[WestG] [AUS] "Schwarz weiß. Preußen und Kolonialismus" - LWL-Preußenmuseum zeigt Sonderausstellung, Minden, 03.11.22 - 04.06.23

Hanke, Enrique Enrique.Hanke at lwl.org
Do Nov 3 08:54:26 CET 2022


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 02.11.2022, 15:35


AUSSTELLUNG

"Schwarz weiß. Preußen und Kolonialismus" - LWL-Preußenmuseum zeigt Sonderausstellung

Die neue Sonderausstellung "Schwarz weiß. Preußen und Kolonialismus" im LWL-Preußenmuseum Minden thematisiert ab Donnerstag (3.11., bis 4.6.2023) die Verstrickung Preußens und des Deutschen Kaiserreichs in die Kolonialgeschichte und deren Folgen - sowohl in den kolonialisierten Gebieten als auch Westfalen-Lippe, sowohl historisch als auch aktuell. 

"Im LWL-Preußenmuseum ist es unser zentrales Anliegen, historische Themen mit hohem sozialpolitischem Gegenwartsbezug zu erzählen, Geschichtsvermittlung neu zu denken und uns in Fragen gesellschaftlicher Relevanz einzumischen und Position zu beziehen", so Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger, Kulturdezernentin des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), am Mittwoch (2.11.) in Minden. 

"Im Vorfeld des LWL-Themenjahres "(Post)koloniales Westfalen-Lippe" 2024 stelle die Ausstellung Fragen nach den Mechanismen von Ausgrenzung und der Markierung von Menschen und sozialen Gruppen als "anders". Damit wolle sie für rassistische Denkmuster sensibilisieren und zu einer Debatte über Herkunft, Diversität und Identität in historischen und gegenwärtigen kolonialen Kontexten einladen. 

"Die Ausstellung antwortet auf die aktuelle gesellschaftliche Herausforderung, sich genau mit dieser kolonialen Vergangenheit auseinanderzusetzen und adäquate Formen des Aufarbeitens und des Erinnerns zu finden. Das beinhaltet beispielsweise die Diskussionen um die Restitution von Kulturgut. Genauso wichtig ist es, globalen Handelsbeziehungen zu beleuchten, um deutlich zu machen, wie sehr diese weiterhin auf ehemaligen kolonialen Strukturen basieren beziehungsweise bis heute davon profitieren", sagte Rüschoff-Parzinger, die auch Vorstandsvorsitzende der Stiftung Preußen in Westfalen ist.

Die 500 Quadratmeter große Ausstellung legt ein besonderes Augenmerk auf das 19. Jahrhundert, um den Beitrag des Königreichs Preußen mit den Landesfarben schwarz und weiß zur Kolonialgeschichte zu verstehen. Sie erzählt aber auch von den kolonialpolitischen Versuchen Preußens bereits im ausgehenden 17. Jahrhundert, als an der westafrikanischen Küste zu Handelszwecken das Fort Großfriedrichsburg, benannt nach dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg-Preußen, gegründet wurde. 

Die Ausstellung zeigt, wie Unternehmerfamilien in der Folge über die Häfen in Bremen und Hamburg florierenden Handel aufbauten und damit eng in den transatlantischen Sklavenhandel verstrickt waren. Nach der Berliner Afrika-Konferenz 1884/85 baute das Deutsche Kaiserreich auch formal eigene Kolonien auf, so etwa Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) und Deutsch-Ostafrika (heute Tansania). Imperiales Expansionsstreben führte zu Kolonialkriegen, von denen der gegen die Herero und Nama im heutigen Namibia inzwischen als erster Völkermord im 20. Jahrhundert gilt. Das letzte Kapitel der Ausstellung widmet sich den Formen der Erinnerung an die Kolonialzeit seit der Weimarer Republik bis in die Gegenwart.

Ereignisse wie die Gewerbeausstellung in Minden 1914 und die Lebenswege von People of Color, die durch Missionar:innen in das Kaiserreich verschleppt wurden, verdeutlichen, wie die kolonialen globalen Verflechtungen auch in Ostwestfalen Spuren hinterließen. 

Die Sonderausstellung ist ein Kooperationsprojekt mit dem Arbeitsbereich "Geschichte als Beruf" am Fachbereich Geschichtswissenschaft der Universität Bielefeld. Über zwei Semester haben sich 18 Studierende ein profundes Verständnis von Kolonialismus in Preußen und im Deutschen Kaiserreich erarbeitet und in sechs Forschungsgruppen entschieden, welche Aspekte des Kolonialismus sie in der Ausstellung erzählen und auf welche Weise sie diese vermitteln möchten. 

"Bei Projektseminaren unterrichten Lehrende aus der Geschichtswissenschaft im Tandem mit Kolleg:innen aus der Praxis. Im Seminar ergänzen sich beide Perspektiven und ermöglichen den Studierenden praxisnahes Lernen und Forschen", erläutert Dr. Caroline Authaler, die als Leiterin des Uni-Arbeitsbereichs "Geschichte als Beruf" gemeinsam mit Museumsleiterin Dr. Sylvia Necker das Seminar durchgeführt hat. "Die Studierenden haben gelernt, mit Archiven und Quellen zu arbeiten und ihre Rechercheergebnisse anhand von kritischer globalgeschichtlicher Literatur sowie gegenwärtiger Debatten zu kontextualisieren. In einem zweiten Schritt erfolgte dann die Übersetzung wissenschaftlicher Forschung in museale Formen. Hier lag die Herausforderung vor allem darin, die recherchierten Themen in ein Raumkonzept zu überführen, Exponate auszuwählen und Texte so zu verfassen, dass sie für ein nicht-fachliches Publikum verständlich sind, dabei die Komplexitäten des Themas mit all seinen Widersprüchen aber nicht einzuebnen", so Authaler weiter.

"Kolonialgeschichte war nicht schwarz-weiß, auch wenn die kolonialen Akteur:innen die Welt in solche Kategorien einteilen wollten. Menschen in und aus kolonisierten Regionen unterliefen häufig diese Kategorien und wehrten sich gegen die koloniale Gewalt", berichtete Museumsleiterin Dr. Sylvia Necker. "Nichtsdestotrotz ist dieses koloniale Denken auch heute noch verbreitet. Wir möchten mit der Ausstellung auf diese Mechanismen aufmerk-sam machen und dafür sensibilisieren, diese und auch sich selbst kritisch zu hinterfragen. Dies tun wir etwa anhand von Fragen wie: Wie und wo wird an die Geschichte des Kolonialismus erinnert? Wo sind Spuren der Kolonialgeschichte heute noch zu finden? Was hat Kolonialismus mit uns und unserer diversen Gesellschaft zu tun? Die Ausstellung verknüpft auf diese Weise die Vergangenheit mit der Gegenwart und ruft dazu auf, sich der Vielschichtigkeit des Themas zu stellen: Mit allen Graustufen, die sich zwischen schwarz und weiß finden."


INFO

Sonderausstellung "Schwarz weiß. Preußen und Kolonialismus"
03.11.2022 bis 04.06.2023

LWL-Preußenmuseum
Simeonsplatz 12
32427 Minden

Tel.: +49 571 837280
Fax: +49 571 83728 30
E-Mail: besucherbuero-pmm at lwl.org
URL: https://www.lwl-preussenmuseum.de/de/


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