[WestG] [LIT] "Eine vergessene Geschichte": Band ueber die psychiatrische Sozialarbeit in Deutschland veroeffentlicht
Holtrup, Sandra
Sandra.Holtrup at lwl.org
Fr Mai 28 09:46:42 CEST 2021
Von: "Kathrin Nolte" <kathrin.nolte at lwl.org>
Datum: 26.05.2021, 14:25
LITERATUR
"Eine vergessene Geschichte": Band über die psychiatrische Sozialarbeit in Deutschland veröffentlicht
Der Band "Eine vergessene Geschichte: Psychiatrische Sozialarbeit in Deutschland. Berichte, Dokumente und Analysen aus der Bundesrepublik und der DDR (1960-1990)" ist aus dem Diskussionsforum Psychiatrische Sozialarbeit - eine vergessene Geschichte hervorgegangen, das am 30. November 2018 in Berlin auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) stattfand. Veranstalter waren der Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein Mönchengladbach (Professur für Sozialpsychologie, inklusive. Psychosoziale Prävention und Gesundheitsförderung) und das LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte Münster.
Ausschlaggebend für die Idee eines Gesprächsforums war die Beobachtung, dass die psychiatrische Sozialarbeit in der Bundesrepublik infolge der Psychiatriereform der 1970er-Jahre zwar zum Standard in der klinischen Psychiatrie gehört und auch die heutige Gemeindepsychiatrie zum größten Teil von dieser Profession getragen wird, ihre Geschichte bisher jedoch kaum aufgearbeitet ist. Der spürbare Mangel an historischen Untersuchungen zur Entstehung, Entwicklung und Bedeutung der Sozialen Arbeit in der Psychiatrie legte es überdies nahe, zunächst mit Zeitzeuginnen aus der frühen und mittleren, noch ganz überwiegend ,weiblich' geprägten, Phase der Formierung dieses Berufsfeldes (ca. 1960 bis 1990) ins Gespräch zu kommen. Eingeladen wurden deshalb Waltraud Matern (Münster, Jg. 1927), Ilse Eichenbrenner (Berlin, Jg. 1950) und Susanne Ulrich (Rostock, Jg. 1951).
Das Diskussionsforum sollte die (Früh-)Geschichte des Faches lebendig und anschaulich werden lassen. Gleichzeitig trug die Zusammensetzung der Gesprächsrunde drei übergeordneten und vergleichenden Leitperspektiven Rechnung: dem generationellen Aspekt, den unterschiedlichen institutionellen und sozialräumlichen Arbeitskontexten der Akteurinnen sowie auch der deutsch-deutschen Sicht auf Bundesrepublik und DDR.
Die Publikation bietet eine Dokumentation und zeithistorische Kontextualisierung des Diskussionsforums. Ferner wurden die mündlichen Berichte um einige exemplarische, besonders aussagekräftige zeitgenössische Fachbeiträge aus der Feder der Akteurinnen ergänzt worden. Diese finden sich als schriftliche Quellen in einem eigenen Dokumentenanhang.
Schließlich tritt mit dem Beitrag von Dr. Ulrich Kießling (Treuenbietzen und Berlin, Jg. 1962) ein autobiographisch gefärbter Originaltext zur psychiatrischen Sozialarbeit in der DDR hinzu. Die Veröffentlichung seines Beitrags versteht sich als komplementäres Lektüreangebot und trägt dem Problem Rechnung, dass historische Quellen zu diesem Berufsfeld in der DDR nur sehr schwer zu erschließen sind.
Die drei Zeitzeuginnen Waltraud Matern, Ilse Eichenbrenner und Susanne Ulrich gehören verschiedenen Generationen an, haben in divergierenden institutionellen und sozialräumlichen Kontexten gearbeitet (Anstalt und Klinik vs. Gemeinde; Land bzw. ,Provinz' vs. Großstadt) und ihre Sozialisation und Berufslaufbahn fielen in ganz unterschiedliche gesellschaftspolitische Systeme. Gleichwohl lassen sich deutliche Gemeinsamkeiten in ihren Erinnerungen und Selbstbildern ausmachen. Die folgenden Übereinstimmungen erscheinen besonders bemerkenswert: Alle Akteurinnen haben ihre Arbeit auf dem Feld der Psychiatrie - ungeachtet mancher Ängste, Belastungen, Defiziterfahrungen und Widerstände gerade zu Beginn der Tätigkeit - letztlich als persönlich sehr befriedigend und als sehr hilfreich vor allem für die Patientinnen und Patienten selbst erlebt. Gemeinsam war und ist ihnen auch ein Verständnis Sozialer Arbeit, dass die therapeutische Dimension, die Arbeit an und mit der "Beziehung" zu den Patientinnen und Patienten, ausdrücklich miteinschließt. Überdies erfolgten die praktische Aneignung und Umsetzung des spezifischen "Know-hows" psychiatrischer Sozialarbeit in allen Fällen nicht entlang schon vorgefundener oder vorgegebener systematischer Konzepte und Curricula, sondern mehr in "autodidaktischer" Form und nach dem Muster "learning by doing" in der Praxis.
Dieses Handlungsmuster sowie auch die hohe Identifikation und Zufriedenheit der Akteurinnen mit dem eigenen Tätigkeitsfeld resultierten vor allem aus dem Umstand, dass Soziale Arbeit in der Psychiatrie in der Frühphase ihrer Berufslaufbahn noch weitgehend Neuland war. Daraus ergaben sich interessante Herausforderungen und Chancen für eigenes selbständiges Engagement. In den beiden westdeutschen Fällen (W. Matern und I. Eichenbrenner) kam noch verstärkend hinzu, dass das eigene "neue" Berufsfeld in und mit dem Reformaufbruch der Psychiatrie seit den ,68er'-Jahren ("Studentenrevolte", "Mehr Demokratie wagen", "Psychiatrie-Enquete") auch besonders gefragt und erwünscht war.
Der Aufbruch zielte darauf, die katastrophalen Missstände in der stationären psychiatrischen Versorgung der großen Anstalten zu beheben, die rechtlich-soziale Benachteiligung der seelisch Kranken und geistig Behinderten zu beseitigen und den Wechsel von der verwahrenden, kustodialen Psychiatrie hin zu einer therapeutischen, rehabilitativen und gemeindenahen Psychiatrie zu verwirklichen. Es ging somit um die nachhaltige Humanisierung der klinischen Situation durch eine stärkere wechselseitige Öffnung von Psychiatrie und Gesellschaft samt De-Institutionalisierung und Ambulantisierung der Versorgung.
Die Aktivitäten und Berichte der Zeitzeuginnen spiegeln eindrucksvoll den besonderen Anteil, den die neue - zunächst ganz überwiegend "weiblich" besetzte - Berufsgruppe der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter an der alltagspraktischen Umsetzung dieser zentralen Reformziele hatte. Teilweise nahmen Angehörige dieser Gruppe einzelne Reformimpulse auch vorweg - wie im Fall von Waltraud Matern, die als besonders frühe Pionierin des Faches in den 1960er-Jahren Initiativen entwickelte, die gewissermaßen bereits den Geist der späteren Enquete-Agenda atmeten.
Neben den skizzierten Gemeinsamkeiten lässt die Dokumentation des Diskussionsforums aber auch deutliche Unterschiede in den Erfahrungen, Perspektiven und Positionen der drei Zeitzeuginnen erkennen. Die Unterschiede verweisen einerseits auf gegensätzliche Entwicklungen in den beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften, auf besondere ostdeutsche Entwicklungen infolge der "Wende" 1989/90 sowie auf spezifische Formen der Verankerung der DDR-Vergangenheit im kollektiven Gedächtnis. Andererseits hängen sie mit divergierenden Einschätzungen des generellen (und auch aktuellen) Selbst- und Fremdbildes der psychiatrischen Sozialarbeit als Fachdisziplin zusammen.
Mit im Zentrum der Studie/Dokumentation stehen also auch die lebensgeschichtlichen Zeitzeuginnen-Berichte von Waltraud Matern, eine der westfälischen ,Pionierinnen' auf dem Feld der psychiatrischen Sozialarbeit.
Insofern knüpft das Buch auch an eine bereits vorangegangene Veröffentlichung des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte an: Waltraud Matern, Sozialarbeit in der Psychiatrie. Erinnerungen an den Reformaufbruch in Westfalen (1960-1980), herausgegeben von Franz-Werner Kersting, Münster (Ardey-Verlag) 2016.
INFO
Burkhart Brückner / Franz-Werner Kersting (Hrsg.): Eine vergessene Geschichte: Psychiatrische Sozialarbeit in Deutschland. Berichte, Dokumente und Analysen aus der Bundesrepublik und der DDR (1960-1990), 2021, 144 Seiten, 12,80 Euro
Reihe: Schriften des Fachbereichs Sozialwesen der Hochschule Niederrhein, Band 64
ISBN 978-3-933493-48-4
URL: https://www.hs-niederrhein.de/sozialwesen/schriftenreihe/
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