[WestG] [AKT] Denkmal des Monats Maerz 2017 in Dortmund

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Do Mär 2 12:49:14 CET 2017


Von: "Jennifer Bhardwaj" <jbhardwaj at stadtdo.de> 
Datum: 01.03.2017, 15:07


AKTUELL

Denkmal des Monats März 2017 in Dortmund

Archäologischer Fund am Brüderweg: Rätsel um ein kleines Töpfchen 
Als der Brüderweg 2012 im Rahmen der Planungen zum Boulevard Kampstraße umgebaut wurde, war auch die Stadtarchäologie vor Ort. In der Fülle der dort entdeckten Fundstücke geriet ein Gegenstand in den Hintergrund, der eine ganz eigene Geschichte erzählen kann. Erst jetzt, bei einer Neubewertung im Zusammenhang mit anderen Ausgrabungsergebnissen, wurde das kleine, nur 8 cm hohe Steingutgefäß "wiederentdeckt" und soll nun von der Denkmalbehörde der Stadt Dortmund als Denkmal des Monats März 2017 vorgestellt werden. 
Unbekanntes Produkt 
"Dr. Kochs' Fleisch-Pepton" - berichtet die Deckelinschrift über den ursprünglichen Inhalt. Allerdings ist heute niemandem mehr dieses Produkt geläufig. Erstmals wurde es im November 1883 im "Verein für Innere Medizin" besprochen. Dr. Kochs aus Bonn schrieb an die Mitglieder: "Als Rohmaterial meines Präparates verwende ich frischgeschlachtetes Ochsenfleisch und gelange durch meine Methode zu Präparaten, welche einen grossen Theil der Eiweisskörper des Fleisches in peptonisirtem Zustande enthalten, vereinigt mit den wohlschmeckenden und angenehm riechenden Extractstoffen in der Form wie sie unsere Bouillon und Bratensauce würzen." Je nachdem, wie stark man Flüssigkeit entzog, konnte das Fleisch-Pepton als Paste in Steingut- oder Blechdosen oder als trockene Tafeln verkauft werden. Problemlos konnte man es später mit Wasser in eine Brühe oder einen Brotaufstrich verwandeln. 
Schöne und wohlgenährte Katzen und Hunde 
Dr. Wilhelm Kochs empfahl seine Erfindung als Krankennahrung, u. a. für Blutarme und Menschen mit Verdauungsstörungen. Sein Pepton, ein durch künstliche enzymatische Behandlung hergestelltes Eiweißspaltprodukt, sei besonders nahrhaft, wie seine Versuche mit Hunden und Katzen bewiesen. Durch zusätzliche Gabe von Pepton nahmen die Versuchstiere schneller zu. "Ausserdem waren die Peptonthiere stets durch ihr gutes Aussehen sofort jedem kenntlich." Auch Gesunde "unter besonderen Verhältnissen" sollten von Dr. Kochs' Fleisch-Pepton profitieren. In Anzeigen wurde es "Touristen, Jägern und Reisenden (namentlich auf Seereisen)" empfohlen. Unbekannt ist, ob es wie das reine Fleisch-Extrakt nach Liebig auch als Feldration für das Militär vorgesehen war. 
Teuer, bitter und salzig 
Dr. Kochs fügte seinem Präparat relativ viel Salz (1 %) bei, um den sehr bitteren Geschmack von Pepton zu neutralisieren. Erst später wurde Pepton durch geschmacksneutrale Albumose, ein anderes Eiweißspaltprodukt, ersetzt. 
Auf der Weltausstellung 1885 in Antwerpen bekam Dr. Kochs' Fleisch-Pepton ein Ehren-Diplom. Man nannte es "vorzüglich, haltbar und geeignet, Europa unschätzbare Dienste zu leisten." Vermutlich sah man es als günstige Nahrungsalternative an. Die rasche Industrialisierung und der Anstieg der Weltbevölkerung verursachten im 19. Jahrhundert auch in Europa immer wieder Ernährungsengpässe und regelrechte Hungersnöte, die zu Auswanderungswellen, aber auch zu Aufständen führten. Sowohl in der Natur als auch im Experiment suchte man nach neuen energiereichen Nahrungsmöglichkeiten. Das führte beispielsweise zum verstärkten Einsatz der Kartoffel als täglichem Grundnahrungsmittel oder von Suppen aus getrockneten Hülsenfrüchten. 
Dr. Kochs' Fleisch-Pepton gehörte in dieser Hinsicht nicht zu den erfolgreichen Produkten. Schon 1905 stellte Meyers Großes Konversationslexikon fest, dass 50 g davon nötig waren, um den Nährwert eines Eies zu erzielen. Während damals ein Ei im Schnitt 6,5 Pfennige kostete, musste man für einen Liter Kochs' Fleisch-Pepton 11 Mark bezahlen. Man gab den Rat, wenn möglich auf "gewöhnliche Nahrungsmittel" zurückzugreifen. Heute werden Peptone fast nur noch in der Forschung als Nährböden für Bakterienkulturen und in mikrobiologischen Laboratorien verwendet. 
Der Fund des kleinen Steinguttöpfchens in einem Brunnenschacht am Brüderweg holt für uns die Geschichte eines Produktes zurück, das zunächst vielversprechend erschien, sich schließlich aber nicht bewährte.


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