[WestG] [AUS] Sonderausstellung: Eine Klasse für sich. Adel an Rhein und Ruhr, 13.12.21-24.04.22

Bodden, Lina lina.bodden at lwl.org
Mo Dez 13 08:18:51 CET 2021


Von: "Forum Geschichtskultur" <forum at geschichtskultur-ruhr.de>
Datum: 10.12.2021, 14:42
Übernahme aus der Mailingliste Geschichtskultur im Ruhrgebiet


AUSSTELLUNG

13. Dezember 2021 bis 24. April 2022

Sonderausstellung "Eine Klasse für sich. Adel an Rhein und Ruhr"

Aus der industriegeschichtlich geprägten Perspektive scheinen Adel und die Rhein-Ruhr-Region unvereinbar. Aber das Ruhrgebiet hat auch eine reiche vorindustrielle Vergangenheit, die es einst zu einer der burgenreichsten Regionen Europas werden ließ. Aus vielen Wehrbauten entwickelten sich später prächtige Wasserschlösser und Herrenhäuser. Heute kommt man auf eine Gesamtzahl von über 400 Adelssitze. Etwa 200 von ihnen sind erhalten, wenn auch teilweise nur als Ruinen.

Die Ausstellung "Eine Klasse für sich" nimmt nicht nur die Bauten der Adelskultur in den Blick, sondern widmet sich auch den Adeligen selbst und ihrer Rolle in der Geschichte dieser Region von den Anfängen im Frühmittelalter bis in die Gegenwart. Welche Familien lebten hier, welche Netzwerke bildeten sie, wie sahen ihr Alltag und ihre Feste aus, auf welchen Säulen basierte ihre Macht, welche Rituale und Symbole gab es? Die Ausstellung geht auch der Frage nach, wie die sich als Elite verstehende Gruppe trotz Aufhebung ihrer Privilegien und des damit verbundenen politischen Bedeutungsverlusts weiter bestehen konnte. Und wie leben die Adeligen heute, welche Veränderungen ergaben sich aus diesem Wandlungsprozess?

Die Ausstellung umfasst über 800 Objekte aus rund 160 Museen, Archiven, Bibliotheken und Privatsammlungen. Viele adelige Familien stellen noch nie ausgestellte Exponate zur Verfügung: Bildnisse ihrer Vorfahren und andere Gemälde, kostbares Silber- und Porzellangeschirr sowie Glaspokale und Sammlerstücke, die bis heute im Familienbesitz geblieben sind. Urkunden, Stammbäume und illustrierte Bücher aus den zum Teil bis ins 16. Jahrhundert zurückgehenden Adelsbibliotheken, geben Einblicke in ihre ehemalige Lebenswelt.

Höhepunkte der Ausstellung sind der Prunkharnisch Herzog Wilhelms V. von Jülich-Kleve-Berg aus dem Kunsthistorischen Museum Wien, bedeutende Stiftungen adeliger Frauen aus der Essener Domschatzkammer, das Porträt der Essener Fürstäbtissin Franziska Christine, wertvolle Tapisserien, aber auch ein Löwenfell aus dem ehemaligen Löwenpark des Grafen von Westerholt in Gelsenkirchen. Die Bandbreite an Exponaten reicht vom Mittelalter bis in die heutige Zeit und umfasst das ganze Spektrum der Kunst- und Kulturgeschichte.

Die Ausstellung liefert zum ersten Mal einen Überblick zur gesamten Geschichte des Adels an Rhein und Ruhr vom frühen Mittelalter bis in die Gegenwart.


DIE GLIEDERUNG

Die Rhein-Ruhr-Region war nie das zusammenhängende Herrschaftsgebiet eines mächtigen Fürsten. Sie zeichnete sich stets durch eine Vielzahl kleinteiliger Herrschaften aus, zu denen neben Herzogtümern und Grafschaften auch geistliche Territorien und Städte gehörten.
Die Ausstellung erzählt im Innenraum die tausendjährige Geschichte des Adels. Im Frühmittelalter befördern Adelige als Gründer von Klöstern und Stiften die Ausbildung des mittelalterlichen Feudalsystems. Burgen und Kriege geben Zeugnis von Machtstrukturen, Rivalitäten und Bündnissen. In der Frühen Neuzeit dominieren die repräsentativen Ansprüche des Adels: Die Wohnsitze namhafter Familien werden zu Schlössern mit luxuriöser Hofkultur und prachtvollen Gärten. Mit der Französischen Revolution schwinden viele Vorrechte des Adels.

Der preußische Staat reglementiert ihn stark, eröffnet aber auch neue Betätigungsfelder, vor allem in Verwaltung und Militär. Adelige betätigen sich zunehmend als Unternehmer, gleichzeitig steigen Bürgerliche zu "Schlotbaronen" auf. Nach den Weltkriegen führt eine Neuorientierung zu einer Rückbesinnung auf adelige Traditionen und zu einem stärkeren Verantwortungsbewusstsein für die Erhaltung des kulturellen Erbes.

In den Seitenräumen der Ausstellung wird die Welt des Adels in zeitübergreifenden Themen vertieft. Die Tradition und Selbstdarstellung der Adelsfamilien verdeutlichen Wappen und Ahnentafeln. Grafiken und Fotos zeigen die imposanten Adelssitze dieser Region, während der Wandel der Gartengestaltung in Plänen und Gemälden sichtbar wird. Möbelstücke und Gobelins geben Einblicke in die adelige Wohnkultur, und die adeligen Sammlungen werden mit Büchern, Gemälden und Preziosen gezeigt. Uniformen stehen für die männlichen und weiblichen Bediensteten, die jahrhundertelang für den Adel tätig waren. Die Objekte im Raum Kindheit und Erziehung dokumentieren die Vorsorge für eine standesgemäße Ausbildung, die mit einer gezielten Heiratspolitik und der Vernetzung in den höchsten Kreisen einherging. Höfische Feste als gesellschaftliche Höhepunkte werden mit Gemälden und Musikinstrumenten, die hohe Jagd als Adelsprivileg anhand von Waffen und Geweihtrophäen vorgestellt. Im Raum Tod und Begräbnis finden sich neben Totentafeln imposante Grabmonumente, und der letzte Bereich Faszination Adel thematisiert das immer noch vorhandene Interesse unserer bürgerlichen Gesellschaft an der Welt des Adels.


DIE HISTORISCHE EINORDNUNG

Der Adel scheint aus gegenwärtiger, aber auch aus historischer Perspektive für das Ruhrgebiet und seine Geschichte nicht von Bedeutung zu sein. Das verblüfft insofern, als es sich bei der über zweitausend Jahre im weitesten Sinne schriftlich bezeugten Geschichte der Region oder zumindest in Teilen der Region um eine Geschichte der Adelsherrschaft handelte, die im Frühmittelalter begann und letztlich erst in der Weimarer Republik vor hundert Jahren an ihr Ende kam.

Dabei hatte diese Geschichte vor allem in den Anfängen bedeutende Höhepunkte, sowohl im Hinblick auf den geistlichen als auch auf den weltlichen Adel, die von entscheidender Bedeutung für die Christianisierung als auch für die politische Konstituierung des mittelalterlichen Heiligen Römischen Reiches waren. So lagen bedeutende Niederlassungen des fränkischen und späteren Ottonischen Königshauses und mit dem Kloster Werden und dem adeligen Frauenstift Essen auch wichtige Zentren der Missionierung und des geistlichen Adels in der Region.

Mit dem Wechsel vom fränkischen und sächsischen zum salischen und vor allem staufischen Kaiserhaus im Hochmittelalter wanderte die Zentralmacht im Deutschen Kaiserreich von Nord- nach Süddeutschland. Die Rhein-Ruhr-Region wurde zunehmend zu einem Raum mittlerer und kleinerer Territorien. Eine Struktur, die im Grunde nach bis zur preußischen Herrschaft im 19. Jahrhundert andauerte. Hinzu kommt, dass die Herrschersitze dieser Adelsgeschlechter, von denen nur die Herzogtümer Kleve, Mark, Jülich und Berg und zeitweilig der Kölner Erzbischof eine überregionale Bedeutung hatten, nicht im späteren Ruhrgebiet, sondern außerhalb in Köln, Bonn und Düsseldorf, in Kleve und Jülich lagen und sich im Ruhrgebiet somit keine bedeutende Residenzstadt ausbildete und die Region jahrhundertelang gleichsam von außen regiert wurde.

Aber genau diese kleinräumige Herrschaftsbildung ist es, die das spätere Ruhrgebiet zu einer spezifischen Adelsregion mit ganz eigenen Besonderheiten und Charakteristika hat werden lassen. So etabliert sich in dem adeligen Frauenstift Essen eine fast tausendjährige Frauenherrschaft, die durchgängig von der Gründung des Stiftes bis zur Säkularisierung die Geschicke der Stadt leitete. Und in der freien Reichsstadt Dortmund mit ebenso überschaubarem Territorium bildete sich im Spätmittelalter, vor allem in der Hansezeit, ein neuer patrizischer Stadtadel, der über immensen Reichtum und Handelsverbindungen in ganz Europa verfügte.

Am typischsten für das Ruhrgebiet ist aber sicherlich die Beteiligung des Adels an der beginnenden Montanindustrie. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts betätigten sich sowohl Bürgerliche als auch Adelige als Industriepioniere. Während sich der Adel in der Folgezeit aber immer mehr zurückzog, war es den bürgerlichen Industriellenfamilien ein Anliegen, ihren wirtschaftlichen Erfolg und ihr gesellschaftliches Ansehen durch einen feudalen Lebensstil und wenn möglich durch einen Aufstieg in den Adel zu nobilitieren. Alles in allem führte die territoriale Kleinräumigkeit, der stetige Wandel in den Herrschaftsbeziehungen und die unterschiedlichen Möglichkeiten der Betätigung dazu, dass sich an Rhein und Ruhr eine der dichtesten Adelsregionen entwickelte, mit mehr als 400 Adelssitzen, von mittelalterlichen Motten und Burgen über Herrensitze und Schlösser bis zu schlossartigen Industriellen wohnsitzen, von denen noch über 200 mehr oder weniger gut erhalten existieren. Sie sind heute noch häufig der Sitz ihrer adeligen Besitzer*innen und mitten im Ruhrgebiet.


DER KATALOG

Der Katalog zur Ausstellung im Ruhr Museum gibt zum ersten Mal einen Überblick zur Geschichte des Adels an Rhein und Ruhr vom frühen Mittelalter bis in die Gegenwart. Er zeichnet in Bildern und Objekten nach, wie es den Adeligen der Region gelang, trotz wechselnder Machtstrukturen über viele Jahrhunderte "oben zu bleiben". Archäologische Funde, Gemälde, Wappen und Aufschwörungstafeln, Archivalien und Bücher, Silber und Porzellan, Gobelins und Möbel, Kleidung und persönliche Gegenstände veranschaulichen die Geschichte dieser "Klasse für sich". Der 384 Seiten starke Katalog zur Ausstellung mit über 400 Abbildungen kostet 29,95 Euro und erscheint im Klartext Verlag, Essen, 2021. ISBN: 978-3-8375-2481-9.

Zur Sonderausstellung findet ein umfangreiches Begleitprogramm mit Führungen, einer Vortragsreihe, einem Gespräch, einem Filmabend und Exkursionen sowie einem vielfältigen Programm für Kinder, Familien, Jugendliche und Schulen statt. Erstmals wird eine kostenlose Audioguide-App angeboten, die mit 26 Beiträgen zu den Highlights und durch die Ausstellung führt. Die App kann im App Store für Apple-Endgeräte und im Google Play Store für Androidgeräte kostenlos heruntergeladen werden.

Veranstaltungsort
Ruhr Museum
in der Kohlenwäsche
UNESCO-Welterbe Zollverein
Gelsenkirchener Str. 181, 45309 Essen

Am Sonntag, dem 12. Dezember 2021 startet um 17 Uhr der Livestream zur Ausstellungseröffnung auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein. Unter www.ruhrmuseum.de/adel können Sie die Eröffnungsfeier in der Halle 12 sowie einen 15-minütigen Film zur Ausstellung sehen.


INFO

Ruhr Museum
in der Kohlenwäsche
UNESCO-Welterbe Zollverein
Gelsenkirchener Str. 181
45309 Essen

Tel.: (0) 201 24681 444

E-Mail: besucherdienst at ruhrmuseum.de

URL: www.ruhrmuseum.de/adel

Der LWL im Überblick:
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