Form,
keine Verherrlichung einstiger Größe, sondern eine Wiederherstellung der Baumassen;
Bruchsteinwände, aber Betonstürze; bleigedeckte Dächer, aber ein offener Dachstuhl mit
einer modernen Holzkonstruktion. So wurde eine Hülle geschaffen, die assoziativ den
Besucher auf historische Bezüge einstimmt, die ihm Zugänge zur Geschichte verschafft, die
sich jedoch nicht in den Vordergrund spielt oder falsche Realitäten vorspiegelt. 

Das damalige Konzept als Museum und als Kulturbühne mutet noch heute modern an, findet Wemhoff.
Die Aula werde für festliche Veranstaltungen, Konzerte und Vorträge genutzt. Im Vorfeld der
Karolingerausstellung 1999 wurde auch ein neues Konzept für die Dauerausstellung
entwickelt. Zugleich begann die Auswertung der Pfalzgrabung. Pläne, Fotos und mehr als
30.000 Einzelfunde hatte jahrzehnte in Kartons geschlummert, jetzt bearbeiteten die
Archäologen sie Stück für Stück. Gerade die kleinsten Fragmente offenbarten das Besondere.
Kleine grüne und blaue Glastropfen entpuppten sich als die Abfälle einer
Glasbläserwerkstatt, und Analysen der Glasmasse belegten eindeutig, dass in der kleinen
Werkstatt Trinkgläser hergestellt worden sind. Die Trinkgläser benutzten die Gäste an der
Tafel des Königs, dort sind sie auch in großer Zahl zu Bruch gegangen. "Die Tischsitten waren
offensichtlich ziemlich rau", meint Wemhoff. 

Anlass für die Glasproduktion in Paderborn
war 777 die erste Reichsversammlung auf sächsischem Boden. Das glanzvolle Ereignis sollte
vor aller Welt den Sieg des Königs über die Sachsen dokumentieren. Dazu ließ er Pfalz und
Kirche errichten und reich ausstatten. Möglicherweise gehören sogar Teile der geborgenen
Fenstergläser und der Wandmalerei zu diesen ersten, bereits 778 bei einem sächsischen
Aufstand zerstörten Steingebäuden. "Auf die bisher nur Holzgebäude gewohnten Sachsen wird
die mächtige Anlage in Paderborn sicher einen imperialen Eindruck gemacht haben, der gerade
deshalb wohl auch zum Widerstand herausforderte", erläutert der Museumschef. 

Zum Jubiläum gibt das Museumsteam in einer Sonderausstellung "Einblicke" (bis 2.11.) in die
Museumsarbeit und die Geschichte des Pfalzortes. Von der kleinteiligen Bebauung vor dem
Zweiten Weltkrieg, bei der niemand die historische Bedeutung dieses Platzes ahnte, über die
Kriegszerstörung, die Ausgrabung und den Wiederaufbau führt der Weg bis zum heutigen
Museum. Die Dokumentation der Ausgrabung und der modernen Auswertungsmethoden
ermöglichen ebenso wie die Fundrestaurierung halbrestaurierter Neufunde einen Blick
hinter die Kulissen.

Den aktuellen Eindruck von der heutigen Tätigkeit bekommt der Besucher
in der Abteilung zur Stadtarchäologie. An 19 verschiedenen Stellen gruben die Archäologen
in den vergangenen zehn Jahren in der Innenstadt von Paderborn, ständig verändert sich so das
Bild vom historischen Werden und Wachsen der Stadt. Mit der neuen Abteilung über Bischof
Meinwerk, dem zweiten Gründer des Bistums nach Karl dem Großen, und die werdende Stadt des 11.
und 12. Jahrhunderts ist die Schausammlung des Museums zunächst einmal komplett. In dieser
Abteilung werden bereits Funde gezeigt, die erst im Juni dieses Jahres auf einer Ausgrabung
in der Stadt geborgen worden sind. Eine Münze Kaiser Konstantins, Glas, ein Kamm aus dem 6.
Jahrhundert und ein Buntmetallbarren aus dem 11. Jahrhundert zeigen die lange
Siedlungskontinuität an den Paderquellen.

Zur Jubiläumsfeier erscheint der erste Band der
Auswertung der Pfalzgrabung, der die karolingische Wandmalerei behandelt. Wemhoff: "Die
damals neu entwickelte Schrift in Form römischer Großbuchstaben zeigt ebenso wie die
Übernahme antiker Formen der Bildkonzeption die außerordentlich hohe Qualität der
Wandmalerei, die in direktem Zusammenhang mit Vorbildern in Norditalien steht."
Gleichzeitig wird ein Sammelband mit neuen und überarbeiteten Aufsätzen zur Paderborner
Stadtarchäologie vorgelegt. 


INFO

Museum in der Kaiserpfalz Paderborn 
Am Ikenberg 2 
Täglich geöffnet außer montags 10 bis 18 Uhr 
Eintritt 2,50/1,50 Euro 
Tel: 05251/10510
www.kaiserpfalz-paderborn.de 
Sonderausstellung: "Einblicke" vom 20. Juli bis 2. November 2003 

Fotos unter: 
http://www.lwl.org/LWL/index_x_html?x=/LWL/Der_LWL/Presse/Mitteilungen/1058432672_0