[WestG] [AKT] Denkmal des Monats Mai 2018: Bausteine fuer die neue Großstadt - Ausgrabungen auf einem Grundstueck an der Lange Straße/Ecke Wilhelmstraße, Dortmund
Holtrup, Sandra
Sandra.Holtrup at lwl.org
Fr Mai 4 13:08:16 CEST 2018
Von: "Sabine Kastel-Lübke" <skastell at stadtdo.de>
Datum: 03.05.2018, 11:33
AKTUELL
Denkmal des Monats Mai 2018: Bausteine für die neue Großstadt - Ausgrabungen auf einem Grundstück an der Lange Straße/Ecke Wilhelmstraße, Dortmund
Wie immer, wenn ein Bauvorhaben geplant wird und Hinweise auf eine frühere, historisch bedeutsame Nutzung des Geländes vorhanden sind, ist die Stadtarchäologie im Einsatz. So auch im Frühjahr auf dem Eckgrundstück Lange Straße/Wilhelmstraße, dessen überraschende Funde jetzt von der Denkmalbehörde für das Denkmal des Monats Mai 2018 ausgewählt worden ist.
Ein ganz normaler Parkplatz..
Der unscheinbare kleine Parkplatz an der Ecke Lange Straße/Wilhelmstraße, als "wilde" Parkfläche bei Anwohnern und Nutzern des Kindergartens beliebt, gehörte in der Vergangenheit zu einem wichtigen Bereich der mittelalterlichen Stadtordnung. Auf den Flächen "vor dem Westenthor", d. h. außerhalb der von der Stadtmauer geschützten Reichsstadt, befand sich in alter Zeit der sogenannte Galgenberg. Hier wurden besondere Verbrechen mit dem Tod bestraft und die hingerichteten Personen vergraben, zusätzlich fanden dort auch an besonderen Krankheiten verstorbene Tiere ihren Platz. Bei Baumaßnahmen vor einigen Jahren hatte die Dortmunder Stadtarchäologie auf Nachbargrundstücken schon menschliche und tierische Gebeine entdeckt und untersucht. In noch länger zurückliegender, vorgeschichtlicher Zeit hatte sich hier zudem ein Urnenfriedhof befunden.
Aus dem Boden..
Doch auf dem Eckgrundstück kamen jetzt keine Hinterlassenschaften der Richtstätte oder antike Urnen zutage, sondern stattdessen die Reste einer Ziegelei. In alten Karten, so z. B. in dem sog. Brandhoffplan von 1857/58, sind vor dem Westentor zahlreiche und großflächige "Ziegelei"gruben eingetragen. Hier hatte man Lehm für die Herstellung von Ziegeln abgebaut. Obwohl sich für das Eckgrundstück Lange Straße / Wilhelmstraße kein Eintrag für eine Lehmgrube fand, stellte sich bei den Erdarbeiten schnell heraus, dass auch hier der Lehm mehrere Meter tief abgetragen worden war. Doch womit keiner gerechnet hatte: Man hatte offensichtlich einige Ziegelöfen und Trocknungshallen in einer dieser tiefen Gruben errichtet. Mehr als drei Meter unter der heutigen Oberfläche fanden die Archäologen die Unterteile von mindestens drei Feldbrandöfen. Streifenförmig angeordnet wurden die Rohziegel mehrere Meter hoch übereinandergestapelt: die orangerot geglühte Erde zeugt von der Hitzeentfaltung während des Brennvorganges. Die dazwischen liegenden, von der Kohleasche schwarz gefärbten Streifen zeigen die unteren Reste der ehemaligen Feuerungskanäle an.
Für Industriegebäude und zusätzlichen Wohnraum der Arbeitskräfte wurden in dieser Zeit dringend neue Baustoffe benötigt, denn Holz und Naturstein waren knapp und teuer. Der "Kunststein" Ziegel aus dem Rohstoff Lehm bot hier zusammen mit dem Brennmaterial Kohle Abhilfe, und so schossen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Ziegeleien im wörtlichen Sinne "aus dem Boden". Mitte des 19. Jahrhunderts zählte eine Liste von Dortmunder "Feldziegeleien und Ziegelhütten" allein vor dem Westentor sieben Betriebe, ohne jedoch ihre Größe anzugeben.
"Einreden polizeilicher Natur"
Bei den Untersuchungen an der Ecke Lange Straße/Wilhelmstraße konnten die Archäologen sogar mehrere Bauphasen unterscheiden. Zusätzliche Aufschlüsse gab eine im Stadtarchiv aufbewahrte Bekanntmachung vom 26. Februar 1853 aus dem Dortmunder Kreisblatt: "Die Herren Hüttemann und Rappe, von hier, beabsichtigen auf ihrem, vorm Westenthor hierselbst gelegenen Parzell, Flur XVIII, No. 3 und 4 einen Pfannenschuppen resp. Ziegelofen anzulegen". Und weiter: "Wenn jemand Einreden polizeilicher Natur zu haben vermeine", solle er sich beim Magistrat der Stadt melden. Beschwerden gab es offensichtlich nicht, denn schon am 11. April 1853 erteilte die "Königliche Preußische Regierung zu Arnsberg" die entsprechende Genehmigung. Ihr beigefügt war ein Lageplan, der auf dem Gelände an der heutigen Ecke Lange Straße / Wilhelmstraße, neben "Hüttemanns Garten" bereits zwei ältere Schuppen zur Lagerung von Ziegeln und Pfannen zeigt, einer davon ausgestattet mit vier Öfen.
Vom Handwerk zur industriellen Herstellung
Die bereits seit der Antike bekannte Ziegelherstellung war als handwerkliche Technik bis dahin gleich geblieben. Es war zwar eine schwere Arbeit, aber leicht zu erlernen. Ein im Stadtarchiv dokumentierter Reisebericht des "Oberregierungsrathes" Keßler aus Arnsberg stellte bei einem Besuch im Jahr 1879 in der Dortmunder Nachbarstadt Bochum fest, dass es "neuerdings immer größere Scharen von Familien, welche sich mit Ziegelbacken beschäftigen" gäbe. Er wies dabei auf das Problem der Kinderarbeit hin und plädierte für vermehrten Schulbesuch.
Eine technische Innovation löste das Problem der Kinderarbeit in den Ziegeleien. Neben der Erfindung von Maschinen zum Abbauen und Formen von Lehm oder Ton war vor allem der 1859 patentierte Ringofen ein großer Schritt zur Industrialisierung. Anders als in den bis dahin genutzten Feldbrandöfen, die mehrere Tage angeheizt und nach dem Brand tagelang ausgekühlt werden mussten, verfügte der Ringofen über bis zu 20 Kammern, die unabhängig voneinander beheizt werden konnten. Dabei benutzte man die Abwärme der auskühlenden Kammern für die neu anzuheizenden Abteile und konnte so die Energiezufuhr reduzieren und den Durchsatz steigern. Die Investitionen in Ringöfen und Maschinen konnten sich nur größere Betriebe leisten. Kleinbetriebe und die "Scharen von Familien" konnten nicht mithalten und stellten ihre Arbeit nach und nach ein.
"Versteckte" Ziegel
Bis auf Norddeutschland mit seiner Backsteingotik verbarg man in früheren Jahrhunderten das Ziegelmauerwerk meistens hinter Putz, um den Anschein einer Natursteinoptik zu erhalten. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde es - vor allem durch den bekannten preußischen Architekten Karl Friedrich Schinkel - wieder als architekturgliederndes Element sichtbar gemacht. Als sich während der Industrialisierung die Ruhrgebietsstädte in raschem Tempo vergrößerten, wurde der durch die industrielle Herstellung günstig gewordene Backstein beliebtes Baumaterial. Bei städtischen Wohn- und Geschäftshäusern verschwand die Fassade bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts allerdings in der Regel hinter einer Steinputzfassade - passend zum Repräsentationsbedürfnis des letzten Kaiserreichs. Nur in den nicht für jedermann einsehbaren Hinterhöfen ließ man die "billigen" Backsteinfassaden unverputzt. Erst die Architekten des Expressionismus entdeckten und belebten in den 1920er Jahren die vielfachen Gestaltungsmöglichkeiten des Ziegelbausteins. Da war die Ziegelei an der Wilhelmstraße längst geschlossen und ihr Grundstück spätestens seit den 1870er Jahren für die Stadterweiterung genutzt worden.
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